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Verschluckt

30. April 2021

Als ich das erste Mal den Titel „SWALLOW“ las, dachte ich unanständige Sachen über den Film mit diesem Titel. Als ich dann das Poster sah, auf dem man eine traurig dreinblickende Haley Bennett sieht, die fast schon sehnsüchtig auf die Stecknadel schaut, die sie in der Hand hält, war ich irritiert. Die sexuelle Konnotation von „Swallow“ war weg, aber das Interesse blieb. Was hat es denn bitte mit diesem Film auf sich? Irgendwann wurde mir im Büro dann auch noch dieser Film sehr von meinem Chef empfohlen, so dass meine Neugier stieg… und so wagte ich den Schritt und sah mir „Swallow“ an.

Hunter (Haley Bennett) könnte eigentlich nicht glücklicher sein. Ihr Mann Richie (Austin Stowell) kommt aus einer reichen Familie, er selbst arbeitet in der erfolgreichen Firma seines Vaters. Gemeinsam leben Hunter und Richie in einem wunderschönen, großen Haus… doch wie so häufig schlummert unter der Oberfläche ein riesiger Schatten. Hunter spielt die glückliche Ehefrau, sobald Ehemann und Schwiegereltern da sind, wirklich glücklich ist sie aber nicht. Sie wird vernachlässigt und ist in dieser schönen Welt eher gefangen… doch die Frau aus einfachen Verhältnissen will das alles nicht aufgeben. Selbst als sie schwanger wird, kann das ihre Langeweile und ihre Stimmung nicht heben… bis sie eines Tages, auf Empfehlung eines Buches, mal was Neues ausprobiert. Sie verschluckt eine Murmel und findet Gefallen daran… nur irgendwann reicht die Murmel nicht. Da kommt dann unter anderem auch die bereits erwähnte Stecknadel und mehr ins Spiel.

Regisseur Carlo Mirabella-Davis beleuchtet hier das sogenannte Pica-Syndrom näher, eine seltene Essstörung, bei der Menschen Sachen essen, die nicht zum Verzehr geeignet sind. Im Film sehen wir auch gut, was das alles bedeuten kann. Hunter isst Blumenerde, verschluckt kleine Gegenstände wie Kugelschreiber-Minen, Klammern oder Figürchen. Zum Glück für den Zuschauer wird das Ganze aber nie zu voyeuristisch, sprich: Wir sehen jetzt nicht ständig, wie Hunter Zeugs verschluckt… nur im Laufe des Films dürfen wir ihre „Sammlung“ an bereits verschluckten Gegenständen besichtigen.

Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass Mirabella-Davis der Tragweite dieser Störung nie so wirklich gerecht wird. Auf der anderen Seite kann ich das auch nicht im Ansatz beurteilen. Dennoch wirkte es im Film fast schon lapidar, wie damit umgegangen wird. Ich tat mich sehr schwer damit, diesen ersten Schritt zum Verschlucken der Murmel nachvollziehen zu können. Einfach nur um was Neues auszuprobieren??? Da hätte Hunter doch auch irgendwas anderes machen können. Erst im weiteren Verlauf versucht der Film Hunter dann noch eine schreckliche Vergangenheit anzudichten, die rechtfertigen soll, warum sie psychisch labil genug ist, um Dinge zu verschlucken.

Trotz allem wirkte der weitere Verlauf der Geschichte dann ein wenig zu beschönigend für diese Störung… was aber vielleicht auch daran lag, dass ich nie so richtig an die Charaktere herangekommen bin. Haley Bennett spielt wirklich gut, dennoch war mir ihre Hunter selbst mit all diesen Geschehnissen zu fremd, zu weit weg, um mich in ihre Situation einfühlen zu können. Die Tatsache, dass alle Menschen um sie herum einfach als pure Arschlöcher gezeigt werden, reicht da nicht aus. Doch Mirabella-Davis macht es trotzdem. Richie ist ein Arsch, das sich kaum um seine Frau kümmert, der offenbart auch nur geheiratet hat, weil es von seinen Eltern gern gesehen wird. Seine Eltern sind Arschlöcher, weil sie so extrem scheinheilig sind (und ganz offensichtlich sehr gegen Hunter sind, die ja dann doch etwas unter ihrem Stand ist). Nur der syrische Aufpasser Luay (Laith Nakli) ist eine willkommene Abwechslung… aber auch er hat irgendwie wie ein Fremdkörper in diesem Film gewirkt.

„Swallow“ hat in meinen Augen das Problem, dass die Charaktere nie so richtig ausgearbeitet werden und so verliert sich der Film gerade in der zweiten Hälfte in so affigen Klischees und Situationen, anstatt der Ernsthaftigkeit der Lage und der Unruhe Hunters wirklich gerecht zu werden.

Ich glaube, das Einzige, das mir von diesem Film im Gedächtnis bleiben wird, ist das wirklich tolle Haus, in dem Hunter ihr stilles Leid ertragen muss. Ansonsten bleibt da wenig. „Swallow“ versucht ein hartes Thema so halb thriller-artig zu verarbeiten, anstatt emotional stärker auf seine leading lady einzugehen. Schade…

Wertung: 6 von 10 Punkten (interessantes und auch erschreckendes Thema, das leider etwas zu sanft angepackt wird)

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