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Von Brücken und Apfelbäumen

18. Januar 2021

Plansequenzen sind eine Kunstform für sich, die früher viel häufiger vorkam, als der Film wirklich noch ohne viele Schnitte auskam. Irgendwann wurde die Zunft der Editoren größer und wagemutiger… und mittlerweile leben wir in einer Welt des Films, in der gefühlt alle zehn Sekunden irgendein Schnitt kommen muss. Wenn wir heute Plansequenzen sehen, sind sie – habe ich zumindest das Gefühl – auffälliger und werden mehr beachtet. Dann kommen da natürlich Filme wie „1917“ oder „Birdman“ oder „Victoria“, die das Ganze auf die Spitze treiben und uns gleichzeitig verdeutlichen, wie viel Arbeit in so einer Plansequenz steckt – weswegen man sie dann noch mehr zu schätzen weiß. Im Zusammenhang mit Netflix‘ neuestem Film „Pieces of a Woman“ wurde auch immer wieder von der Plansequenz geredet. Überall, wo ich hinschaute, las ich nur, wie großartig die erste halbe Stunde des Films sei, wie emotional aufwühlend und was nicht noch alles… da war ich natürlich direkt wieder neugierig und musste mir das Ganze mal anschauen.

In „Pieces of a Woman“ geht es um das Ehepaar Martha (Vanessa Kirby) und Sean (Shia LaBeouf). Martha ist schwanger und zu Beginn des Films setzen ihre Wehen ein. Durch die erwähnte Plansequenz hindurch sind wir quasi live dabei, wie Martha ihr Kind zur Welt bringt… das kurz nach der Geburt aber verstirbt. Einen Monat später sehen wir Martha und Sean dann wieder. Die Ehe ist durch den Tod des Kindes durcheinandergewirbelt. Während Sean verzweifelt die Nähe seiner Frau sucht und über alles reden will, sperrt die sich von allen Emotionen weg…

Ich bin jetzt mal etwas provokant und sage Folgendes: Ich fand die Plansequenz nett, mehr aber auch nicht. Schauspielerisch ist sie vor allem durch Vanessa Kirby einfach nur großartig. Das muss für die Schauspielerin allein schon eine ganz schöne Tortur gewesen sein, und ich möchte nicht wissen, wie viele Durchläufe sie gebraucht haben, um die für den Film passende Version im Kasten gehabt zu haben. Aber abgesehen von den wirklich dramatischen letzten Minuten dieser Sequenz war da jetzt nichts, was mich nachhaltig beeindruckt hätte. Es mag jetzt sehr böse klingen, aber letztendlich schreit sie nur viel rum, atmet schwer und versucht einfach, ihr Kind zur Welt zu bringen. Ob das nun eine Plansequenz ist oder nicht, ist mir da egal. Das Ganze hätte auch Schnitte haben können und es hätte die gleiche Wirkung gehabt. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter… und meine, man hätte diese ganze Sequenz auch gar nicht gebraucht. Denn die anderthalb Stunden, die danach folgen, tragen alle diesen Schmerz des Verlustes auch so in sich. Somit wirkt diese viel gepriesene Plansequenz fast schon zu künstlich in meinen Augen… in der Hoffnung, die Leute reden viel darüber (was sie ja auch machen, mich eingeschlossen).

Was im Anschluss an die Plansequenz folgt, verliert sich dann in meinen Augen in einer stark klischeebehafteten Geschichte über den Zerfall einer Ehe. Shia LaBeouf spielt den Ehemann, der seine Gefühle stark nach außen drückt, der Liebe will, der reden will, der sich aber allein gelassen fühlt (und dann in einer Affäre landet). LaBeouf fand ich in dieser Rolle dennoch stark… ich muss sogar gestehen, dass ich ihn stellenweise stärker fand als Kirby, was aber auch stark daran liegt, dass seine Rolle einfach extrovertierter in ihren Emotionen ist. Kirby spielt ihre Martha sehr unterkühlt. Sie ist eine Frau, die ihre Gefühle nach außen hin unter Kontrolle hält und somit weder ihren Ehemann noch mich als Zuschauer an sich heranlässt.

In diesem Falle muss ich aber selbst diese Darstellung loben, denn was Kirby und LaBeouf hier schaffen, ist eine realistische Performance, die alle Tiefen auslotet, die man wohl als Eltern und Paar erleben muss, wenn man von so einem Schicksalsschlag getroffen wird. Das ist die große Stärke von „Pieces of a Woman“ in meinen Augen: Ohne Kirby und LaBeouf wäre das alles nicht so stark gewesen.

Leider hat der Film aber noch ein Problem: Neben der Ehe-Drama spielt sich noch ein kleineres Justizdrama ab, da die Mutter von Martha, toll gespielt von Ellen Burstyn, die Hebamme verklagen lässt. Das verläuft aber alles so nebenbei und hatte für mich einen etwas bitteren Beigeschmack, weil ich nie so ganz greifen konnte, warum sie überhaupt verklagt wurde – hatte sie doch in meinen Augen alles richtig gemacht. Regisseur Kornél Mundruczó nutzt das Gerichtsdrama dann am Ende auch nur, um eine Art Katharsis für Martha zu verwenden, was in einer etwas kitschigen Ansprache im Finale des Films endet.

„Pieces of a Woman“ hat zum Glück starke Darsteller, die viel von den sehr vorhersehbaren Handlungen wieder wettmachen. Immerhin verpackt der Regisseur das Ganze dann noch schön in bildliche Metaphern – von einer Brücke, die gebaut wird, von Apfelsamen, die gepflanzt werden und was nicht noch alles. Auch das kann man ein wenig kitschig finden, hat dem Ganzen aber in meinen Augen einen netten Touch gegeben.

Wertung: 6 von 10 Punkten (ich bleibe, was Ehe-Dramen angeht, dann doch lieber bei „Marriage Story„)

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