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Von Omas, Küken und koreanischem Gemüse

2. August 2021

So nach und nach schaffe ich es endlich mal, alle Oscar-Kandidaten für den besten Film nachzuholen. Als die Verleihung stattfand, hatte ich nur „Mank“ auf meiner Liste. Mittlerweile konnte ich immerhin schon den großen Gewinner „Nomadland“ sehen und muss einfach sagen, ich war nicht so sonderlich begeistert von dem Film. Ich war auch kein sonderlicher Fan von „Mank“ von daher konnte ich bis heute nicht wirklich sagen, welchen Film ich lieber als „Sieger“ gesehen hätte. Endlich habe ich einen Film gefunden, der mich viel mehr bewegt hat als eben „Nomadland“… und das ist dieser kleine, feine Film namens „MINARI“.

Jacob Yi (Steven Yeun) zieht mit seiner Frau Monica (Han Ye-ri) und seinen zwei Kindern Anne (Noel Kate Cho) und David (Alan Kim) von Kalifornien mitten ins Nirgendwo von Arkansas, wo die Yi-Eltern in einer Küken-Farm arbeiten, während Papa Jacob die Hoffnung hat, auf dem Land, das er gekauft hat, Gemüse anzupflanzen. Mit der Hilfe des einheimischen Sonderlings Paul (Will Patton) macht sich Jacob ans Werk… und gerät schnell immer wieder mit seiner Arbeit in Schwierigkeiten. Währenddessen hat der junge David ganz andere Probleme: Denn Oma (Yoon Yeo-jeong) zieht bei der Familie ein… und Oma nervt.

Ich muss gestehen, ich habe nicht viel von „Minari“ erwartet… aber ich war von Minuten Eins in dieser kleinen Welt, die Regisseur und Autor Lee Isaac Chung hier aufbaut, gefangen. Wie mir Wikipedia zu verstehen gegeben hat, ist dieser Film für Lee wohl auch ein recht persönlicher Film, da er ein wenig von seiner eigenen Geschichte in den Film gegeben hat. Und ich muss sagen, hier war ich doch sehr erstaunt, wie relativ ruhig alles in diesem Film bleibt. Gerade, wenn die Yi-Familie auf die Bewohner der Stadt treffen, hatte ich (mittlerweile ist man ja so darauf gepolt) damit gerechnet, dass sie sich mit Anfeindungen konfrontiert sehen. Erstaunlicherweise scheint das Amerika der 80er Jahre gegenüber asiatischen Einwanderern da noch sehr viel offener gewesen sein oder zumindest dieser kleine Ort, in dem Lee Isaac Chung aufgewachsen ist. Abgesehen von ein paar anfänglichen merkwürdigen Blicken geht es in „Minari“ eben nicht darum, wie die „Außenwelt“ auf die Familie reagiert.

„Minari“ ist ein Film, der sich viel mehr im Inneren der Familie aufhält. Die Geldprobleme sorgen für ordentlichen Streit in der Familie. Papa Jacob kämpft mit Wasserknappheit und der Tatsache, dass das ganze Geld im Gemüse steckt. Und dann haben wir diese Herz zerreißend schöne Geschichte, wie der kleine David sich so langsam damit zurechtfinden muss, dass Oma da ist. Dass Lee Isaac Chung sich auf dieses Familienleben stürzt, ist perfekt. Denn auch seine Darsteller-Riege ist einfach nur wunderbar. Yoon Yeo-jeong, die für ihre Rolle der Oma als Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet wurde, ist schon ein echter „scene stealer“. Diese alte Dame ist so herzlich, so unermüdlich. Die lässt sich von nichts erschüttern, auch wenn David ihr mal was ganz anderes zu trinken gibt als sie eigentlich geplant hätte. Wie Oma Yi für Fernseher hockt und beim Wrestling mitfiebert, wie sie David ein bisschen Kultur aus der Heimat beibringt, wie sie nach und nach so ein wichtiger Bestandteil im Leben dieser Familie wird, baut „Minari“ wirklich schön auf.

Aber ich will mich gar nicht nur auf Yoon konzentrieren. Auch alle anderen sind toll in diesem Film. Steven Yeun scheint nach „Burning“ mehr und mehr seine Berufung auch in starken Dramen gefunden zu haben. Unser Glenn aus „The Walking Dead“ ist da schon fast vergessen. Han Ye-ri spielt ebenfalls stark auf und liefert den logischen Ruhepol für den Träumer Jacob. Am faszinierendsten fand ich dann auch Will Patton, der mir gerade am Anfang so dermaßen suspekt war, dass ich dachte, mit dem passiert noch was. Sein Paul wird zu einer interessanten und merkwürdigen Konstante, die vielleicht auch zeigt, dass die Yis nicht wirklich sehr viel „sonderbarer“ sind als die Einwohner der Kleinstadt, in die sie gerade gezogen sind.

„Minari“ hat mich dank seiner ruhigen Erzählweise und vor allem dank Lee Isaac Chungs tollem Drehbuch wirklich sehr berührt. Er navigiert sich hier gekonnt durch dramatische wie unglaublich witzige Momente und lässt uns Teil dieser kleinen Familie werden. Daher ist dieser Film bislang von den Oscar-Kandidaten der beste, der mir untergekommen ist 😀 mal gucken, wie die anderen noch so werden.

Wertung: 9 von 10 Punkten (wunderschön erzählte und gespielte Familiengeschichte)

2 Kommentare leave one →
  1. 18. August 2021 18:46

    Der hat mir auch sehr gut gefallen. 🙂 Auch dass Entwurzelung mal so anders angegangen wird. Nicht durch Anfeindung. Wobei ich die kleinen Momente des culture clashs schon durchaus sehr sprechend und auch ein wenig brenzlig empfand. Halt mehr so in die Richtung Fremdschämen wegen der Menschen um die Familie Yi.

    • donpozuelo permalink*
      19. August 2021 07:09

      Ja, absolut. Es ist ein wirklich toller, toller Film. Dass man diesen culture clash eben mal doch anders angeht, fand ich dann auch sehr schön gelöst.

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