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Im Eis allein mit Iris

13. Januar 2021

Ich gehöre ja zur Spezies „Buch vor Film unbedingt lesen“ (die genaue lateinische Bezeichnung ist mir jetzt entfallen). In vielen Fällen macht das durchaus auch Sinn und am Ende gewinnt sowieso meistens das Buch. Natürlich gibt es immer wieder mal Ausnahmen… und es gibt Ereignisse, bei denen es zum Unentschieden kommt. Hatte ich bislang nicht so oft, aber es kommt vor. Wie jetzt zum Beispiel mit George Clooneys Film „The Midnight Sky“, der auf dem Roman „Good Morning, Midnight“ von Lily Brooks-Dalton basiert. Das Buch war schon nicht so unbedingt mein Fall, der Film ändert daran nichts, sondern macht die gleichen Fehler – nur spiegelverkehrt.

Augustine Lofthouse (Clooney) ist ein weltweit gefeierter Astronom, dessen Forschung zur Entdeckung eines bislang unbekannten Jupitermondes führt. K-23, wie der Mond genannt wird, ist sogar bewohnbar, was die Crew der Aether bestätigt hat. Die verlassen die Erde für eine 2-Jahres-Mission. Als die Crew um Commander Adewole (David Oyelowo) zurückkehrt, herrscht auf der Erde auf einmal Funkstille. Verzweifelt versucht die für die Kommunikation zuständige Wissenschaftlerin Sully (Felicity Jones) Kontakt herzustellen… bis sie eines Tages Augustine erreicht, der ganz allein mit dem jungen Mädchen Iris (Caoilinn Springall) in der Arktis festsitzt.

Dinge, die der Film besser macht als das Buch:

Im Buch wird uns nie verraten, was eigentlich auf der Erde passiert ist. Es bleibt dem Leser überlassen. George Clooneys Film ist da zum Glück ein wenig anders. Viel wird uns zwar auch nicht verraten, aber das, was wir zu sehen und zu hören bekommen, reicht für einen Film an sich aus, um das ganze Weltuntergangsszenario greifbarer zu machen.

Ganz ähnlich ist es mit dem Erscheinen von Iris. In Brooks-Daltons Roman ist das sehr fantastisch angehaucht. Sie erscheint förmlich aus dem Nichts, kann mit den Tieren der Arktis kommunizieren und scheint fast immun gegen die Kälte zu sein. Ganz zu Beginn des Films sucht eine Forscherin in der Arktis verzweifelt ihre junge Tochter (weil man die eben auf Forschungsreise in diesem Fall auch mitnehmen kann). Ihr wird versichert, die sei schon auf einem anderen Flug. Mehr wissen wir nicht – dadurch erscheint Iris‘ plötzliches Auftauchen im Film sehr viel plausibler und logischer.

Im Buch war mir Augustines Geschichte immer etwas zu langatmig, um nicht zu sagen, langweilig. Seine stille Reise durch die Arktis mit Iris war etwas plotleer, auch wenn Lily Brooks-Dalton es hier und da mit ein paar Rückblenden aufwertet. Im Film ist Augustines Reise das Interessanteste. Clooney holt hier ziemlich viel aus dem Trip durch Eis und Schnee heraus. Manchmal übertreibt er es etwas (wenn Augustine ewig )nach seinem Dialyse-Gerät im eiskalten Wasser taucht), insgesamt fand ich aber gerade die Story zwischen Augustine und der stummen Iris sehr schön in Szene gesetzt. Clooney und Springall haben eine tolle Chemie – und Clooney als alternder Kerl, der eigentlich schon aufgegeben hat und durch Iris in eine ungewollte Vaterrolle gedrängt wird, wirkte auf mich im Film viel besser als im Buch.

Dinge, die der Film schlechter macht als das Buch

Um es in einem Satz zu sagen: Alles, was mit der Besatzung der Aether zu tun hat, passt einfach nicht. Optisch sieht das wirklich toll aus. Ich glaube, da hat George Clooney viel von Alfonso Cuarón und „Gravity“ gelernt. Erzählerisch gliedert sich das Ganze nur schwer in den Film ein. Im Buch wechselt Brooks-Dalton einfach in jedem Kapitel von Augustine zu Sully und der Aether. Der Film tut sich da sehr schwer. Die erste Hälfte gehört fast nur Clooney, die zweite Hälfte dann mehr Felicity Jones und Co., aber eher so, dass man zwischendurch schon fast wieder vergisst, dass es den Handlungsstrang auf der Erde ja noch gibt. Die Balance zwischen Erde und All gelingt Clooney so gar nicht.

Dazu kommt, dass die Besatzung der Aether mir persönlich ziemlich egal war. Brooks-Dalton hingegen findet gerade bei denen sehr viel, beschreibt die psychologische Belastung der einzelnen Mitglieder und erschafft so ein packendes Bild der Besatzung. Bei Clooney leben die in einem hippen Raumschiff, alle sind irgendwie happy und die Tatsache, dass sie ewig nichts von der Erde gehört haben, stört die da nicht so… die waren mir alle zu glattgebügelt und zu oberflächlich gezeichnet. Statt auf sich selbst hätte Clooney mal ein bisschen mehr Zeit mit den anderen Darstellern verbringen sollen.

Etwas absurd ist dann auch das Ende, das ich nicht spoilern will… aber der große „Plan“ am Ende ist, ehrlich gesagt, eigentlich recht merkwürdig.

Insgesamt ist der Film jetzt für mich weder schlechter noch besser als das Buch. Es hält sich alles genau die Waage. Tendenziell würde ich interessierten Menschen der Einfachheit halber eher zum Film raten. Der geht nur zwei Stunden 😀

Wertung: 5 von 10 Punkten (in Teilen nett, in Teilen langweilig)

2 Kommentare leave one →
  1. 13. Januar 2021 17:47

    Anscheinend ist es ja auch egal, ob Buch oder Film besser ist, wenn anscheinend bitte nicht besonders gut sind. Habe letzte Woche den Film gesehen und fand ihn eher etwas mau. Mir hat da ehrlich gesagt sogar die Besatzung auf dem Schiff noch besser gefallen als Clooney on the rocks.

    • donpozuelo permalink*
      13. Januar 2021 21:34

      Wenn du das Buch gelesen hättest, wärst du wohl eher enttäuscht von der Besatzung. Die ist tatsächlich im Buch interessanter und vielschichtiger geschrieben… aber ja, letztendlich nimmt sich beides nicht so viel.

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