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Blutiges Familientreffen

23. April 2021

Regisseur Adam Wingard hat, wenn man es mal so betrachtet, das große Los gezogen. Mit kleineren Thrillern und Horror-Filmen hat er sich einen Namen gemacht, bis er in die Oberliga aufgestiegen ist. Jetzt ist er auf einmal der Mann hinter einem riesigen Blockbuster wie „Godzilla vs. Kong“ (und ich verfluche Corona immer noch dafür, dass wir nicht ins Kino dürfen – aber natürlich nicht nur deswegen) oder einem kommenden Sequel zu „Face/ Off“ (was ich immer noch nicht so ganz nachvollziehen kann – ohne Cage und Travolta sollte man sowas einfach nicht angehen). Aber wie gesagt, angefangen hat Wingard klein und bescheiden – nur nicht immer unbedingt so gut, wie es scheint. Seine Netflix-Live-Action-Adaption zu „Death Note“ soll ja nicht so der Hammer gewesen sein. Seine Fortsetzung zu „The Blair Witch Project“ fand ich selber nicht sonderlich gut. „Blair Witch“ war einfach nur langweilig. Nur von seinem „The Guest“ höre ich bislang nur Gutes… und eben von dem Film, um den es mir heute gehen soll: „YOU’RE NEXT“.

In „You’re next“ begleitet die junge Erin (Sharni Vinson) ihren Freund Crispian (A.J. Bowen) zu einem Familientreffen seiner sehr, sehr reichen Eltern. Seit Ewigkeiten kommen hier mal wieder alle zusammen: Crispians Eltern, sein älterer Bruder Drake und dessen Frau sowie seine jüngere Schwester Aimee samt Anhang und sein jüngerer Bruder Felix samt Anhang. Was eigentlich ein ruhiger Abend werden sollte, artet erst in einem fiesen Streit unter den Geschwistern am Essenstisch aus und endet dann damit, dass Aimees Freund auf einmal einen Armbrustbolzen im Kopf stecken hat. Das Familientreffen wird von einer Gruppe mit Tiermasken maskierter Leute zu einem blutigen Schlachtfest gemacht. Nur Erin scheint genau zu wissen, was in so einer Situation zu tun ist.

„You’re next“ ist ein klassischer Home-Invasion-Thriller, der mit einigen fiesen Kills und Jump Scares daherkommt und gerade in der ersten Hälfte auch ganz gut Spannung erzeugt. Dennoch hat mich der Film irgendwie nie so zu hundert Prozent von sich überzeugen können. Ich glaube, dieser Film war für mich der ultimative Beweis, dass ich mittlerweile einfach schon zu viele Filme gesehen habe und die einzelnen kleinen Dinge, die für die Story noch wichtig waren, früher erkannt habe, als das es Wingard liebgewesen wäre. Ich sage das jetzt nicht, um mich aufzuspielen als der große King, der „You’re next“ nach 10 Minuten durchschaut hatte. Viel mehr will ich einfach sagen, dass Wingard hier keine sonderlich aufregende Geschichte erzählt, es aber immerhin schafft, das schon zigfach Gesehene in eine unterhaltsame Verpackung zu stecken.

Wie schon erwähnt, die Kills sind teilweise doch echt fies und auch ziemlich brutal. Tatsächlich schafft es Wingard auch, das Ganze mit ein bisschen Horror-Atmosphäre zu schmücken und uns hier und da ein paar wohlige Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Wenn Erin in diesem Film anfängt, mal ordentlich loszulegen, wird es ziemlich blutig. Und die Frau weiß, wie man sich wehren kann. Da wird auch mal ein Mixer umfunktioniert oder ein Holzscheit zur Waffe – frau nimmt halt, was frau kriegen kann. Dabei hat mich nur eine Sache gestört:

Erin wirkt von Anfang an sehr abgeklärt. Selbst in diesem Horror-Szenario des Überfalls behält sie in den meisten Situationen einen ruhigen Kopf. Anfangs dachte ich noch, sie gehört entweder zu den Killern oder hat sowas schon mal durchgemacht. Am Ende wird uns einfach nur kurz erklärt, ihr Daddy war ein Survivalist, der mit seiner Tochter eine kleine Kommune gründete und sich dort auf den Weltuntergang vorbereitete. Ganz ehrlich, keine sonderlich geile Erklärung für das final girl von „You’re next“. Aber irgendwas musste nach ihrer besonderen Aufstellung in diesem Film kommen. Sie war einfach von Anfang an nicht das ängstliche Opfer, sondern hat die Sache selbst in die Hand genommen haben. Irgendwie hätte ich es trotzdem fast interessanter gefunden, wenn sie so etwas vorher schon mal durchgemacht hätte… hätte man theoretisch mit Rückblenden arbeiten und eine noch tiefgründigere Charakterzeichnung von Erin selbst machen können.

Was dem Film sicherlich auch gut getan hätte, denn die Auflösung ist am Ende eher ziemlich mau. Aber okay… es war, für das was er sein sollte, ein unterhaltsamer Film mit ein paar schönen Schockmomenten.

Wertung: 6 von 10 Punkten (Wingard verpasst ein paar gute Chancen, wie ich finde)

12 Kommentare leave one →
  1. 24. April 2021 13:04

    Ja, Wingard ist halt auch irgendwie … existent. Fand den hier solide. Quasi wie du. Nicht verkehrt, aber auch kein großer Wurf. BLAIR WITCH war ein Verbrechen. Seine Kurzfilme waren okay. Hab nie verstanden, woher der Kerl so eine gute Reputation hat. Gut, jetzt macht er halt irgendwelchen Blockbusterkäse, also ist es ohnehin egal, denn dafür muss er nix können. Aber was den überhaupt in diese Gefilde gebracht hat, habe ich irgendwie noch nicht entdeckt.

    • donpozuelo permalink*
      25. April 2021 20:35

      Blair Witch war wirklich ein Verbrechen. Meine Güte… das war eine absolute Katastrophe. Und ja, ich bin mal gespannt, wie er das mit dem ganz großen Blockbuster so hinbekommt. Vorausgesetzt, wir bekommen den hier endlich auch mal zu sehen.

      • 25. April 2021 23:11

        Mich interessiert der eh nicht die Bohne. Bin kein großer Fan der beiden Monster. Wobei ich Skull Island oder wie der hieß sogar ganz nett fand. Ich glaube aber ehrlich gesagt, dass die Ansprüche an so einen Blockbusterregisseur ohnehin irgendwo im Marianengraben liegen. 90% der Filme entstehen eh in der Post und werden vom VFX-Team erledigt. Deshalb sind die ja fast alle so scheiße. Bei Wingard kommt dann eben noch dazu, dass er irgendwie auch keine eigene Handschrift erkennen lässt, bei der man sagen könnte, dass die dann den Film aufwertet. Könnte also Kraut und Rüben werden. Oder komplett langweiliger Käse, was meine Vermutung ist.

        • donpozuelo permalink*
          26. April 2021 17:24

          Was die Blockbuster angeht, gebe ich dir Recht. Was Wingard sowieso… und ja auch bei Skull Island stimme ich dir zu.

          Generell mag ich aber Godzilla als Monster. Nur die neuen Filme waren auch alle nicht so der Hit.

          Ich bin zwar gespannt auf Godzilla Vs Kong, aber ich verspreche mir im Moment nicht wirklich viel von der Nummer. Das Ganze ist jetzt schon zu vorhersehbar.

        • 26. April 2021 20:43

          Von den neuen Godzillas habe ich keinen gesehen. ich bin auch einfach kein großer Fan von Monsterfilmen. Das ist mir einfach zu substanzlos. Die Menschen in den Streifen sind immer nur Abziehbilder und nur dabei, damit man sowas wie eine Story mit echter Bedrohung vorgaukeln kann, aber eigentlich ist das alles kackegal und es geht nur um die Zerstörung. Immehrin ist die bei den alten Godzillas schon spaßig, weils so wunderbar handgemacht war. Im Zeitalter von CGI gibt mir das aber gar nix mehr. Ist ein wenig so wie Katastrophenfilme. Die mochte ich immer gerne, aber jetzt, wo man eh weiß, welche Effekte man nutzt, um die Erde zu zerstören, gibt mir das nur noch halb so viel. Da fehlt einfach dieses „Wie haben die das gemacht?“-Gefühl mittlerweile.

        • donpozuelo permalink*
          27. April 2021 15:13

          Ja, die alten Godzilla Filme haben wirklich einen besonderen Charme… das ist echt toll zu sehen, wie die das damals alles noch bewerkstelligt haben. Das Gleiche gilt auch für die Katastrophenfilme… von denen ich aber von den jüngeren schon kaum noch einen kenne. Irgendwann ist halt auch alles auserzählt…

        • 27. April 2021 21:41

          Hin und wieder gebe ich mir schon mal noch so nen Weltuntergang … und wünsche mir dann immer, dass die Welt wirklich untergeht, um meine Qualen zu beenden.

        • donpozuelo permalink*
          28. April 2021 07:07

          Uff… das klingt sehr verbittert. Ich kann jetzt nur nicht rauslesen, ob das Ironie oder Ernst ist. Alles okay bei dir?

        • 28. April 2021 08:50

          Bei mir ist immer alles okay.

        • donpozuelo permalink*
          28. April 2021 09:54

          Das ist gut zu hören 😁

  2. 24. April 2021 23:01

    Echt, Du fandest den gleich durchschaubar? Also ich fand den richtig gut, aber wie ich sooft sage: „Es ist immer ein Unterschied, ob man einen Film im Kino sieht, mit einer entsprechenden Klientel oder zu Hause“. Sicherlich fand ich so manchen Streifen später vorm TV nicht mehr ganz so prickelnd. Dennoch, Wingards Kurzfilme liebe ich, „The Guest“ fand ich eindeutig schwächer als „You’re Next“. Ist vielleicht auch eine Identifikationssache :))
    Ob er der richtige Mann für „Godzilla vs. Kong“ ist/war mag dahingestellt sein.

    • donpozuelo permalink*
      25. April 2021 20:34

      Auf „Godzilla vs. Kong“ bin ich dennoch gespannt 😀

      Ich habe den Film nicht gleich durchschaut, aber es gab viele Anzeichen, die ich dann am Ende doch richtig gedeutet hatte 😀

      aber ja, im Kino auf einem Festival oder mit dem richtigen Publikum würde auch so ein Film wesentlich mehr Spaß machen als allein zu Hause.

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