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Der Nachrichtenvorleser

15. Februar 2021

Paul Greengrass ist für mich ein Regisseur, dem ich – ehrlich gesagt – eher aus dem Weg gehe. Nicht etwa, weil ich seine Filme nicht mag, im Gegenteil. Was ich aber gerade an seinen actionlastigen Filmen nicht mag, ist die Kamera-Arbeit. Ich glaube, es ist nicht zu verwerflich, wenn ich sage, dass Greengrass mit seinem Einstieg in die „Bourne“-Reihe die Art, wie man Action inszeniert, revolutioniert hat. Die Handkameras sind bei ihm immer direkt mitten im Kampfgeschehen. Wenn man sich Behind-the-Scenes-Material anguckt, wird einem schon schwindelig. Da springen die Kamera-Männer Matt Damons Jason Bourne durch die Luft hinterher und müssen selbst schon halbe Stuntmänner sein, um da mitmachen zu können. Doch ist Greengrass‘ Inszenierung so schwindelerregend wie sie aufregend ist… und das im wahrsten Sinne des Wortes. Davor graut mir immer ein wenig, wenn ich an Greengrass denke… deswegen war ich dann auch ein wenig vorsichtig, als es um seinen neuesten Film ging: „News of the World“… doch der ist irgendwie so ganz anders, dass ich fast nicht geglaubt hätte, der Film stammt von Greengrass.

Texas, irgendwann im Jahr 1870: Captain Jefferson Kidd (Tom Hanks) reist durch den Staat und liest in den Orten die Nachrichten vor. Auf dieser Reise findet er ein junges Mädchen namens Johanna (Helena Zengel), die nach der Ermordung ihrer Eltern von dem Stamm der Kiowa verschleppt und aufgezogen wurde. Das Mädchen sollte nach ihrer Befreiung zu ihren letzten überlebenden Familienmitgliedern zurückgebracht werden, doch ein Lynchmob tötete den schwarzen Fahrer, der sie dorthin bringen sollte. Widerwillig nimmt sich Kidd der kleinen Johanna an, die sich jedoch allen „Resozialisierungsversuchen“ Kidds widersetzt. Eine nicht ganz so einfach Reise beginnt…

Greengrass macht also einen Western… und der sieht mit seinen klassischen, statischen Totalen des „Wilden Westens“ auch verdammt gut aus. Von Beginn an ziehen uns die Bilder in ihren Bann. Die Naturgewalten und die Schönheit eben dieser Gewalten fängt Kameramann Dariusz Wolski perfekt ein. Optisch betrachtet ist „News of the World“ wirklich ein schöner Film, den ich gerne auf der großen Leinwand gesehen hätte. Und selbst, wenn es mal ein bisschen Action gibt (was nicht sonderlich viel ist in diesem Film), bleibt es Greengrass-untypisch eher ruhig… der Kamera-Stil passt sich perfekt seinem alten Hauptdarsteller und der Geschichte an.

Doch neben der tollen Optik ist da eben noch diese Geschichte… „News of the World“ ist ein Roadmovie, ein Western-Roadmovie mit klassischer Story: alter Haudegen reist mit kleinem Quälgeist durch die Gegend. Haben wir auch schon Dutzende Male gesehen. Aber gerade dank Tom Hanks und der jungen Helena Zengel ist das Ganze auch wirklich sehenswert. Tom Hanks ist toll in der Rolle des Vorlesers, allerdings fehlt seiner Figur dann auch so ein bisschen das gewisse Etwas. Sein Kidd ist zu sehr Tom Hanks… in dem Sinne, dass Kidd ohne zu große Einwände alles unternimmt, um dieses ihm fremde Kind nach Hause zu bringen. Ein bisschen mehr Tiefgang hätte ich mir da von seiner Seite gewünscht. Einen Wandel – vom grummeligen Captain zum Ersatzvater. Dieser Sprung da hin passiert innerhalb von Sekunden. Was ein wenig schade ist… Helena Zengel dagegen, die die meisten wahrscheinlich aus ihrer grandiosen Rolle in „Systemsprenger“ kennen dürften, ist toll. Als stumme Begleiterin erinnerte sie mich gerade in ihren Wutausbrüchen sehr an Benni. Aber insgesamt fand ich sie in ihrer stillen Rolle neben Tom Hanks sehr stark. Und die Beiden haben eine tolle Chemie – also auch, wenn ich mir mehr Entwicklung von Hanks Kidd gewünscht hätte, die Beiden zusammen passen wunderbar zusammen.

Wo Greengrass allerdings ein bisschen mehr Wert drauf hätte legen können, wären die ganzen anderen interessanten Aspekte seines Films. Zum einen wird mal kurz das Nachrichten-Thema angerissen. In einer Stadt wird Kidd gezwungen, Nachrichten vorzulesen, die von einem üblen Kerl geschrieben worden sind. Hier zeigt sich die Nähe zur Moderne in „News of the World“… fake news hat es schon immer gegeben. Und auch Menschen, die entscheiden, wer welche News zu hören bekommt. Ein faszinierender und spannender Punkt, der aber leider zugunsten des Roadmovies ein wenig hinten angestellt wird.

Das Gleiche gilt für die geladene Situation in Texas… auch hier hätte der Film in eine sehr viel politischere Richtung gehen können. Aber auch das reißt Greengrass nur kurz an. Ihm sind seine zwei Hauptdarsteller wichtiger, was auch vollkommen okay ist. Letztendlich sollte man vielleicht doch auch den gleichnamigen Roman von Paulette Jiles lesen… so aber ist „News of the World“ ein toller Charakter-Film mit schönen Road-Movie-Aspekten, viel Gefühl und leider einigen verspielten Chancen.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Tom Hanks und Helena Zengel könnten auch noch länger durch den Westen reisen)

2 Kommentare leave one →
  1. 15. Februar 2021 08:27

    Ich sehe es ähnlich wie du. Optisch toll, inhaltlich hätte er etwas zielgerichteter sein dürfen. Die Besonderheiten des Films werden nur angerissen und den Rest hat man schon oft genug gesehen. Nach den Nominierungen im Vorfeld hätte ich mehr erwartet als nur einen soliden Film.

    • donpozuelo permalink*
      15. Februar 2021 16:49

      Geht mir genauso. Am Ende konzentriert sich das Ganze zu sehr auf die Starpower Hanks, anstatt nen wirklich starken Film zu liefern

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