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Gefangene Nr. 72

19. März 2021

Ich sage ja gerne von mir selbst, dass wenn Denis Villeneuve einen Film darüber machen würde, wie Gras wächst, ich mir das Ganze anschauen würde. Seit „Prisoners“ in die Kinos kam und ich mir danach fünfmal „Enemy“ im Kino angeguckt habe, gehört Villeneuve für mich zu diesen Namen, die mich sofort ins Kino ziehen – ohne das ich wissen müsste, worum es in dem Film geht… aber wer weiß, wann es uns jemals wieder ins Kino ziehen wird. Hach, die Erinnerung daran, im Kino zu sitzen, brennt schon ganz schön fies… aber gut, nicht dran denken… kommen wir lieber zum Thema zurück. Seit „Prisoners“ ist Denis Villeneuve auf meiner Regisseurs-Rangliste gut aufgestiegen… und all seine Nachfolger waren auch einfach nur toll: „Arrival“ oder „Blade Runner 2049“. Nur „Sicario“ fand ich nicht soooo stark (immer noch super, aber nicht soooo stark 😀 ). Während nun weiterhin gespannt auf sein „Dune“ gewartet werden muss, dachte ich: Schau dir doch mal was von Villeneuve an, bevor er „Prisoners“ gemacht hat. Schließlich war der Frankokanadier schon vorher recht fleißig. Leider ist es gar nicht so einfach, an seine Frühwerke heranzukommen. Der Einzige, der mir so zur Verfügung stand, war ein Film namens „INCENDIES – DIE FRAU, DIE SINGT„.

Als Nawal (Lubna Azabal) stirbt, lässt sie ihren Zwillingen Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) zwei Briefe zukommen. Jeanne soll ihren Brief dem Vater übergeben, den die Zwillinge nie kennengelernt haben. Simon soll seinen einem Bruder übergeben, von dem die Geschwister nicht wussten, dass sie ihn haben. Während Simon sich gegen all diese hinterlassenen Aufforderungen seiner Mutter sträubt, macht sich Jeanne auf die Suche nach ihrem Vater. Dafür reist sie in das Geburtsland ihrer Mutter (ein nicht näher definiertes fiktives Land im Nahen Osten) und erforscht die bislang unbekannte Geschichte ihrer Mutter.

Ich war nicht wirklich vorbereitet auf das, was mich in diesem Film erwarten würde. Ich hatte keinerlei Erwartung, außer der Erwartung, dass Denis Villeneuve gute Filme macht. Doch der Anfang von „Die Frau, die singt“ kam mir dann ein wenig holprig und langsam vor. Die Zwillinge hocken gefühlt Ewigkeiten beim Notar, bevor mal irgendwas passiert. Letztendlich sind das aber nur so zehn Minuten, die dann eine Tür aufstoßen zu einem wahnsinnig ergreifenden Film, der mich lange nicht losgelassen hat.

Wenn erstmal die Briefe verteilt sind, verstrickt uns Villeneuve clever in eine Geschichte, die sich durch die Rückblenden zu Nawals Geschichte und zur aktuellen mit Jeanne zieht. Was die Sprünge zwischen den Zeiten teilweise ein wenig unübersichtlich macht, ist die Tatsache, wie gut Villeneuve hier gecastet hat. Lubna Azabal und Mélissa Désormeaux-Poulin sehen sich so ähnlich. Dazu kommt dann noch, dass Jeanne fast die gleichen Klamotten anhat wie ihre Mutter. Aber dadurch verschwimmen die Ereignisse auf eine gute Art und Weise…

Richtig packend wird dann aber die Geschichte von Nawal und was sie alles erleben musste, bevor sie irgendwann in Kanada ankam. Was und vor allem wie Villeneuve hier erzählt, zieht einem nach und nach echt die Schuhe aus. Nawals Geschichte ist eine von Hass, gestörter Familienehre, Religion, Krieg und Flucht. Durch Jeannes Nachforschung baut Villeneuve langsam die unglaubliche Story von Nawal auf, die nur schwer anzuschauen ist. Gerade weil sie in einem Realismus verwurzelt ist, der diese fiktive Geschichte auch zu einer realen werden lassen könnte. Tatsächlich beruht „Incendies – Die Frau, die singt“ auch ein wenig auf der Geschichte von Souha Bechara, die im Libanon einen Anschlag auf einen General beging. Daraus wiederum wurde das Theaterstück „Verbrennung“ von Wajdi Mouawad, das Villeneuve als Grundlage für seinen Film diente.

Villeneuves gekonnte Erzählung aus Rückblenden und Jeannes Suche nach Wahrheiten wird am Ende nur noch durch eine Offenbarung getoppt, die ich zwar schon bisschen habe kommen sehen, aber nie wirklich wahrhaben wollte. Vielleicht wird sie aber auch gerade dadurch noch einmal intensiver, weil es am Ende wirklich in diese Richtung steuert.

„Die Frau, die singt“ ist ein wirklich starker Film, der mit einer enormen Wucht auf einen niederregnet. Wie gut die Geschichte um Hass und Verzweiflung am Ende doch einen Weg findet, auch die Menschlichkeit zu feiern, ist schon eine echte Leistung. Nach allem, was man in diesem Film lernt, dann doch so ein Ende zu finden, ist beeindruckend und bewegend.

Villeneuve konnte also auch schon vor seiner Zeit in Hollywood was. Nun habe ich die Bestätigung. Jetzt muss ich nur noch an seine anderen Filme kommen.

Wertung: 9 von 10 Punkten (emotional aufwühlendes Drama, das Villeneuve geschickt in eine Art Detektiv-Geschichte verpackt)

9 Kommentare leave one →
  1. 22. März 2021 13:13

    Das passt vielleicht nicht ganz hierher, aber um das mal loszuwerden:

    Die Film- und Serienbesprechungen hier finde ich immer toll und bin dadurch schon auf das ein oder andere aufmerksam geworden (alleine für BoJack Horseman gebührt dir ein Preis!).

    Allerdings muss ich manchmal doch etwas genauer schauen, um den Namen des besprochenen Filmes im Text zu entdecken. Vielleicht könntest du den noch etwas highlighten?

    • donpozuelo permalink*
      22. März 2021 16:31

      Danke dir fürs Kompliment. Das freut mich sehr. Und Bojack Horseman ist wirklich einfach nur toll…

      Und danke auch für den Hinweis. Ich werde das mal mit den nächsten Kritiken umändern.

    • donpozuelo permalink*
      22. März 2021 16:38

      Ich hab’s jetzt mal ein wenig angepasst und werde in Zukunft dran denken, den Titel zumindest im ersten Absatz fettgedruckt und in Großbuchstaben zu schreiben. Ist auf jeden Fall ein guter Hinweis von dir. Danke nochmal!!!

  2. 4. April 2021 17:12

    Der Twist hat mich damals völlig kalt erwischt und komplett umgehauen. Will dem seitdem unbedingt nochmal nachholen.

    • donpozuelo permalink*
      5. April 2021 06:59

      Ja, irgendwann will ich den auch nochmal gucken. Mit dem Twist hatte ich irgendwann zwar so halb gerechnet, umgehauen hat es mich dennoch.

  3. 7. April 2021 19:26

    Wow, noch ein Argument mehr jetzt doch mal die Villeneuve-Werkschau in Angriff zu nehmen. Incendies steht nämlich auch noch auf meiner Liste und jetzt hab ich richtig Bock den zu schauen, dank dir. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      8. April 2021 09:55

      Gern geschehen. Der Film ist echt heftig… und ja, eine Villeneuve-Werkschau klingt super. 👍

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