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Papa, verrecke!

1. März 2021

Durch die Filmreise-Challenge bin ich auf das russische Kino aufmerksam geworden. In dem Zusammenhang hatte ich mir nämlich den Science-Fiction-Film „Coma“ angeschaut und war begeistert, mit was für einer Kreativität diese Geschichte erzählt wurde. Es das russische „Inception“ zu nennen, würde nicht einmal passen – aber es geht auch in eine ähnliche Richtung, hebt das Konzept aber auf eine ganz neue Ebene. Hat mich echt umgehauen. Seit diesem Film bin ich, was russische Filme angeht, sehr viel aufgeschlossener und halte immer Ausschau nach neuem Stoff. Demnächst will ich irgendwann mal den Horror-Film „Sputnik“ gucken, doch vorher fiel meine Wahl auf einen Film, der 2019 auf dem Fantasy Filmfest gefeiert wurde. Der trägt den klangvollen Namen „Why don’t you just die!“ (heißt aber im Original eigentlich „Papa, verrecke!“).

Der junge Matvey (Alexander Kusnezow) steht, mit einem Hammer bewaffnet, vor der Tür von Polizist Andrei (Vitali Chajew) – mit der Absicht, den Mann zu töten. Warum? Weil Matvey von seiner Freundin Olya (Evgeniya Kregzhde) darum gebeten wurde. Angeblich hätte ihr Vater sie als kleines Mädchen missbraucht und sie will nun Rache. Also steht Matvey mit dem Hammer vor der Tür, um sie zu rächen. Doch Andrei weiß sich zu wehren… und hat mehr zu verbergen, als Matvey gedacht hätte. Das Problem ist nur, dass möglicherweise auch Olya was zu verbergen hat.

Wow, ich war nicht darauf vorbereitet, was mich hier für ein Film erwarten würde. Das Ganze ist ein Kammer-Spiel der äußerst brutalen Art. Der komplette Film spielt sich nur in der kleinen Wohnung von Andrei und seiner Frau ab, dazu meist noch nur im Wohnzimmer. Aber das hält Regisseur Kirill Sokolow nicht davon ab, uns einen absolut aufregenden Film abzuliefern, der sich nur sehr selten eine Verschnaufpause gönnt. Wenn ich den Film in Relation mit anderen Filmemachern bringen sollte, die einem etwas bekannter sind, würde ich folgendes sagen: „Why don’t you just die!“ fühlt sich an, als hätten Guy Ritchie, Quentin Tarantino und Wes Anderson gemeinsam einen Film gedreht.

In dem kleinen Set liefert uns Sokolow rasante Schnitte, wilde Kamera-Fahrten, die dann zusätzlich noch mit musikalischen Noten untermalt sind, so dass das Ganze eine Ritchie-eske Comic-Ästhetik bekommt, die höchst unterhaltsam ist. Der Wes-Anderson-Touch entsteht oft einfach nur durch die Konstellation der Figuren und wie sie zu einander stehen. Häufig hat man auch das Gefühl, wirklich einfach einem sehr absurden Theaterstück zu zu sehen… was Sokolow auch durch sehr statische Kamerafahrten bewirkt. Das gewisse Tarantino-Artige kommt durch die Story, die sich in verschiedenen Kapiteln unterschiedlichen Charakteren widmet (etwas, das Ritchie und Anderson natürlich auch gerne machen) und natürlich die Gewaltexzesse, bei denen wohl selbst ein Tarantino neidisch werden würde.

Die Story, die eigentlich so einfach anfängt, erlebt im Verlauf so einige Überraschungen und entfaltet sich auf eine so spannende Art und Weise, wie ich es anfangs nicht für möglich gehalten hätte. Jeder Charakter, der neu in die Wohnung kommt, bringt seine Altlasten mit, die irgendwie Teil der ganzen Gewaltorgie werden… und den Charakteren innerhalb kürzester Zeit neue Facetten liefern. So kann man es dann kaum abwarten, was in der nächsten Szene passieren wird.

Was die Gewalt angeht… meine Güte. Die fragend gestellte Aussage des Films – „Why don’t you just die!“ – ist wirklich wortwörtlich zu nehmen. Der arme Matvey allein muss hier so viel einstecken, dass es schon wirklich sehr verwundert, warum er denn nicht endlich einfach stirbt. Regisseur Sokolow liefert uns ein unterhaltsames, aber auch herrlich brutales Schauspiel, bei dem selbst Tom und Jerry neidisch werden würden. Man kann es gar nicht in Worte fassen, aber für Fans von blutigen Filmen… hier seid ihr richtig.

„Why don’t you just die!“ ist für mich ein weiteres Highlight des russischen Films. Die jüngeren Filmemacher (und Sokolow ist gerade mal 32) erzählen wirklich verrückte Stories, die in Erinnerung bleiben. So wie eben auch „Why don’t you just die!“, der nicht einfach nur eine Gewaltorgie ist, sondern auch tolle Charaktere liefert, mit denen man wirklich mitfiebern kann.

Wertung: 9 von 10 Punkten (absolute Empfehlung – ich habe schon lange nicht mehr so einen verrückten Film gesehen)

4 Kommentare leave one →
  1. 1. März 2021 13:39

    Ja, der war der absolute Crowdpleaser auf dem Fantasy Filmfest. Hat mich auch sehr überrascht und eigentlich wollte ich den zuerst auch nicht ansehen und war dann so froh, dass ich doch reingegangen bin.

    • donpozuelo permalink*
      2. März 2021 07:28

      Glaub ich, dass der ein Crowdpleaser war. Den beim Festival zu schauen, war bestimmt ein tolles Highlight. Ist auch einfach ein toller Film

  2. 14. März 2021 20:03

    Ach, der russische Film beschäftigt mich auch immer mal wieder. Aber die Actionkracher und Science-Fictioner bisher weniger. Ich habe den Eindruck, dass der Markt neben denen auch rehct groß ist für pathetisch aufgeladene Aufsteigergeschichten und Komödien und daneben für echt richtig herbe Dramen. Leviathan, Loveless, Durak (der Idiot auf Deutsch oder so) ist echt feines Kino, aber macht nicht unbedingt fröhlicher …

    • donpozuelo permalink*
      15. März 2021 10:06

      Die ganzen Dramen habe ich noch nicht angerührt… 🙈 aber ja, muss ich auch mal langsam machen.

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