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I (don’t) care a lot – und zwar kein bisschen…

7. Mai 2021

Altwerden ist schon irgendwo auch eine gruselige Angelegenheit. Es gibt natürlich tolle Ausnahmen, aber das Altwerden ist auch kein Zuckerschlecken. Man wird gebrechlicher, die Gefahr krank zu werden, ist auch immer da… und was ist mit Altersarmut? Was ist, wenn einen die Familie in ein Heim abschiebt oder man gar keine Familie hat? Für mich ist jetzt zu diesen Gedanken noch ein weiterer dazu gekommen: Was passiert, wenn man plötzlich einen gesetzlichen Vormund bekommt, der über das eigene Leben verfügt… und man nichts dagegen tun kann? Der Netflix-Thriller „I CARE A LOT“ nimmt sich genau dieser Thematik an und zeigt uns eine schmutzige Variante des amerikanischen Traums, in der wortwörtlich mit Menschenleben gespielt wird. Dabei ist dieser Film eine Zumutung ohne Ende… zumindest in meinen Augen.

Marla Grayson (Rosamund Pike) lebt davon, alte Menschen in Heime zu packen und sich dann um sie zu kümmern. Dabei verkauft sie natürlich alles von Wert, um die Kosten für sich und das Heim zu decken… und hat sich somit ein gutes Leben geschaffen. Eine korrupte Ärztin hilft ihr dabei, besonders gute (sprich: reiche) Kandidaten zu finden; ein nicht weniger korrupter Heimleiter sorgt für ausreichend Platz. Das Leben könnte für die eiskalte Marla eigentlich nicht besser laufen. Doch dann pickt sie sich die falsche Person heraus: Jennifer Peterson (Dianne Wiest) hat keine Verwandten, keine Familie. Wunderbar… obwohl es ihr wunderbar geht, schafft es Marla, sie in ein Heim einweisen zu lassen. Doch damit gehen ihre Probleme erst richtig los… denn Jennifer hat sehr wohl Familie. Mafia-Boss Roman (Peter Dinklage) liebt seine Mama und ist umso erboster, als Mama plötzlich verschwunden ist.

„I care a lot“ hat genau ein großes Problem – und damit geht der ganze Film für mich baden: Er hat niemanden, der mir wirklich wichtig ist. In seinem Versuch, uns eine eiskalte Kapitalismus-Kritik vorzustellen, in der Menschen wie Ware benutzt und missbraucht werden, schafft es Regisseur und Autor des Films J Blakeson nicht, mir jemanden zu geben, mit dem ich mich auch nur ansatzweise identifizieren kann. Ich dachte ursprünglich noch, dass Roman vielleicht sowas werden könnte, aber er handelt auch mit Menschen (jungen Frauen, um genau zu sein)… und das macht ihn auch direkt zu einem widerlichen Kerl – egal, wie sehr er seine Mama liebt. Und Marla ist von Anfang an die Queen Bitch des Films, die eiskalt über Menschenleben entscheidet, zwar angeblich zum Wohle der von ihr Betreuten. Aber letztendlich sind die nicht mehr als Fotos an ihrer Wand, damit sie einen Überblick hat, wer ihr wie viel Geld beschafft.

Von Sekunde 1 hasst man diese Frau, denn nichts was sie tut, ist auch nur ansatzweise gut. Sie ist ein verachtenswerter Mensch, der über Menschen urteilt und waltet, als wäre sie Gott. Natürlich ist sie letztendlich nur jemand, der das System ausnutzt, aber das macht sie noch lange nicht sympathisch. Sie ist genau so ein Monster wie Roman auch… und von Sekunde 1 habe ich mir gewünscht, dass dieser Film sie dafür bestraft.

Was der Film auch versucht, dabei ist Regisseur Blakeson allerdings so hart darauf bedacht, Rosamund Pike als taffe Frau darzustellen, dass sein Empowerment der Frau ein bisschen fragwürdig gerät. Denn der Film folgt einer Logik, in der Marla in jeder Situation jedem Mann überlegen ist. Die sind alle einfach nur dumm und selbst ein Mafia-Mob-Boss wie Roman schafft es mit all seinen Mitteln nicht, dieser Frau Herr zu werden. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin für starke Frauenrollen und auch gute Frauenrollen, aber „I care a lot“ ist so extrem darauf erpicht, Marla zur unschlagbaren Frau zu machen, dass es einfach nur weh tut. Und ich sage das jetzt nicht, um wie ein Chauvinist zu wirken. Selbst ein Mann in der Rolle von Marla wäre mir mit dieser überzogenen Siegessicherheit einfach nur auf den Keks gegangen.

Denn egal, was passiert, am Ende schauen wir zwei Monstern dabei zu, wie sie sich bekriegen. Und jedes dieser Monster verdient, was es bekommt. Nur hatte ich leider trotzdem nie einen wirklichen Bezug zu diesen Figuren, die mir in ihren Handlungen zuwider waren und im Film auch nie wirklich Momente zeigen, in denen man sie mögen könnte. Marla ignoriert ständig die Ratschläge ihrer Partnerin Fran (Eiza Gonzalez), Roman liebt zwar seine Mutter, behandelt aber sonst alle anderen wie Dreck.

Ich weiß nicht wirklich, was J Blakeson wirklich mit diesem Film bezweckt hat… denn gerade auch zum Ende hin wird alles noch ein bisschen überzogener, bevor er uns dann mit der Karma-Klatsche kommt, die dann auch einfach nur aufgesetzt und extrem albern wirkt.

Abgesehen von den schauspielerischen Leistungen (Rosamund Pike spielt das Monster wunderbar und auch Peter Dinklage ist als Mama liebendes Monster toll) ist „I care a lot“ für mich ein Film ohne wirklichen Sinn, der mich eigentlich nur nervlich fertig gemacht und aufgeregt hat.

Wertung: 2 von 10 Punkten (nach diesem Film möchte man lieber nicht alt werden)

6 Kommentare leave one →
  1. 10. Mai 2021 14:01

    Ich muss sagen ich fand den wirklich gut^^

    • donpozuelo permalink*
      10. Mai 2021 14:04

      Das freut mich sehr für dich. Wirklich. Meins war es leider überhaupt nicht.

      • 14. Mai 2021 09:24

        Ach, ich fand ganz viel daran gut. Nur das letzte Drittel funktioniert leider nicht mehr

        • donpozuelo permalink*
          14. Mai 2021 11:09

          Ja, das Finale ist auch echt weit hergeholt. Das war nicht gut gelöst…

  2. 19. Mai 2021 20:03

    Hui, interessant. Der wurde ja von einigen vor der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen als Kandidat vermutet. Jetzt werde ich dich ganz neugierig, woher so eine große Schere kommt. Gesehen habe ich selber ihn noch nicht

    • donpozuelo permalink*
      20. Mai 2021 16:48

      Tja… ich weiß auch nicht. Meins war es absolut nicht. Ich kenne aber auch sehr viele, die diesen Film wirklich sehr feiern. Als Oscar Kandidaten hätte ich mir den in keiner einzigen Kategorie so wirklich vorstellen können.

      Ich bin echt gespannt, was du davon hälst, wenn du den guckst.

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