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0,5 Promille zu wenig

30. Juli 2021

Ich erzähle diese Geschichte so häufig, dass ich gar nicht weiß, ob ich sie in irgendeinem Zusammenhang schon mal hier auf dem Blog erzählt habe. Aber jetzt passt sie gerade ganz gut… ich habe erst mit 27 Jahren angefangen, Alkohol zu trinken. Das war so eine Wette mit meinem Papa, der – weil er früher Leistungssportler gewesen ist – auch so lange abstinent sein musste. Also wollte er mir das auch aufbürden, ich war junge 12 oder 13 Jahre alt, konnte mich also nicht wirklich wehren oder größere Anforderungen an den Wettgewinn stellen. Deswegen wetteten wir einfach nur um die Ehre. Mehr nicht. Das waren dann ein paar anstrengende Jahre rund um die 18er-Jahre rum, wenn man auf jeder Party erklären musste, warum man nicht trinkt. Tja… so ist das mit dem Alkohol, er ist doch irgendwie allgegenwärtig, ob man sich nun etwas länger gegen ihn wehrt oder nicht. Aber ich habe es nie bereut, auch wenn ich mittlerweile den ein oder anderen Schluck Alkohol natürlich nicht ablehne. Als ich dann zuerst von Thomas Vinterbergs neuem Film „DER RAUSCH“ hörte, dachte: Oha, spannende Idee… was mir da noch nicht bewusst gewesen ist, dass Vinterberg diese Idee auch zur Perfektion bringt.

Die Lehrer Martin (Mads Mikkelsen), Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe) sind gute Freunde, stecken aber auch so ein bisschen in ihrer Mid-Life-Crisis. Das Leben ist einfach nicht mehr so das, was es mal war. Das kriegen deren Familien und Schüler auch zu spüren. Doch dann berichtet Nikolaj von einer obskuren Idee eines Philosophen: Der geht davon aus, dass der Mensch 0,5 Promille Alkohol zu wenig im Blut hat. Also einigen sich die vier Freunde auf ein kleines, außerschulisches Experiment: Sie wollen ihren Alkoholpegel konstant bei 0,5 Promille halten… anfangs scheint das Ganze auch gut zu funktionieren. Doch mit dem Erfolg kommt der Wunsch nach mehr und der Wunsch nach mehr bringt so Probleme mit sich.

Ein Film übers Saufen… mal was ganz Neues. Aber tatsächlich hat mich Vinterbergs großer Oscar-Gewinner echt ziemlich überrascht – und das aus so vielen Gründen. Die Story ist tatsächlich ziemlich ergreifend und irgendwo auch nachvollziehbar. Gerade diese von der Belanglosigkeit ihres Alltags geplagten Menschen kann man ziemlich schnell irgendwo nachvollziehen: eat, sleep, work, repeat! Das ist wohl eine Formel, die wir alle nur zu gut kennen… und das macht Martin und Co. dann doch auch so authentisch. Sie haben jetzt keine überbordende Mid-Life-Crisis, in der sie auf einmal auf Koks und Nutten und Sportwagen umspringen, finden aber in der Gemeinschaft ihres kleinen Freundeskreises andere Mittel und Wege, sich daraus zu befreien.

Es ist erstaunlich, wie behutsam Vinterberg sich hier auf seine Charaktere stürzt und sie in all ihren Facetten des Menschseins beleuchtet. Gerade Martin steht natürlich im Vordergrund und wenn man das stillschweigende Abendessen mit Frau und den zwei Kindern sieht, merkt man, dass hier allen was fehlt… es nur offensichtlich niemand anspricht. Dann kommt irgendwann der Alkohol ins Spiel und alles verändert sich.

Hier wird „Der Rausch“ dann zu einer amüsanten Komödie, in der die berauschten Lehrer nicht nur ihre Schüler, sondern auch sich selbst und ihre Familien wieder fürs Leben begeistern können. Vinterberg findet viele schöne und witzige Momente. Mal wird ein bisschen übertrieben, mal nicht so sehr… aber das Experiment scheint seinen Zweck zu erfüllen. Alkohol scheint die Lösung aller Probleme zu sein. So hätte man uns auch aus diesem Film entlassen können… aber nach dem Hoch kommt das Tief.

Es ist beeindruckend, wie feinfühlig Vinterberg den Film aus dem komödiantischen Fahrwasser ins Dramatische fährt… und man sitzt nur da und denkt sich: „Natürlich, nur so kann es ausgehen!“. Der Film befürwortet jetzt kein Trinken auf täglicher Basis, sondern zeigt uns erschreckend drastisch, was alles am Ende doch schief gehen kann. Man kommt wirklich vom Lachen zum Weinen und zum bitteren Bereuen.

„Der Rausch“ war für mich eine absolute Achterbahn der Gefühle, die Vinterberg und gerade auch seine wunderbaren Darsteller (und nicht nur Mikkelsen ist toll) zu einem echt faszinierenden und bewegenden Film-Erlebnis machen. Es ist einfach ein wunderschöner Film über Freundschaft und die Frage, wie wir unser Leben so leben können, dass wir und andere um uns herum es auch genießen können. „Der Rausch“ ist nicht nur der Rausch durch den Alkohol, sondern auch einfach der Rausch des Lebens, den man sich viel eher holen sollte als den durch Alkohol… und mit diesen weisen Worten schlürfe ich jetzt einen Schluck Whiskey und widme mich wieder anderen Dingen.

Wertung: 9 von 10 Punkten (fantastischer Film, den man definitiv als Anti-Alkohol-Film gut verwenden kann – auch wenn die erste Hälfte nicht den Anschein hat)

3 Kommentare leave one →
  1. 30. Juli 2021 21:54

    Wenn Vinterberg gut ist, dann ist er meistens sensationell. Hab den Film am Sonntag das zweite Mal gesehen und da war er noch besser als vor ein paar Monaten und wieder denke ich darauf rum. Inzwischen bin ich sogar der Meinung, dass er es mit der nächsten Sichtung endgültig in meine All Time Top Liste schafft und sich dann zu ua Das Fest und Die Jagd gesellt. Wie der Film es schafft aus seiner Prämisse einen Film über das Leben an sich zu machen und dabei immer größer wird ohne moralisch zu werden, ist einfach ganz groß. Sehe den Film aber keinesfalls als Anti-Alkoholfilm, sondern als Film, der ein Leben Im Bewusstsein von Gefahren und Genuss darstellt.
    Rumcola ist übrigens eine sehr gute Wahl als Longdrink.

    • donpozuelo permalink*
      31. Juli 2021 11:32

      Normalerweise nehme ich ja lieber Gin Tonic. Aber Rum Cola war auch okay. Und ja, der Film ist wirklich viel mehr als nur ein Anti-Alkoholfilm und wirklich einfach nur fantastisch erzählt.

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