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Das Wunder von Miracle

24. Februar 2021

Was passiert, wenn dir die Grundlage für deine Serie ausgeht? Viele Fans sind ja immer noch sehr, sehr sauer über „Game of Thrones“ – eine Serie, die sich anfangs noch gut auf die Bücher von George R.R. Martin beziehen konnte, dann jedoch später den langsamen Autor überholte und sich selbst helfen musste. Ich hasse Staffel 8 zwar nach wie vor nicht so krass wie manch anderer Fan, aber man hat der Serie schon extrem angemerkt, ab wann sie auf eigenen Füssen stehen musste – und vor allem wie schwer sie sich damit manchmal tat (was ich nach wie vor nicht verzeihen kann, ist die ganze Geschichte mit den White Walkern und dem Night King). Meine neue Serie „The Leftovers“ hatte ein ähnliches Problem: Staffel 1 basierte komplett auf dem Buch von Tom Perrotta… und damit hätte die Serie eigentlich als Mini-Serie beendet werden können. Doch man entschied sich für eine zweite Staffel, fernab von irgendwelchen Vorlagen…

Staffel 2 führt uns in das kleine Städtchen Jarden in Texas, von seinen Bewohnern auch liebevoll Miracle genannt. Diese Stadt blieb komplett verschont, als im Oktober 2011 plötzlich 2 Prozent der Weltbevölkerung einfach verschwand. Niemand in dieser Stadt löste sich auf – weswegen Miracle nun zu einer Art Wallfahrtsort geworden ist. Jeder will hier her – weswegen strenge Auflagen getroffen werden und nicht jeder reingelassen wird. Vor der Stadt campen die Ausgestoßenen und warten auf ihre Chance. Kevin Garvey (Justin Theroux) zieht hier nun her – mit Nora (Carrie Coon) und seiner Tochter Jill (Margaret Qualley). Doch offensichtlich scheint für sie nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Denn kaum sind die Garveys eingezogen, verschwinden drei Mädchen spurlos… während Kevin neben dem verlassenen Auto ohne jede Erinnerung aufwacht. Als wenn das nicht schlimm genug wäre, wird er weiterhin auch von dem Geist von Patti (Ann Dowd) heimgesucht. Wird er langsam wirklich verrückt wie sein Vater?

Es ist krass, was hier abgeht. Die Serie macht einfach mal eine 180-Grad-Drehung und stellt sich komplett neu auf. Neues Setting, neue Charaktere… es fühlt sich ein wenig an, als würde man eine ganz neue Serie gucken, die nicht mehr viel mit der ersten Staffel zu tun hat. Aber man merkt ziemlich schnell, dass dem nicht so ist. Natürlich bauen all die (menschlichen) Probleme auf dem auf, was wir in Staffel 1 erlebt haben. Nur irgendwie ist in Staffel 2 einfach alles noch einmal so viel besser, so viel spannender, so viel aufregender.

Staffel 2 ist fokussierter. Jetzt dreht sich wirklich alles nur noch um Kevin, der – das muss man einfach auch sagen – der spannendste Charakter ist, der am meisten zu durchleiden hat. Das geht zwar ein bisschen auf Kosten anderer Charaktere (zum Beispiel verschwinden Jill und Nora ein bisschen im Hintergrund), aber es ist nicht so schlimm, wie man meinen möchte. Sie sind alle immer noch wichtiger Bestandteil von dem, was Kevin ausmacht. Seine Story ist einfach nur so krass… diese ganze Nummer mit dem Schlafwandeln, mit Patti und und und… Folge 8 geht dann sogar soweit, dass er in eine Art Fegefeuer stürzt – eine Folge, die so herrlich absurd und abgefahren war, dass ich es nicht schlimm fand, dass sie das fürs Finale noch einmal leicht wiederholt haben.

„The Leftovers“ Staffel 2 zieht so richtig an… das ganze Setting ist auch einfach so viel aufregender. Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft mit den Leuten in Miracle und denen davor liefert tollen Zündstofff, unsere neue Sekten-Anführerin Meg (eine tolle Liv Tyler) plant Sachen, die wir nur erahnen und die im Kopf des Zuschauers zu einer Katastrophe führen, so dass wir selbst eigene Spannungen aufbauen aufgrund der Implikationen. Staffel 2 ist einfach so clever geschrieben… man wird hier und da ein wenig angefüttert, malt sich selbst ein paar Dinge aus und wartet gespannt, wie es ausgehen wird. Es ist unglaublich, wie stark die Serie in dieser zweiten Staffel noch einmal anzieht. Kevins Reise durch diese Staffel ist emotional ohne Ende, ich habe wirklich richtig mit ihm mitgelitten. Justin Theroux liefert ab und übertrumpft sich selbst.

Anfangs war dieser ganze Wechsel ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber Mann, macht „The Leftovers“ hier alles richtig. Die schaffen es innerhalb von nur zehn Folgen gefühlt alles neu zu machen, interessante neue Charaktere hinzuzufügen, neue packende Probleme aufzubauen… und ein Finale abzuliefern, bei dem man einfach nur mit offenem Mund vor dem Fernseher sitzt. Wow…

Wertung: 10 von 10 Punkten (da geht nur Bingen, viel zu aufregend alles)

14 Kommentare leave one →
  1. 24. Februar 2021 09:10

    Grandios, oder? Die Staffel fühlt sich an wie ein Restart und funktioniert dann trotzdem wieder! Ich war davon auch schwer beeindruckt, dabei hatte ich noch nicht mal Ahnung von den Hintergründen, also der fehlenden Vorlage.

    • donpozuelo permalink*
      24. Februar 2021 12:50

      Absolut grandios. Ich war anfangs erstmal verwirrt. Gerade weil in Folge 1 Kevin und Co gar nicht Thema sind… aber dann ging’s los. Echt der Wahnsinn, wie die Serie sich wirklich quasi neu erfindet, aber ohne Staffel 1 dabei zu vermindern.

  2. 24. Februar 2021 09:19

    Ich liebe ja die Szene gegen Ende, in der jemand zu Kevin sagt, dass er absolut nicht versteht, was eigentlich vor sich geht und Kevin nur antwortet: „Ich auch nicht.“ Das fasst die Serie und vor allem diese Staffel hervorragend zusammen. Fand die auch richtig stark und das Highlight der Serie.

    Wo du nebenbei GoT erwähnst: Diese Serie wurde auch von jemandem geschrieben, der bereits für das Ende einer Serie ziemlich viel Hass abgekriegt hat. Lindelof hat aber ein Gespür für Charaktere und wie man Spannung erzeugt. Benioff und Weiss hingegen wissen schlicht, wie man eine Geschichte strukturiert, haben sonst aber kaum Talent, diese dann auch spannend in Szene zu setzen und Gespür für Charakterentwicklung haben sie offenbar überhaupt nicht. Benioff hat wohl auch den ein oder anderen Roman verfasst, in dem die Charaktere nur eindimensionale Pappaufsteller sind und Weiss … hat ohnehin nix erwähnenswertes in der Bio. Was man Lindelof halt mal weider vorwerfen kann, ist, dass er zwar jede Menge Fragen aufwirft, aber wie üblich Probleme hat, auch Lösungen zu liefern. Das zieht sich einfach durch dessen Bibliografie und ist nicht gerade ein positiver Aspekt. In diesem Fall allerdings ist genau das der Kern der Geschichte. Der Zuschauer weiß eben genau so viel wie die Charaktere und am Ende sind alle verwirrt. Nur schade, dass Lindelof das nur in diesem Fall wirklich hingekriegt hat und sonst einfach willkürlich mit irgendwelchem Clusterfuck um sich wirft, ohne weiter darüber nachzudenken. Ansonsten könnte man den zu den ganz großen Autoren zählen. So ist es eher Hit & Miss.

    • donpozuelo permalink*
      24. Februar 2021 14:22

      Ja, Lindelof ist wirklich Hit und Miss. Obwohl ich auch seine Watchmen-Serie sehr mochte.

      Aber ich gebe dir Recht… was Charakterentwicklung und all das anging, hatten Benioff und Weiss leider echt keine Ahnung. Haben auch einfach zu viel gemacht, was sich am Ende als Nichts und wieder Nichts herausgestellt hat. Das war schon ziemlich dämlich

      • 24. Februar 2021 18:25

        Die hab ich nicht gesehen, aber steht auf der langen Watchlist. Vielleicht irgendwann mal.

        Wenn man mich fragt, gibt es ohnehin viel zu viele Autoren, die nur die „Strukturen“ verstehen, aber ansonsten nichts auf den Tisch bringen. Für die ist Schreiben wie Malen nach Zahlen. Immer schön einen Punkt nach dem anderen abhaken, der im Schreibratgeber stand und bloß nicht davon abweichen. Hollywood ist verpestet davon. Und D&D haben eindrucksvoll bewiesen, dass sie zu diesem Schlag gehören. Als die bei GoT das Ruder alleine übernehmen mussten, wurde das plötzlich zu einer völlig anderen Serie. Und das war nicht erst in der völlig verkorksten letzten Staffel der Fall. Das fing schon viel früher an. Eigentlich schon mit der Einführung des Night King, den es soweit ich weiß, in den Büchern gar nicht gibt und der letztlich nur der schlechteste McGuffin ever war.

        • donpozuelo permalink*
          25. Februar 2021 13:35

          Ja, da geb ich dir schon Recht. Den Verfall von GoT hat man schon früh gemerkt. Da hat einfach die Grundlage von Martin gefehlt… und das hat man auch sofort gespürt. Ob man nun die Bücher gelesen hatte oder nicht…

        • 26. Februar 2021 08:45

          Habe ich brigens nicht.

        • donpozuelo permalink*
          26. Februar 2021 08:52

          Ich schon… und da merkt man es doch auch sehr deutlich, ab wo den Autoren einfach die Story aus den Büchern fehlte

        • 26. Februar 2021 17:45

          Wie du schon sagst, merkt man das selbst als aufmerksamer Nichtbuchleser irgendwann. Wenn auch vielleicht nicht direkt. Der Übergang ist halt dann doch recht fließend, glaube ich, da man ja schon immer Abweichungen drin hatte.

        • 1. März 2021 14:41

          Da bin ich bei dir. Ohne GoT gesehen zu haben, aber generell merkt man auch, dass es bei den Massen an Content im Serienbereich oft nicht an technischen Aspekten scheitert und man meistens auch genug Schauspieler findet, du zumindest das abspulen können, was im Drehbuch steht.

          Aber an guten Schreibern fehlt es. Wenn man die Sachen gut strukturieren kann, ist es ja schon mal ein Anfang. Aber oft wissen sie dann auch gar nicht, was sie eigentlich erzählen wollen. Und dass bei den Streamern die Länge der Episoden egal ist und sie dann die Folgen so machen können, wie sie wollen, ist meistens eher ein Nachtteil, als ein Vorteil. Etwas mehr Fokussierung hat noch nie geschadet.

          Bin übrigens gespannt, was du zur letzten Staffel dann sagst. Die fand ich jedenfalls etwas schwächer.

        • 1. März 2021 20:15

          Ich bin ja ohnehin der Meinung, dass es immer besser ist, sich bereits im Vorfeld ein Ziel zu setzen und von Beginn an auf ein Ende hinzuarbeiten. Das passiert im Serienbereich einfach viel zu selten und die Serien ziehen sich dann dahin, bis irgendwann jemand auf die Idee kommt, das man ja mal langsam fertig werden könnte. Naja, und Serienenden sind in 99% der Fälle ohnehin kacke, da ist GoT absolut kein Einzelfall. Das war nur eben schon vorm Ende beschissen.

          Was die Fokussierung angeht, bin ich voll bei dir. Als jemand, der selbst schreibt, weiß ich, was für ein Fluch komplette Freiheit sein kann. Wenn die Leute halt von den Sendern keine Grenze gesetzt kriegt, muss man sich die eben selber setzen. Gut, das haben D&D dann irgendwann getan, aber eben auch nur, weil sie STAR WARS machen wollten und nicht, weil sie einen Plan hatten, wie man die Serie innerhalb der selbst abgesteckten Zeit zu einem vernünftigen Ende bringt. Tja, und am Ende haben sie die Serie verkackt und SW auch noch verloren, weil sie sogar für Disney zu scheiße sind. Stramme Leistung, würde ich sagen …

          Ja, Staffel 3 fand ich auch schwächer, aber die zweite hat die Messlatte auch einfach sehr hoch gesetzt.

  3. 25. Februar 2021 09:00

    Freut mich sehr, dass dir die zweite Staffel so gut gefallen hat. Ging mir ähnlich und die dritte fand ich sogar noch einmal ein paar Stufen stärker und das Ende genial. Bin sehr gespannt, was du dazu sagen wirst… 🙂

    • donpozuelo permalink*
      25. Februar 2021 13:41

      Also Staffel 2 hat mich einfach echt schon umgehauen. Das ist einfach nur krass gewesen. Zu Beginn dachte ich echt, ich bin in der falschen Serie… 😁 aber Hut ab, dass Lindelof da so gut diesen Richtungswechsel durchgezogen hat, ohne die Ereignisse aus Staffel 1 zu vergessen. Nur die Nummer mit Kevins Sohn geht ein wenig unter, finde ich.

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