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Filmreise Etappe #65: Die Gouvernante von Thornfield Hall

5. Februar 2021

Vor etwa zwei Jahren habe ich mich an Charlotte Brontes Roman „Jane Eyre“ gewagt… und ich sage bewusst „gewagt“, weil ich echt Bedenken hatte, ob mir dieser Roman gefallen könnte. Diese alten Klassiker sind halt auch nicht immer die einfachste Lektüre und dann tat ich das Ganze früher auch immer als reine Liebesgeschichte ab. Zum Glück kam ich dann doch dazu, „Jane Eyre“ zu lesen und war von Anfang an begeistert. Dieser großartige Mix aus Bildungsroman, Coming-of-Age-Story, Gruselgeschichte und Liebesroman mit einer tollen Hauptfigur hatte mich sofort in den Bann geschlagen (und gehört definitiv zu den Büchern, die mehrere Male gelesen werden). Da stand für mich außer Frage, welche britisch-viktorianischer Buchverfilmung ich nehmen würde… nur war da dann wiederum das Problem, dass es von „Jane Eyre“ gefühlt zig tausend Verfilmungen gibt. Ich machte es mir dann doch leicht und wählte einfach die jüngste Version von Cary Fukunaga (der Mann bringt uns ja – irgendwann – Bond Nr. 25 und bescherte uns das Drehbuch zum ersten „It“-Film).

Die junge Jane Eyre (Mia Wasikowska) bricht vor der Tür von St. John Rivers (Jamie Bell) und dessen Schwestern zusammen. Bei Rivers kommt Jane wieder zu Kräften und nach und nach erinnert sie sich an ihr Leben: Wie sie unter ihrer Tante Mrs. Reed (Sally Hawkins) leiden musste, wie sie zur brutalen Lowood School for Girls geschickt wurde und wie sie schließlich Gouvernante von Thornfield Hall wurde – und dort Mr. Rochester (Michael Fassbender) kennenlernte.

Der Film hatte mich direkt, als ich merkte, dass der (für mich persönlich) „langweiligste“ Teil des Romans einfach nur zur Rahmenhandlung der Geschichte wurde. Ja, ich gestehe, dass ich Janes Aufenthalt bei St. John Rivers im Buch nicht so wirklich mochte… das Ganze aber so umzusetzen, wie Fukunaga es macht, ist ziemlich clever. Simpel, aber effektiv. Eine völlig aufgelöste Jane kommt irgendwo an und erst nach und nach erfahren wir, wer diese junge Frau wirklich ist. Für Zuschauer, die das Buch nicht kennen, eine schöne Variante, um dem Ganzen ein bisschen mehr Spannung zu zuordnen.

Danach hangelt sich Fukunaga aber recht werkgetreu am Roman entlang und geht alle Etappen des Buches durch. Natürlich auf Kosten vieler toller Aspekte, denen Bronte mehr Zeit widmete… wie eben Janes Aufenthalt bei Mrs. Reed oder die Lowood-Schule. Im Film sind das vielleicht 15 bis 20 Minuten, hätten aber durchaus mehr Zeit verdient (weswegen ich vielleicht mal doch noch die vierteile BBC-Mini-Serie mit Ruth Wilson gucken muss, da gibt es davon bestimmt mehr).

Fukunaga konzentriert sich dann mehr auf die Beziehung Jane Eyre und Mr. Rochester, was vollkommen legitim ist. Witzig ist dabei, dass eine gute Freundin von mir meinte, Mia Wasikowska und Michael Fassbender wären einfach viel zu hübsch für diese Rollen und schlug stattdessen Paul Giamatti als Mr. Rochester vor. Was wohl wirklich näher am Roman dran wäre, aber was soll’s? Ich habe kein Problem damit, schönen Menschen beim Sich-Verlieben zu zuschauen. Mia Wasikowska ist aber auch wirklich großartig in dieser Rolle. Ich mochte sie vom ersten Zeitpunkt an. Sie hat diese scheinbare, äußerliche Zerbrechlichkeit, hinter der sich aber eine starke und willensstarke Frau versteckt. Fassbender wiederum bringt das Arrogant-Überhebliche von Mr. Rochester gerade zu Beginn wunderbar rüber und man kann schön dabei zusehen, wie er sich mehr und mehr von Jane Eyre verzaubern lässt. Wasikowska und Fassbender haben eine tolle Chemie, aber am Ende ist es halt wirklich eine stark aufspielende Wasikowska, die den Film auf ihren Schultern trägt.

Dazu schafft es Fukunaga, uns mit tollen Bildern zu beeindrucken – die mich ein wenig an die sprachliche Bildgewalt von Bronte erinnert haben. Die alten Gemäuer von Thornfield Hall könnten aus einem Horror-Film stammen…

Insgesamt hätte der Film für mich noch ein bisschen mehr auf bestimmte Elemente eingehen können, aber Filmzeit ist immer zu wenig Zeit, um einem Roman voll und ganz gerecht zu werden. Fukunaga gelingt der Mittelweg und schafft so eine rundum gelungene Verfilmung.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Wasikowska ist eine tolle Jane Eyre und macht direkt Lust, das Buch noch einmal zu lesen)

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