Zum Inhalt springen

Moderne Nomaden

16. Juli 2021

Es gab eine Zeit, da habe ich noch viel darauf gegeben, was bei den Oscars so passiert. Doch mittlerweile interessiert mich diese Veranstaltung mit jedem Jahr weniger und weniger. Früher bin ich gerne wachgeblieben, um mir das bunte Treiben der Stars anzuschauen, irgendwann verschwand jedoch der Show- und Unterhaltungscharakter des Ganzen und wurde unerträglich in so vielen Belangen. Da gab ich dann einfach auf. Es reicht ja auch aus, sich einfach am Tag danach mal kurz die Liste der Gewinner anzuschauen. Fertig… denn zumindest was so in den großen Kategorien passiert, interessiert mich dann doch. Auch wenn die Oscars 2021 ja zusätzlich mit den Schwierigkeiten der Pandemie zu kämpfen hatten… und ich deswegen aus der Kategorie der Besten Filme bis auf „Mank“ nicht einen einzigen Film gesehen hatte. Zumal es auch eher das Jahr der „kleineren“ Filme gewesen ist. Deswegen kann ich jetzt nicht wirklich sagen, ob der Sieg von Chloé Zhao und „NOMADLAND“ wirklich verdient ist oder nicht… sehen wollte ich den Film dann aber trotzdem, nicht zuletzt, weil Zhao dann demnächst auch „Eternals“ für Marvel ins Kino bringt.

Fern (Frances McDormand) ist nach dem wirtschaftlichen Bankrott der Bergbaustadt Empire gezwungen, ihr dortiges Leben aufzugeben. Sie packt all ihr Hab und Gut in einen alten Van und fährt einfach los. Sie wird zu einer modernen Nomadin, von denen es in den USA eine ganze Menge gibt. Mit kleineren Jobs (zum Beispiel in der wundervollen Lagerhalle von amazon, wo alle immer nur lachen und die besten Freunde sind) hält sich Fern über Wasser und treibt durch ihr Leben.

Es gibt einen schönen Satz, den Fern irgendwann zu jemandem sagt, der meint, sie sei „homeless“: „I’m not homeless, I’m houseless“. Und damit definiert sich dann quasi diese Gruppe von Nomaden, die wir vielleicht als Obdachlose sehen würden, die aber in einigen Teilen ganz bewusst, dieses Leben als moderne Pioniere der USA, als Nomaden gewählt haben. Spannend an „Nomadland“ waren für mich vor allem die Geschichten der Leute, die Fern auf ihrer eigenen Reise kennenlernt. Denn zum größten Teil hat Regisseurin Zhao hier tatsächlich „echte“ Nomaden einfach vor die Kamera geholt. Wenn die ihre Geschichten erzählen, ist das schon echt sehr bewegend… hier merkt man dann aber auch, dass sich „Nomadland“ an sich vielleicht eher als Dokumentation geeignet hätte.

Rein als „Unterhaltungsfilm“ hat mir dann doch etwas gefehlt. Gerade Fern fand ich von allen Charakteren, die man so in dem Film kennenlernt, am uninteressantesten. Klar, Frances McDormand spielt sie gut, keine Frage. Aber so richtig ans Herz gewachsen ist sie mir in der kurzen Laufzeit des Films auch nicht. Da haben mich andere in diesem Film eher bewegt. Ich kann es nicht mal so richtig in Worte fassen, aber Fern hat für mich als Figur nie so richtig funktioniert. Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich Frances McDormand nie so ganz nicht sehen konnte. Vielleicht ist es auch die Tatsache, dass sie von allen Nomaden, die wir da kennenlernen, diejenige ist, die die meisten Chancen hat und hatte, dieses Leben aufzugeben. Woher der Drang kommt, jetzt mit und in dem Van zu leben, hat mir einfach an vielen Stellen gefehlt. Dass sie sich irgendwann so sehr an dieses Leben gewöhnt, dass sie nicht mal mehr in einem normalen Bett schlafen kann, hat da nicht gereicht (das hat sogar Bucky Barnes in „Falcon and the Winter Soldier“ gezeigt – um mal ein komplett fremdes Beispiel zu wählen).

Als Semi-Dokumentation über moderne Nomaden in den USA ist „Nomadland“ immerhin mal etwas Neues. Mir war gar nicht so bewusst, dass es diese „Bewegung“ gibt und dass es tatsächlich so viele von ihnen gibt, die sich von einem „normalen“ Leben gelöst haben. Echt lachen musste ich über die schon angesprochenen amazon-Szenen. Nachdem man immer solche Horror-Geschichten über die Lager-Arbeiter bei amazon hört, frage ich mich nun schon, ob der gute Jeff Bezos Mitproduzent am Film gewesen ist. Aber gut… muss ja auch nicht so harsch sein, das ist mir nur direkt im Kopf geblieben.

Ob „Nomadland“ für mich jetzt ein verdienter Gewinner der Beste Film Kategorie ist… wenn ich ehrlich bin: Nein. Dafür war mir der Film am Ende nicht „aufregend“ genug. Aufregend im Sinne von „es hat mich überwältigt, was ich gesehen habe“. Die Bilder waren nett, die Charaktere waren nett, die Musik von Einaudi ging mir irgendwann auf den Keks (aber ich mag Einaudi eh nicht so, weil sich nach einem Album gefühlt alles gleich anhört) und das große Roadmovie war es jetzt auch nicht. Ich finde immer noch, der Film hätte auch gleich einfach eine Doku sein können – das hätte am Ende mehr Eindruck gemacht.

So ist es ein ganz netter Film, den ich aber weder als Meisterwerk bezeichnen noch zwingend weiterempfehlen würde.

Wertung: 6 von 10 Punkten (informativer Film über Menschen, die in Vans leben)

4 Kommentare leave one →
  1. 18. August 2021 19:47

    Der hat bei mir deutlich mehr gefruchtet. Ich mag die Filme mit den leisten Tönen, die den Zuschauenden erlauben sich selbst eine Meinung zu bilden und wenig vorgeben. Und die Oscars mag ich auch meistens mehr, wenn die kleineren Filme Aufmerksamkeit bekommen statt großem, bunten, teuren Popcorn-Blockbustern.

    • donpozuelo permalink*
      19. August 2021 07:11

      Popcorn Blockbuster sind ja nur wirklich selten vertreten. Da hatten die Oscars ja meist schon eine ziemlich klare Linie, was die Nominierungen angeht. Aber klar, auch wenn es eher Pandemie bedingt war, ist es mal schön gewesen, die kleineren Filme weiter vorne zu sehen… muss die auch weiterhin alle noch brav durchgucken.

Trackbacks

  1. Kampf in der Zukunft | Going To The Movies
  2. Von Omas, Küken und koreanischem Gemüse | Going To The Movies

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: