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Es geschah am 14. Oktober

3. Februar 2021

Auf der Suche nach der immer neuesten und besten Serie aller Zeiten habe ich mich dazu entschieden, mal wieder eine etwas „ältere“ Serie zu schauen… eine, die in vielen Bestenlisten ziemlich weit oben steht. Da ich ein Fan solcher Listen bin – und sie mich bis jetzt auch nie enttäuscht haben („Sopranos“ war immer ganz oben mit dabei und das vollkommen zu Recht), bin ich mal zurückgegangen und habe diese Listen durchforstet. So was wie „The Wire“ will ich mir aber irgendwie immer noch nicht so recht anschauen. Deswegen habe ich mich für eine Serie entschieden, die alle toll zu finden scheinen, obwohl sie von einem Typen gemacht wurde, der an „LOST“ gearbeitet hat: „The Leftovers“.

Am 14. Oktober 2011 verschwinden auf einmal 140 Millionen Menschen weltweit (stellt euch den Thanos-Snap aus „Infinity War“ – nur lange, bevor das cool war). Die Serie jetzt nun drei Jahre später an und zeigt uns am Beispiel der Familie Garvey, wie die Menschen damit umgehen. Mama Laurie (Amy Brenneman) hat sich einem Kult angeschlossen, der in der kleinen Stadt Mapleton von der strengen Patti (Ann Dowd) geführt wird. Dieser Kult hat sich dem Stillschweigen, dem Kette-Rauchen und dem Weiß-Tragen verschrieben… und führt stumme Aktionen gegen die Menschen durch, die den Verblichenen nachtrauern. Dann hätten wir da Sohnemann Tom (Chris Zylka), der sich dem vermeintlichen Guru Holy Wayne (Paterson Joseph), der angeblich die Menschen von ihrer Last befreien kann… und sich nebenbei einen Harem von asiatischen Frauen hält, die ihm Kinder gebären sollen. Und schließlich hätten wir noch Kevin (Justin Theroux), Polizei-Chief, der scheinbar anfängt, langsam durchzudrehen, weil er immer wieder an Orten aufwacht und sich nicht erinnern kann, wie er dort hingekommen ist. Seine Tochter Jill (Margaret Qualley) ist die Einzige, die noch bei ihrem Vater lebt, aber sich auch mehr und mehr abkapselt.

Puh… eine Inhaltsangabe allein schafft es gar nicht, dass alles zu erfassen. Da fehlt noch das Pfarrer Matt (Christopher Eccleston) und Nora Durst (Carrie Coon), die ihre vier Familienmitglieder verloren hat und Meg (Liv Tyler), die ihren Mann verlässt und auf Laurie trifft… und und und… Season 1 ist vollgepackt mit interessanten Charakteren, die erstaunlicherweise in der kurzen Zeit von nur 10 Episoden relativ ausführlich beleuchtet werden. Was aber auch daran liegt, dass sich ihre Wege immer wieder mal kreuzen. Die einzige Story, die irgendwie nicht so reinpasst, ist die von Holy Wayne und Kevins Sohn. Das spielt alles einfach so am Rande mit und wird auf die merkwürdigste Art und Weise beendet, sodass man wirklich das Gefühl hat, hier wussten die Macher nicht so genau, was sie damit eigentlich vorhaben.

Das ist grundsätzlich auch ein allgemeiner Kritikpunkt, den ich bei der ersten Staffel habe: Es hat mich schon hier und da verwirrt, wohin das alles eigentlich gehen soll. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass die Macher da nicht so ganz wussten, was sie wie am besten anpacken. Da bekommt Pfarrer Matt eine eigene Folge geschenkt und auch Dora – beides tolle Folgen, die aber die Story an sich nicht weiter vorangebracht haben.

Dennoch ist „The Leftovers“ wahnsinnig spannend… vielleicht auch gerade deswegen, weil die Serie mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet. Mit jeder Episode kommen neue Fragen dazu, die aber spannend aufgeworfen werden – und dieses ganze Durcheinander der Gefühle noch komplizierter machen. Es wird ein emotionales Konstrukt aufgebaut, das einen fasziniert, weil man es verstehen will, verstehen muss – gerade weil es so vertraut und doch so anders wirkt.

Das große Ganze (die Frage, warum 2% der Weltbevölkerung verschwunden sind) ist aber eigentlich nebensächlich. Wie die Menschen damit umgehen, ist der Serie viel wichtiger. Hier kommen dann auch die Stärken von „The Leftovers“ klar zum Vorschein: Die Darsteller sind durch die Bank weg großartig und ziehen einen mit ihren Eigenschaften und ihren Geheimnissen wirklich in ihren Bann. Justin Theroux dabei zuzusehen, wie er an all dem irgendwie langsam kaputt geht, ist faszinierend und schmerzlich zugleich. Margaret Qualley, die ich bisher nur aus „Once Upon A Time… In Hollywood“ kannte ist ebenfalls stark in ihrer Teenage-Angst und ihrem verzweifelten Rebellentum. Aber wie gesagt, es würde jetzt auch wieder alles zu weit führen: Alle Darsteller erfüllen ihre Charaktere mit Leben, so dass man wirklich nicht anders kann als mit ihnen mit zu leiden, mit zu fühlen, sich mit zu freuen.

„The Leftovers“ ist in seiner ersten Staffel schon ziemlich starker Tobak, der weniger Mystery beinhaltet, als ich zuerst angenommen hatte. Ich bin jetzt schon wahnsinnig gespannt, wie es in Staffel 2 weiter geht – zumal die Buchvorlage von Co-Creator Tom Perrotta mit der ersten Staffel auserzählt ist. Sprich, Staffel 2 geht neue Wege…

Wertung: 8 von 10 Punkten (packendes Drama, das neugierig auf mehr macht)

12 Kommentare leave one →
  1. 3. Februar 2021 07:51

    Freu dich schon einmal auf Staffel 2 und 3. Zusammen bildet die Geschichte mit das packendste Serienerlebnis, das ich je hatte. Irgendwie anstrengend und zermürbend, aber toll erzählt und gespielt.

    • donpozuelo permalink*
      3. Februar 2021 09:19

      Ja, ich habe schon so viel davon gehört, wie sehr sich das Ganze mit Staffel 2 wendet. Was ja auch durchaus Sinn ergibt. Schließlich ist die Buchvorlage mit Staffel 1 komplett übernommen (was irgendwie nicht so fürs Buch spricht, da das Ende ja so für sich allein ein bisschen zu offen wäre für mein Geschmack)

  2. 3. Februar 2021 09:41

    Ausgezeichnete Wahl!

    Habe die Serie auch erst letztes Jahr gesehen und war schnell fasziniert davon. Ich war auch sehr überrascht, wie klein doch der Mystery-Anteil ist, aber das Ding funktioniert ja grade deswegen! Staffel 2 ist auch super, obwohl es da einen kleinen Neustart gibt. Aber dafür hat der Pfarrer dort dann einen etwas größeren Part.

    • donpozuelo permalink*
      3. Februar 2021 11:56

      Ja, das Mysterium an sich wird wirklich klein gehalten, hat aber so heftige Auswirkungen auf die menschlichen Dramen, dass es ständig im Kopf ist. Wirklich gut gemacht…

  3. 6. Februar 2021 18:07

    Die Serie habe ich immer noch nicht zu Ende geschaut. Nach Staffel 2 gab es eine temporäre Auszeit, weiß gar nicht so recht, warum. Ich muss die doch mal abschließen. Immerhin war sie bis dahin ja wirklich sehenswert (also auch Staffel 2)…

    • donpozuelo permalink*
      6. Februar 2021 20:37

      Ja, das solltest du auf jeden Fall machen. Vielleicht einfach noch mal von vorne anfangen… 😁

  4. 4. März 2021 21:03

    „alte Serie“ ^^“ Ich hab mir die erst vor einem Jahr oder so auf BluRay gekauft. Aber ich muss ja eh gestehen, dass ich bei Serien manchmal etwas hinterher bin. Schade, dass sie dich jetzt nicht übermäßig begeistert hat, aber schlecht war sie ja offenbar auch nicht. Vielleicht schaue ich sie jetzt auch endlich mal.

    • donpozuelo permalink*
      5. März 2021 06:36

      Staffel 2 hat mich dafür komplett vom Hocker gehauen. Also unbedingt gucken

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