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Filmreise Etappe #60: Das ist bei Ihnen in der Nähe passiert

11. Dezember 2020

Neuer Meilenstein meiner Filmreise: Ich beende heute die vorletzte Kategorie „Bildungsreise“ und habe damit dann schon 60 Filme „bereist“ (eigentlich sogar 61, weil ich ja das Träumen doppelt gemacht habe). Für den letzten Film in dieser Kategorie bin ich nach Belgien gegangen und habe mir endlich, endlich, endlich mal einen Film angeschaut, der schon viel zu lange in meinem Regal eingestaubt ist: „Mann beißt Hund“.

Das Film-Team rund um Rémy (Rémy Belvaux) begleitet den Serienmörder Benoit (Benoit Poelvoorde) bei seiner „Arbeit“, um eine Reportage über ihn zu machen. Dabei stellt Ben ihnen seine Familie und seine engsten Freunde vor, redet mit ihnen über Ästhetik, philosophiert über das Menschsein… und ach ja, tötet nebenbei Menschen und erklärt dem Team sachlich, wie man Leichen beseitigt. So lernen wir dann, dass man das Körpergewicht mal 3 oder 4 nehmen sollte, um sein Opfer im Fluss ordentlich versenken zu können. Je mehr Benoit dem Team von seiner „Arbeit“ zeigt und je länger mit ihnen unterwegs ist, desto mehr bindet er auch das Kamera-Team selbst ein… bis die ihm schließlich sogar helfen.

„Mann beißt Hund“ spielt in seinem Titel auf die alte Journalisten-Weisheit an, dass ein Hund, der einen Mann beißt, nichts besonderes ist. Ein Mann aber, der einen Hund beißt, das ist eine Schlagzeile wert. Statt also über Morde und die Opfer zu berichten, entscheidet sich das Kamera-Team, über Morde und den Mörder zu berichten. Die Mockumentary des Studenten-Trios Rémy Belvaux, Benoit Poelvoorde und André Bonzel zeigt uns also den Abstieg des Journalismus in die niederste Form. Angeheizt durch den sensationsgeilen Voyeurismus werden die irgendwann selbst zu Tätern. Eine durchaus interessante Theorie, die später ja auch in Filmen wie „Nightcrawler“ weitergeführt wird (übrigens ein Film, an den mich dieser hier immer wieder sehr erinnert hat).

Was „Mann beißt Hund“ am Ende so erschreckend glaubwürdig macht, ist Benoit selbst. Poelvoorde spielt seinen Serienkiller als den perfekten Kumpeltyp. Er ist charmant, wortgewandt und zu seinen Freunden mehr als nur spendabel. Gleichzeitig geht er aber auch mit dem Morden um, als wenn es nichts wäre. Eine Art Hobby, dem er dann und wann nachgeht. Es ist seine Persönlichkeit, die einen in den Bann zieht. Man hört ihn gerne reden… und von ihm einlullen. Gleichzeitig ist er aber auch die richtige Prise Tyrann… womit er wieder deutlich macht, wie gut Zuckerbrot und Peitsche bei einigen Menschen doch funktioniert.

Wenn das Team irgendwann bei seinen Taten mitmacht, sehen sie sich als Teil von Benoits Truppe. Die Straftat dahinter wird ihnen irgendwie gar nicht mehr bewusst. Der Killer manipuliert sie… es ist das Film gewordene Stockholm-Syndrom. Was faszinierend und erschreckend zugleich ist. Zumal „Mann beißt Hund“ auch nichts beschönigt. Im Gegenteil, das wird alles nur schlimmer und schlimmer. Irgendwann tötet Benoit dann auch ein kleines Kind und redet dabei ganz nonchalant darüber, dass er das eigentlich nicht gerne macht.

Benoit ist wie Alex aus „Clockwork Orange“, ein weiterer Film, der diesen hier inspiriert hat. Vor allem in einer sehr unschönen Szene, wenn das Kamera-Team mit ihm gemeinsam ein junges Paar überfällt und die Frau mehrfach missbraucht, während der Mann zusehen muss. Zu diesem Zeitpunkt ist das Team hinter der Kamera dann längst und vollkommen dem Mann vor der Kamera verfallen – und damit kein Deut besser als er.

Der ganze Film hat so was von diesem Zitat von Nietzsche: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, daß er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

„Mann beißt Hund“ ist ein brutaler Film, ein unangenehmer Film, aber auch ein faszinierender Film, der den Voyeurismus des Kamera-Teams auf unheimliche Art und Weise auch auf den Zuschauer überträgt. Und am Ende schockiert dieser schnelle Wandel des Teams hinter der Kamera am meisten…

Wertung: 8 von 10 Punkten (unheimliche Medien-Satire, die einen sehr, sehr bitteren Nachgeschmack zurücklässt)

FYI: Mein Titel ist die Übersetzung des Original-Titels, der nichts mit Hunden oder Männern zu tun 😀

2 Kommentare leave one →
  1. 4. Januar 2021 20:34

    Also wenn du Nietzsche auspackst, dann muss das kontrovers sein! 😀 Setz ich mal auf die To-Watch-Liste …

    • donpozuelo permalink*
      4. Januar 2021 21:03

      🤣🤣🤣 Ja, dieser Film ist definitiv kontrovers… und nicht gerade die leichteste Kost.

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