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Filmreise Etappe #68: Vampirischer method actor

26. Februar 2021

Nachdem ich letzte Woche mit „Das große Fressen“ ja einen ziemlichen Griff in die Kloschlüssel erlebt habe (im wahrsten Sinne des Wortes, geht es im Film doch auch kurz mal um eine sehr verstopfte Kloschüssel), wollte ich Listen eigentlich nicht mehr so vertrauen. Mein Problem war nur zu diesem Zeitpunkt, dass ich viele der Filme, in denen es um Filme geht, schon gesehen hatte: „Ed Wood“ tauchte immer wieder auf Listen auf, „Once Upon A Time… In Hollywood“ auch und viele andere Streifen, die aber leider irgendwie alle schon kannte. Doch dann fiel mein Blick auf „Shadow of the Vampire“… ein Film über die vermeintliche Entstehungsgeschichte von „Nosferatu“. Ein Film mit Willem Dafoe und John Malkovich, der nicht als Skandalfilm verschrien, sondern sogar sehr wohlwollend von der Kritik aufgenommen wurde. Da kam die Rettung für die drittletzte Etappe der Filmreise-Challenge also in Form eines Vampirs…

Friedrich Wilhelm Murnau (Malkovich) will eigentlich Bram Stokers Dracula verfilmen, doch hat die Rechte dazu nicht. Deswegen nennt er seinen Film halt „Nosferatu“ und seinen Dracula Graf Orlok. Um einen möglichst realistischen Film zu drehen, will Murnau nicht in Berlin im Studio drehen, sondern vor Ort. In der Tschechoslowakei wird auch in einem alten Schloss gedreht. Hier lernt die Crew dann auch den Darsteller Max Schreck (Dafoe) kennen. Der hat sich offenbar schon seit Monaten in der Rolle des Orlok gelebt und präsentiert sich der Crew als „method actor“, der auch nur nachts dreht, der für sein eigenes Make-Up sorgt und nur als Graf Orlok angesprochen werden möchte. Doch dann wird erst Murnaus Kamera-Mann immer schwächer und schwächer und auch andere Crew-Mitglieder verschwinden. Wie sich herausstellt, ist Schreck in Wirklichkeit ein Vampir.

„Shadow of the Vampire“ ist ein toller Film. Punkt! Und das auf zwei Ebenen: Zum einen ehrt Regisseur E. Elias Merhige auf wundervolle Weise Murnaus Original. Bei den Dreharbeiten für den Film im Film setzt Merhige schon auf Authentizität (wie sein Murnau im Film auch) und stellt Szenen aus dem Originalfilm von 1922 sehr detailgetreu nach. Selbst die Darsteller funktionieren ziemlich gut als Kopien. Nehmen wir zum Beispiel Eddie Izzard, die Gustav von Wangenheim spielt, der in Murnaus Original Hutter spielt. Izzard ist in diesem dicken Make-Up wirklich ein toller Wangenheim. Aber auch von den Sets und den nachgestellten Szenen gibt sich Merhige wirklich alle Mühe, „Nosferatu“ so originalgetreu wie möglich darzustellen.

Auf der zweiten Ebene funktioniert „Shadow of the Vampire“ vor allem wegen seiner großartigen Darsteller. Und hier vor allem die beiden Hauptdarsteller, obwohl die Nebendarsteller um Udo Kier, Izzard, Catherine McCormack und „Princess Bride“-Star Cary Elwes auch gut aufspielen. Aber was Malkovich und Dafoe sich hier für ein schauspielerisches Duell liefern, ist mehr als nur beeindruckend. Malkovich als besessener Murnau ist fantastisch. Wie er in jeder Szene den Schauspielern bis ins kleinste Detail Anweisungen gibt und somit für uns und seine Darsteller als zusätzlicher Erzähler fungiert, ist wirklich stark in Szene gesetzt und von Malkovich unglaublich gut gespielt. Ihm gegenüber steht Willem Dafoe, der ein unglaublich gruseliger Max Schreck ist. Das Make-Up ist „spot on“. Dafoes Gestiken und Mimik passen zum einen wunderbar zum Stummfilm, zum anderen aber auch zu dem exzentrischen Grafen, dem Vampir, der ausgehungert nur darauf wartet, endlich mal wieder menschliches Blut kosten zu können.

Merhige gelingt mit „Shadow of the Vampire“ also wirklich ein kleines Meisterwerk. Eine brillante Hommage an einen der ersten Vampir-Filme, aber auch ein in sich eigenständiger Horror-Film über einen Vampir, der eine Filmcrew heimsucht. Der Film zelebriert das Filmemachen, ergötzt sich an seiner schönen Gothic-Horror-Stimmung und hat dank seines tollen Casts eine unglaublich starke Sogwirkung. Wer „Nosferatu“ mag, sollte „Shadow of the Vampire“ wirklich unbedingt gesehen haben. Das ist einfach ein cleverer Mix aus Biopic und Horror-Film, der mit guten Gruselmomenten ebenso gut umgeht wie mit witzigen, komödiantischen Elementen… und Dafoe wurde vollkommen zurecht für einen Oscar nominiert.

Wertung: 9 von 10 Punkten (witzig-gruselige Verbeugung vor einem absoluten Filmklassiker)

9 Kommentare leave one →
  1. 26. Februar 2021 16:19

    Ahh den will ich auch schon seit Jahren sehen. Mann war auch ganz begeistert davon. 😀

    • donpozuelo permalink*
      26. Februar 2021 16:30

      Ja, der musste jetzt mal sein… und ja, er ist wirklich toll. 👍

  2. 28. Februar 2021 12:08

    Ich habe vorher noch nie von diesem Film gehört und jetzt total Lust drauf. Danke für die Empfehlung

    • donpozuelo permalink*
      28. Februar 2021 18:25

      Gern geschehen!! Ja, schau dir den unbedingt an, der ist echt toll. Sogar noch ein bisschen mehr, wenn man zumindest mal „Nosferatu“ gesehen hat (oder wenigstens so die Hauptszenen des Films und das Ende kennt)

      • 28. Februar 2021 18:27

        Ich habe Nosferatu erst letztes Jahr gesehen, passt also

        • donpozuelo permalink*
          28. Februar 2021 18:55

          Das sind dann beste Voraussetzungen!

  3. 3. März 2021 19:55

    Ah sehr cool … jetzt hab ich gleich richtig Bock sowohl Nosferatu als auch „Shadow of …“ zu gucken. Will ich schon länger. Aber beide sind jetzt nicht so die Filme, die einem überall auf den Streamingplattformen hinterher geworfen werden. Vielleicht hat das Streamingzeitalter mich auch einfach nur faul gemacht.

    • donpozuelo permalink*
      4. März 2021 07:35

      Ja die bieten sich als Double Feature gut an. Nosferatu findest du in guter und auch sehr guter Qualität auf YouTube. Shadow kannst du bei Prime ausleihen (zwar leider nur auf Deutsch, aber besser als nichts…)

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