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Random Sunday #53: The Vegetarian

2. Mai 2021

Ich bin ein Fleischfresser und werde es wohl auch immer bleiben. Letztendlich ist mir das aber auch total egal, ob jemand nun Fleisch isst oder nicht. Solange mich niemand versucht, mit Predigten von meinem Fleischkonsum abzuhalten, bin ich mit allem im Reinen. Und ja, ich habe genügend Freunde, die den „fleischlichen“ Gelüsten abgesagt haben – und wir sind trotzdem immer noch beste Freunde. Es geht also wirklich in Einklang mit Vegetariern zu leben. Bei uns in der westlichen Welt ist das mittlerweile ja auch viel mehr Thema, doch im asiatischen Raum scheint das irgendwie noch ein großes Novum zu sein. Anders kann ich mir nicht erklären, wie in Han Kangs „THE VEGETARIAN“ das alles so eskalieren kann.

Han Kang erzählt die Geschichte von Yeong-hye. Die junge Frau entscheidet sich auf einmal zur Vegetarierin zu werden. Nachdem sie ein paar recht abscheuliche und sehr Blut durchtränkte Träume hat, entsagt sie jeder Art von Fleisch. Ihre Familie ist entsetzt, ihr Ehemann weiß nicht, wie er mit ihr umgehen soll. Denn mit ihrer Wandlung zur Vegetarierin wird Yeong-hye auch verschlossener und wendet sich mehr und mehr von ihrer Umgebung und ihrer Familie ab… bis die sie sogar einweisen lässt.

Das ist nur so die grobe Story, die in drei Teile aufgeteilt ist. Der erste Teil war für mich der schockierendste Teil des Romans. Hier zeigt Han dann, wie schwer es offensichtlich in der südkoreanischen Gesellschaft wiegt, wenn man plötzlich kein Fleisch mehr isst. Ein Essen, dass Yeong-hye mit ihrem Mann besucht, wirkt noch vergleichsweise harmlos. Aber ein Familienessen eskaliert dann vollkommen. Und wie gesagt, wir sind es mittlerweile einfach schon gewohnt, dass es mehr und mehr Menschen gibt, die sagen: „Ich esse kein Fleisch mehr!“. Das ist halt normal. Wie Yeong-hyes Familie auf ihren Vegetarismus reagiert, ist einfach nur krass. Von Beschwörungen, Androhungen bis zu dem Punkt, wo ihr Vater wirklich handgreiflich wird und versucht, ihr Fleisch mit Gewalt in den Mund zu schieben.

Han lässt selbst ihre Leser ein wenig im Unklaren, warum Yeong-hye sich jetzt zu diesem Schritt entscheidet, aber so richtig habe ich es auch nicht hinterfragt. Ist halt so. Aber wie dann die Gesellschaft darauf reagiert, wirkt so schockierend übertrieben. Da geht ja eine halbe Welt unter… und es geht einem schon echt nahe, wenn man diese Zeilen liest und sich denkt, lasst diese arme Frau doch einfach in Ruhe. Sie wird direkt zum Außenseiter, zu einer Art Monstrum, das es zu bekämpfen gilt. Das war sehr gruselig.

Der zweite Teil dagegen hat dann wieder etwas sehr schönes und liefert ein totales Kontrastprogramm zu dem Chaos. Hier steht der Ehemann von Yeong-hye im Vordergrund. Ein Künstler, der besessen davon ist, ein Video-Kunstprojekt mit Yeong-hye zu machen… und irgendwann gelingt ihm das auch. In diesem zweiten Teil geht es weniger um die Vegetarierin an sich, sondern eine Art Transformation, die sie durchläuft. Der Künstler malt ihr Blumen auf den Körper und auf einmal fühlt sie sich damit sehr wohl. Teil 2 ist sehr ruhig, bewegend und auch sehr erotisch… einfach eine Wohltat nach diesem ersten Teil, der uns zeigt, dass Yeong-hye nicht das wahre Monster ist.

Ich tue mich schwer damit, gerade diesen zweiten Teil in Worte zu fassen, die beschreiben können, wie sehr Han hier auf einmal die Tonalität ändert. Das liest man einfach gerne, weil wir durch die Vision des Künstlers erleben, wie Yeong-hye etwas anderes wird, etwas Neues. Das wiederum spiegelt sich dann im dritten Teil wieder: Sie wurde von ihrer Schwester mittlerweile eingewiesen, weil sie auch komplett aufs Essen verzichtet… und offensichtlich wirklich eine Pflanze werden will.

Der dritte Teil war in meinen Augen nicht ganz so stark wie der Rest des Buches, dreht sich hier doch alles mehr um die Schwester, die mit ihren eigenen Schicksalsschlägen konfrontiert ist. Das beschreibt Han auch alles in gewohnt tollen Worten, aber ich hätte mir dann doch fast mehr gewünscht, noch einmal den Fokus auf Yeong-hye zu haben.

Nichtsdestotrotz ist „The Vegetarian“ ein Buch, das mich echt mitgenommen hat. Es ist verstörend, faszinierend, schockierend und unglaublich zu gleich.

6 Kommentare leave one →
  1. 2. Mai 2021 10:39

    Danke für den Tipp, das hört sich wirklich interessant an!

    In dem Zusammenhang: Hast du mal den Film „Raw“ gesehen?

    • donpozuelo permalink*
      2. Mai 2021 20:20

      Gerne doch. Nein, „Raw“ habe ich nicht gesehen. Habe aber viel darüber gehört. Ist der echt so fies?

      • 2. Mai 2021 23:19

        Also ein paar Szenen waren schon echt fies. Das ist aber ganz gut eingebettet.

        • donpozuelo permalink*
          3. Mai 2021 09:04

          Klingt gut. Kommt definitiv mal auf meine Liste.

      • 7. Mai 2021 22:32

        Grade zufällig entdeckt: Raw läuft am nächsten Mittwoch auf Tele 5. (und ausdrücklich nicht bei den SchleFaZ)

        • donpozuelo permalink*
          8. Mai 2021 08:56

          🤣🤣🤣🤣 Sehr gut. Na für SchleFaZ dürfte Raw zu gut sein, oder?

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