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Random Sunday #45: Good Morning, Midnight

20. Dezember 2020

Manchmal lasse ich mich bei meiner Buchwahl gerne von Trailern und Filmen leiten. Ich habe bei sehr vielen Filmen oder Serien, das Bedürfnis, wenn mich der Stoff interessiert, erstmal die Vorlage zu lesen. Sehr selten habe ich das auch im Nachhinein gemacht. So zum Beispiel bei „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ – eine Serie, die ich großartig fand und als ich danach das Buch von Susanna Clarke las, war ich auch von dem Roman begeistert. Bei „The Queen’s Gambit“ werde ich das demnächst auch so machen und den Roman im Nachhinein lesen. Aber lieber ist es mir dann doch, wenn ich die Vorlage vorher kenne. So kam ich dann auch zu „Good Morning, Midnight“ von Lily Brooks-Dalton. Ihr erstes Roman wurde nämlich von George Clooney mit George Clooney in der Hauptrolle verfilmt und kommt demnächst auf Netflix. Der Trailer sah spannend genug aus… also holte ich mir erstmal das Buch.

Eine dem Leser unbekannte Katastrophe scheint das Leben auf der Erde komplett ausgelöscht haben. Der alte Wissenschaftler Augustine haust allein irgendwo in der Arktis in einer Forschungsstation, weil er nichts und niemanden hatte, zu dem er sich evakuieren lassen wollte. Also blieb er allein zurück… und bekommt auf einmal unerwarteten Besuch: Ein kleines Mädchen namens Iris taucht plötzlich auf. Sie redet kaum und ist einfach nur da. Mit der Zeit gewöhnt sich Augustine an sie. Während Augie, wie er sich selbst auch nennt, auf der Erde mit Iris vor sich hinlebt, kehrt das Raumschiff Aether von einer Zwei-Jahres-Mission vom Jupiter zurück. Die Kommunikationsoffizierin Sully hat dabei das Problem, dass alle Kommunikation mit der Erde ausgefallen ist. Aether schwebt allein im All auf die Erde zu… bis Sully irgendwann Augie hört.

„Good Morning, Midnight“ klingt nach einer spannenden Prämisse. Das Problem war für mich, dass Brooks-Dalton diese Prämisse lange nicht wirklich erfüllt. In der ersten Hälfte schwimmt der Roman in einem ziemlich leeren Vakuum vor sich her. In abwechselnden Kapiteln erleben wir, was Augie auf der Erde und was die Besatzung der Aether so treiben. Augie reflektiert dabei hin und wieder sein Leben, versucht sich an seine große Liebe zu erinnern und an das Kind, dass er nie kennengelernt hat. Dadurch, dass er so ein schlechter Vater war, gewinnt seine Beziehung zu dem mysteriöserweise aufgetauchten Mädchen Iris eine neue Bedeutung für ihn. Weswegen er auch nie hinterfragt, woher sie kommen könnte.

Augies Geschichte ist streckenweise sehr schleppend erzählt. Die Rückblenden auf sein Leben selbst sind dabei noch am interessantesten. Die Erzählungen von ihm in der Arktis sind manchmal etwas langatmig. Außer über Schnee schreiben, die Kälte und die Einsamkeit kann man da auch nicht. Dalton-Brooks lässt uns auch komplett im Ungewissen, was mit dem Rest der Menschheit passiert ist. So rätselte ich als Leser immer, was gewesen sein könnte, aber die Autorin kümmert sich nicht viel darum

Die Geschichte der Aether ist ein bisschen belebter und schildert eigentlich sehr schön, die Angst und die Sorgen der einzelnen Astronauten. Sully ist hier unser guter Bezugspunkt, die auf die Erde auch nur widerwillig zurück will. Von ihrem Mann lebt sie getrennt, ihre Tochter hat sie kaum gesehen, ihren eigenen Vater nie gekannt. So schleppt da oben im All jeder seine Probleme mit sich… was die etwas interessante Geschichte des Buches ist – und meiner Meinung nach mehr im Vordergrund hätte stehen sollen.

Augies Geschichte ist gerade wegen Iris so leicht mystisch angehaucht. Das Problem dabei ist, sie ist dennoch super vorhersehbar… und ich habe das Ganze sogar mal versucht, in diesen Text einfließen zu lassen. Genau so macht es Brooks-Dalton nämlich auch… und ich hatte schon direkt zu Beginn des Buches die Vorahnung, was der große Twist des Romans sein würde. Und leider hatte ich am Ende recht. Das war dann ziemlich plump und hat die Story jetzt auch nicht groß bereichert.

Insgesamt fühlt sich „Good Morning, Midnight“ wie ein langer, langer Prolog zu einer viel interessanteren Geschichte an. Die Reflektionen über Einsamkeit und das Mensch-Sein funktionieren in meinen Augen besser über die strapazierten Astronauten als über den alten Mann, der eh schon aufgegeben hat.

Ich bin mal sehr gespannt, wie George Clooney diesen Stoff in „The Midnight Sky“, wie seine Verfilmung heißt, umsetzen wird. Vom Buch selbst war ich jetzt nicht so begeistert, vielleicht macht der Film das ja besser.

3 Kommentare leave one →
  1. 9. Januar 2021 09:34

    Ach, interessant, dass du das Buch besprochen hast. Ich habe mich gefragt wie das ist, nachdem ich den Film so um Weihnachten rum geschaut habe. Denn den fand ich ähnlich vorhersehbar wie du es von dem Buch beschreibst. Er hatte schöne Bilder, Motive, rührende Szenen etc., aber ansonsten hat er mich auch nicht so recht gecatcht. Bei Sully auf der Station und ihrer familiären Situation gibt es ein paar Unterschiede … oder hast du den inzwischen schon geguckt?

    • donpozuelo permalink*
      10. Januar 2021 07:31

      Mein Artikel kommt jetzt am Mittwoch. Ich finde es auch interessant, wie „anders“ der Film dann doch geworden ist. Da mochte ich Augustines Geschichte viel mehr als im Buch. Wiederum fand ich die Astronauten eher langweilig.

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  1. Im Eis allein mit Iris | Going To The Movies

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