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Random Sunday #59: Utopia Avenue

25. Juli 2021

Vor Ewigkeiten bekam ich mal David Mitchells „Ghostwritten“ zum Geburtstag geschenkt und muss gestehen, dass mich das Buch damals überhaupt nicht angesprochen hatte – zumindest von der Inhaltsangabe auf dem Buchrücken her. Doch irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem ich das Buch dann doch in die Hand nahm und nach kurzer Zeit hellauf begeistert war. Spätestens als ich dann „Cloud Atlas“ gelesen hatte, war ich Mitchell-Fan… und seitdem verpasse ich kein Buch mehr von ihm. Dennoch bin ich nicht unbedingt immer so happy mit allem, was er so macht. Diese ganzen Verbindungen, die zwischen seinen Büchern bestehen, sind cool… aber manchmal finde ich seine eigene Mythologie rund um die Horologen und diese ganze Seelenwanderungskiste (um es mal vereinfacht auszudrücken) etwas anstrengend. Ich lese ihn trotzdem gerne, gerade weil Mitchell einfach eine gute Schreibe hat und man sich, wie ich finde, sehr schnell ganz gut in seinen Geschichten verlieren kann. Deswegen stand es natürlich auch außer Frage, dass ich mir seinen neuesten Roman „UTOPIA AVENUE“ auf meine „21 Bücher für 2021“-Liste setzen würde… und jetzt bin ich endlich dazu gekommen, das Buch zu lesen.

„Utopia Avenue“ erzählt die Geschichte der fiktiven Rock- und Folk-Band „Utopia Avenue“. Der kanadische Manager Levon Frankland sucht für sein Label nach einer neuen Gruppe und sammelt sich aus unterschiedlichen Bands einfach seine Musiker zusammen. Da wäre zum Beispiel Elf Holloway, die vorher mit ihrem Ex Bruce einige kleine Erfolge im Folk-Bereich feierte… oder Dean Moss, der Bassist, der dringend endlich Geld braucht, bevor er einfach alles verliert. Dazu gesellt sich der Gitarrist Jasper de Zoet (und ja, der ist natürlich verwandt mit Jacob de Zoet aus Mitchells Buch „The Thousand Autumns of Jacob de Zoet), der mit einigen Psychosen zu kämpfen hat und der Drummer Griff Griffin, der halt einfach nur da ist. Wie es sich scheinbar für Bands gehört, interessiert sich Mitchell für den Drummer am wenigstens… sein Roman dreht sich um Elf, Dean und Jasper, die alle drei auch die Sänger und Songwriter der Band sind und somit immer ein Kapitel des Romans für sich beanspruchen dürfen.

„Utopia Avenue“ ist seit langem der „normalste“ Roman von David Mitchell, in dem es wirklich vorrangig um die Band-Geschichte und deren Weg zum Ruhm geht. Das Ganze ist in drei Teile geteilt (stellvertretend für die drei Alben, die die Band zusammen produziert haben)… und Mitchell geht dabei einfach sehr klassisch den Weg der Band durch. Vom ewigen Hin- und Herfahren, um in irgendwelchen kleinen Pubs zu spielen, bis hin zu den ersten Erfolgen und den Hindernissen, die mit dem Ruhm kommen, hat Mitchells Roman alles da, was so ein Musik-Roman braucht.

Was ich wirklich schön fand, war die Tatsache, dass Mitchell dabei die Musik-Ära der 60er und 70er Jahre so wundervoll einfängt. Unzählige große Namen wie David Bowie, Jim Morrison, Janis Joplin und John Lennon haben sogar kleinere Gastauftritte und durch die Erwähnung der Musik der jeweiligen Zeit entsteht ein ganz eigener Soundtrack für den Roman, den man hier und da einfach unterbrechen muss, um sich den gerade erwähnten Song anzuhören. So hat „Utopia Avenue“ auch etwas intermediales. Dieser Mix aus Fiktion und Realität plus die Erwähnung der Songs machen den Roman dann doch zu einem sehr musikalischen Erlebnis.

Gleichzeitig muss ich auch sagen, dass es Mitchell wunderbar gelingt, die Musik von „Utopia Avenue“ lebendig werden zu lassen. So sehr, dass ich mir wünschen würde, es würde diese Songs tatsächlich geben. Mitchell beschreibt die Musikalität der Songs auf so eindringliche Art und Weise, dass man sie förmlich hören kann. Zumal hinter jedem Song der Band auch immer eine Geschichte des Schreibers steckt, die in einem Kapitel deutlich gemacht wird. So vereint jeder Song auch eine starke Emotionalität, die man einfach spürt. In meinem Kopf klang „Utopia Avenue“ wie eine Mischung aus Janis Joplin meets Nina Simone meets The Doors meets Led Zeppelin meets BB King… und das kann für jeden Leser dann auch wieder ganz anders sein. Aber ich finde es einfach fantastisch, wie Mitchell es schafft, dass Musik, die man nie gehört hat, einem so nahe geht.

Bei all der Musikalität und „Normalität“, die sein neues Buch besitzt, kann es sich Mitchell aber natürlich nicht nehmen lassen, seine Horologen auch mal kurz mit einzubinden… das geht dann über Jasper, der schon seit seiner Jugend von einem merkwürdigen Klopf-Geräusch geplagt wird, das eine Entität ist, die ihn tot sehen will. Das verfolgt ihn bis in seine Zeit mit der Band und schließlich braucht er die Hilfe von Dr. Marinus, der versucht, ihn davon zu befreien. Dieser Mitchell-Einschub fühlt sich in „Utopia Avenue“ ein klein wenig erzwungen an – so nach dem Motto: „Verdammt, ich muss jetzt aber irgendwie diese Nummer auch noch bringen“. War unnötig in meinen Augen und reißt einen etwas aus der ansonsten sehr menschlichen und bewegenden Geschichte um die Band heraus… zumal unzählige andere Charaktere aus Mitchells vorherigen Büchern auch ohne viel Aufwand ihren Weg in den Roman finden – wie zum Beispiel Luisa Rey, die wir aus „Cloud Atlas“ kennen oder Bat Segundo, der DJ, der schon in „Ghostwritten“ auftauchte. Da funktioniert das organischer… aber Horologie muss halt sein, sonst wäre es ja kein Mitchell-Roman 😀

Insgesamt ist „Utopia Avenue“ – trotz Horologie-Einschub – eine angenehme Pause von all den Seelenwanderungen. Mitchell-Fans werden trotzdem (oder gerade auch deswegen???) ihre Freude an dem Buch haben und Mitchell-Nichtkenner bekommen eine grandiose Story über eine Band, die es leider nie gegeben hat, die aber großartig klingt. Somit gewinnen am Ende alle…

2 Kommentare leave one →
  1. 8. August 2021 21:19

    Ich frage mich ja immer wie sich diese Horologen-Szenarien für diejenigen lesen, die das nicht aus anderen Mitchell-Büchern kennen. Aber vielleicht liest man das auch einfach … und vergisst es dann, weil es nicht soviel Sinn ergab. XD
    Aber klingt gut das Buch!

    • donpozuelo permalink*
      8. August 2021 21:28

      Ich glaube, man überliest das wirklich einfach. Gerade in diesem Buch geht das tatsächlich auch ganz gut. Obwohl es alles soweit so gut erklärt wird, das man ohne Probleme durchblickt, was Sache ist.

      Aber ja, das ist wirklich ein toller Mitchell!!!

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