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Random Sunday #50: Solaris

14. März 2021

Reden wir heute mal über ein Buch, von dem ich mir gerne eine Neuverfilmung wünschen würde. Ja, ich weiß, es grenzt schon fast ein bisschen an Ketzerei überhaupt nach einer Buchverfilmung zu schreien, aber dieses Mal wäre ich da echt vollkommen dafür. Und das obwohl es zu besagtem Buch schon zwei große Verfilmungen gegeben hat, die sich aber (wie ich mir sagen ließ) beide nur auf einen gewissen Aspekt des Buches konzentrieren. Die Filmversion von Tarkowski, die ich während meiner Filmreise geguckt habe, war ja leider so gar nicht meins. An die Version von Soderbergh habe ich mich bislang noch nicht herangetraut. Mit heutigen Mitteln, da bin ich mir sicher, könnte man aus Stanislaw Lems „Solaris“ einen wirklich großartigen Film machen. Denis Villeneuve könnte nach „Arrival“ und „Blade Runner 2049“ und „Dune“ ja noch einen Science-Fiction-Film machen und „Solaris“ auf die passende Weise verfilmen. Denn „Solaris“ ist ein großartiger Sci-Fi-Roman, der einen fasziniert zurücklässt.

Der Psychologe Kris Kelvin reist auf eine Raumstation, die um den viel erforschten und dennoch geheimnisvollen Planeten Solaris kreist. Solaris ist von einer Art Ozean fast vollständig umgeben – ein Ozean, der möglicherweise eine Lebensform ist. An Bord der Raumstation muss Kelvin zwei Dinge feststellen: 1) sein Mentor Gibarian hat sich selbst umgebracht und 2) jeder Astronaut auf der Station wird von einem „Gast“ heimgesucht. Und so dauert es auch nicht lange, bis Kelvins „Gast“ auftaucht: seine geliebte Harey, die sich auf der Erde umgebracht hat und für deren Selbstmord Kelvin sich die Schuld gibt. Hier auf der Station ist sie aber auf einmal wieder da – und sie ist kein bloßes Hirngespinst. Vielmehr scheinen die „Gäste“ von Solaris, von dem Ozean aus zu kommen. Wie und warum versucht Kelvin nun verzweifelt herauszufinden.

Stanislaw Lem gehört neben Philip K. Dick und Douglas Adams zu den Sci-Fi-Autoren, die ich mit 15, 16 absolut verschlungen habe. „Solaris“ war damals sogar mein allererster Roman von Lem und somit Grundstein für meine Faszination. Ich habe noch vieles von Lem gelesen, aber „Solaris“ ist und bleibt mein Lieblingsroman von ihm. Es ist eine faszinierende, wenn auch manchmal etwas kompliziert zu lesende Mischung aus Wissenschaftsroman, Psycho-Drama und eben Science-Fiction. Und wenn mein Wissen über die beiden Film richtig ist, konzentrieren sich sowohl Tarkowski als auch Soderbergh eigentlich nur auf das Psycho-Drama im All.

Was an sich nicht sonderlich schlimm ist, ist das Kelvins Aufarbeiten seiner Schuld gegenüber Harey allein schon extrem spannend. Vor allem, wenn er sich im Verlauf des Romans immer weiter auf diese Illusion einlässt. Wenn er sie selbst vor seinen Kollegen Snaut und Sartorius nicht mehr geheim hält, während die beiden ihre „Gäste“ verstecken.

Jedoch ist das nur ein Bruchteil von dem, was „Solaris“ ausmacht. Das eigentlich Interessante an „Solaris“ ist Solaris. Lem lässt Kelvin oft in der hundert Jahre alten Geschichte der Erforschung von Solaris lesen und gibt uns so einen faszinierenden Blick auf den Planeten und seinen einzigen, mysteriösen Bewohner. Hier wird Lem manchmal sehr spezifisch, sehr wissenschaftlich, sehr komplex – da muss man sich, ich gebe es zu, an einigen Passagen ganz schön quälen. Was Lem dadurch aber macht, ist das Tolle an diesem Buch: Er lässt diesen Planeten Wirklichkeit werden. Er beschreibt die Vorkommnisse auf dem Planeten bis ins winzigste Detail. Er dokumentiert penibel die Forschung, die sich dem Ozean widmet, die die einzelnen Wellen erforscht. Er lässt diesen Ozean zu einem bemerkenswerten Wesen werden – und doch zeigt er auch, dass hundert Jahre Forschung keine wirklichen Ergebnisse erbracht habe.

Das ist eigentlich das Spannendste an „Solaris“: Wir wissen unheimlich viel über den Planeten und seinen denkenden Ozean. Wir wissen viel, was der für Auswirkungen auf die Menschen an Bord der Station hat… und dennoch wissen wir eigentlich gar nichts. Die Forschung kann uns nicht sagen, was dieses Ding ist, wir werden selber angeregt, uns das unsrige zu denken. „Solaris“ gibt uns die Forschung, schlüssige Ergebnisse müssen wir selber finden.

„Die Solaristik [der Wissenschaftszweig, der sich mit der Solaris beschäftigt] ist die Ersatzreligion des Weltraumzeitalters, sie ist Glaube, eingehüllt in das Gewand der Wissenschaft; der Kontakt, das Ziel, dem sie entgegenstrebt, ist ebenso nebelhaft und dunkel wie die Gemeinschaft der Heiligen oder die Herabkunft des Messias“ So zitiert Kelvin eine Schrift der Solaristik und das Ganze trifft dann auch auf den Roman zu. Er selbst ist immer wieder hin und her gerissen, ob das „Geschenk“ des Ozeans, dieser Gast, seine Harey, nun Fluch oder Segen ist. „Solaris“ wird in diesen Fragen dann auch sehr philosophisch.

Es ist ein Roman, der einen in seinen Bann zieht, wenn man sich auf die Wissenschaft dahinter einlassen kann. Es ist Drama, Krimi und Science-Fiction in einem – mit einem „Alien“, wie man es so auch noch nicht kannte. Und deswegen wiederhole ich mich noch einmal: Ich will einen neuen Solaris-Film, der auch den Planeten und seinen Ozean selbst zeigt (allein die Dinge, die Lem beschreibt, die dieser Ozean macht, sind wie geschaffen für einen Film). Immerhin hat sich Lem wenig begeistert über beide Verfilmungen gezeigt, da sie sich halt nur auf die Kelvin-Harey-Geschichte konzentrieren und dabei eigentlich das Interessanteste zur Nebensache machen.

Die russische Verfilmung war auch nicht so meins. Da glaube ich auch nicht, dass Soderbergh es groß besser machen wird – an den Roman kommen aber beide nicht heran. Der ist zurecht ein absoluter Science-Fiction-Klassiker.

3 Kommentare leave one →
  1. 6. April 2021 16:54

    Ooooh ja, da sagst du was. Dass bei (der Soderbergh vielleicht noch mehr) sich an dem Konflikt der Besatzung so festhalten ist einerseits ganz schön anzuschauen, andererseits tat es mir um die Solaristik und all die faszinierenden Details auch sehr leid. Ich hab Solaris sogar hier bei uns als Theaterstück gesehen und da war es auch so, aber mit mehr Fokus auf Kelvins Kollegen, was ich eigentlich auch sehr schön fand. Außerdem waren die deutlich tragikomischer (ist das ein Wort!!?? Ich hab auch Probleme mit Tragikömodie … wie zur Hölle spricht man das).
    Der Soderbergh geht aber noch viel auf die Beziehung Kelvins und seiner Frau ein, auch rückblickend und schließt damit schon ein paar Lücken. Aber summa summarum ja, ich stimme dir absolut zu, so eine buchgetreuere Verfilmung wäre schon mal was. Und wer von uns Beiden schreibt jetzt das Drehbuch und wer führt Regie? Naa … Scherz. Ich hab das leider alles nicht gelernt …menno.

    • donpozuelo permalink*
      7. April 2021 07:31

      Hahaha… wir schreiben und regieren zusammen 🤣🤣🤣 brauchen nur ein gutes Effekte Team, das es uns ermöglicht, die Solaristik gut bebildern zu können.

      Ja, so eine Verfilmung wäre schon was Feines. Wer weiß, irgendwer wird das Ding noch ausgraben. Von mir aus gerne Denis Villeneuve 🤣 nach Dune kann er Solaris machen.

Trackbacks

  1. Filmreise Etappe #10: Der denkende Ozean | Going To The Movies

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