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Möge das Chi mit dir sein!

9. Dezember 2020

Ich hatte das Vergnügen, „Mulan“ noch im Kino zu sehen… damals irgendwann vor gefühlten Ewigkeiten im März. Damals vor dem ersten Lockdown, der unser Leben in 2020 so durcheinanderbrachte. Doch irgendwie kam ich damals nie dazu, mich hinzusetzen und meine Kritik zu „Mulan“ zu schreiben. Als der Film dann für Disney+ verkündet wurde, witterte ich meine zweite Chance. War dann aber nicht gewillt, über 20 Euro zu bezahlen. Zumal schon abzusehen war, dass man mit etwas Geduld den Film im Dezember auch einfach so mit seinem normalen Abo des Streaming-Services gucken könnte. Also wartete ich weiter auf meine Chance, um „Mulan“ ein zweites Mal zu schauen… und dieses Mal dann auch was dazu zu schreiben.

Mulan (Liu Yifei) hat ihren ganz eigenen Kopf. Sie hat eine mächtige Verbindung zum Chi, doch weil sie eine Frau ist, soll sie diese Macht unterdrücken – immerhin ist die nur gut für die Krieger. Stattdessen soll sie sich brav ihrem Schicksal ergeben und Ehefrau, Hausfrau und Mutter werden. Als China von Rouran angegriffen wird und der grausame Bori Khan (Jason Scott Lee) immer mehr Bastionen des Kaisers (ein leider sehr verschenkter Jet Li) zerstört, wird Krieg ausgerufen. Mulans Vater soll ebenfalls in den Kampf ziehen, was seine Tochter nicht zulässt. Sie stiehlt dem Vater Schwert und Rüstung, gibt sich als sein Sohn aus und zieht in den Krieg.

Eigentlich wollte ich mich von Disneys Realverfilmungen fernhalten. „The Jungle Book“ war der letzte Film, den ich gesehen habe… und seit dem höre ich eigentlich nur, dass „Aladdin“, „Beauty and the Beast“ und Co. einfach nichts Neues finden, sondern wirklich einfach nur brav remaken, was es schon lange vorher gab. Bei „Mulan“ soll das natürlich alles anders sein, man wolle sich nicht zwingend am Zeichentrick-Film von 1998 orientieren, sondern natürlich an der ursprünglichen chinesischen Legende von Hua Mulan. Natürlich… dennoch muss ich gestehen, dass ich nach den ersten Trailern schon ein bisschen Lust auf den Film hatte – zumal das Ganze so ein bisschen Züge des Wuxia-Kinos hatte und ich Niki Caro als Regisseurin sehr mag (vor allem ihr „Whale Rider“ ist wirklich ein fantastischer Film!!!).

Was kann nun also die neue „Mulan“? Nun ja, der Film sieht tatsächlich wirklich sehr toll aus… und gehört eigentlich auf die große Leinwand. Caro hat offensichtlich weder Geld noch (CGI-) Mühe gescheut, um uns opulente Sets zu liefern. Leider beschränken die sich hauptsächlich auf die Kaiserstadt… zwischendurch sind wir in der Steppe und im Trainingslager, das ich das nicht mehr ganz so aufregend. Aber zwischendurch erinnert auch Disneys Live-Action-Mulan an die Wuxia-Vorbilder, denen es gefallen möchte.

Die Story ist mehr oder weniger die Gleiche wie im Disney-Trickfilm… mit einem kleinen „Star Wars“-Zusatz. Es gibt jetzt hier so etwas wie die Macht, nur wird es eben Chi genannt. Und weil Mulan das Chi schon als Kind hatte, war sie als Kind schon total krass. Weil sie aber in ihrer Verkleidung als Mann auch ihre wahre Natur unterdrückt, ist ihr Chi nicht so stark. Erst wenn sie zu sich selbst steht, wirkt auch ihr Chi stärker. Auf der einen Seite ist das eine schöne Metapher dafür, zu sich selbst zu stehen… auf der anderen Seite wirkt das im Film auch ein wenig plump. Weil es Mulan letztendlich nicht durch eigene Kraft schafft, zu einer Legende zu werden, sondern eben mehr oder weniger durch Magie. Das entkräftet sie ein wenig…

Dennoch machte mir die Live-Action-Version wesentlich mehr Spaß… auch wenn ich mir hier ein bisschen mehr Charakter-Entwicklung gewünscht hätte. Der Film bleibt leider ähnlich oberflächlich in seinen Charakteren wie seine Trickfilm-Version. Der Schurke Bori Khan ist halt einfach böse. Mulan ist gut. Fertig. Die neue Version führt allerdings eine neue Figur ein: Gong Li spielt die mächtige Hexe Xianniang, die Bori Khans Sklavin ist. Die Hexe ist eine der coolsten und interessantesten Figuren im Film – nur leider wird nicht viel aus ihr gemacht. Warum so eine mächtige Frau vor Bori Khan buckelt, wird nie wirklich erklärt. Dabei wäre sie als echte Gegnerin viel interessanter gewesen. Hier hätte man dann – und damit greife ich wieder zu „Star Wars“ – so eine Vader-Luke-Nummer machen können. Die Hexe hätte versucht, Mulan auf ihre Seite zu ziehen, weil sie ihr Chi spürt… klar, wäre das eine Abweichung der eigentlichen Geschichte, aber wenn man einen neuen Charakter einführt, dann sollte man auch mehr aus ihm machen.

Alles in allem finde ich die neue „Mulan“ aber sehr viel sehenswerter als den Zeichentrickfilm. Das Ganze ist erwachsener, opulenter und sieht einfach sehr viel toller aus. Endlich mal ein Live-Action-Remake, dass das Original tatsächlich aufwertet.

Wertung: 7 von 10 Punkten (ein bisschen mehr Mut zu neuen Ideen hätte dieser Mulan nicht geschadet)

10 Kommentare leave one →
  1. 9. Dezember 2020 12:23

    Ich stimme dir in großen Teilen zu, nur mag ich den Animationsfilm tatsächlich lieber. Mir war im Remake zu viele Wendungen, die zu gewollt konstruiert waren.

    • donpozuelo permalink*
      9. Dezember 2020 21:33

      Ich bin kein so großer Fan des Animationsfilms, aber ja… da waren schon zu viele Wendungen, die nicht so ganz passen…

  2. 10. Dezember 2020 12:37

    Mal eine eher positive Besprechung des Realfilms. Da werde ich vielleicht doch mal reinschauen, zumal der Zeichentrick-Film keiner der Disneys ist, die ich rauf und runter geschaut habe.

    • donpozuelo permalink*
      10. Dezember 2020 16:29

      Danke. Ja, so geht es mir dem Zeichentrickfilm auch. Find den nett, aber außer Otto als Drache ist mir nicht so viel in Erinnerung geblieben… und ich habe den Film erst kurz vor dem Live Action Mulan geguckt 🤣

  3. 22. Dezember 2020 15:21

    Ich bin ja sehr, sehr skeptisch. Sowohl weil ich den Zeichtrickfilm mag als auch weil mich bisher keine Disneyklassiker-Realverfilmung begeistern konnte. Aber folgende Frage: Wo hast du den denn im Kino gesehen???

    • donpozuelo permalink*
      23. Dezember 2020 06:58

      Das war Anfang des Jahres in einer der letzten Pressevorführungen, als man noch davon ausging, den Film regulär ins Kino zu bringen. Nur hatte ich damals nichts dazu geschrieben, weswegen ich den Film jetzt nochmal auf Disney+ nachholen musste.

      Und ja, was die Realverfilmungen angeht, bin ich voll bei dir. Bislang war das meistens eher Mist. Mulan mochte ich aber… was aber vielleicht auch daran liegt, dass ich kein so großer Fan des Zeichentrickfilms bin

  4. 1. Januar 2021 20:02

    Uff, ich bin ja noch nicht so recht überzeugt davon mir den anzuschauen. Ich fand es eben damals von Disney sehr mutig den Film so anzulegen, dass sich der eine Hauptmann ein bisschen zu Mulan in Männerklamotte hingezogen fühlt. Oder sie zumindest so eine gewisse Chemie haben. Das ist für das eher traditionalistisch geprägte Disney ja ein großer Move gewesen damals.
    Aber soweit ich weiß ist das hier ganz rausgelassen wurden – zumindest habe ich das aus anderen Besprechungen rausgelesen. Das finde ich dann schon etwas schade, auch wenn durch die Sache mit dem Chi eine andere Botschaft erkennbar ist, die auch wichtig ist.

    • donpozuelo permalink*
      3. Januar 2021 11:28

      Ja, das mit dem Hauptmann lassen sie komplett raus. Was wirklich schade ist, zumal es echt gut gepasst hätte… aber da sieht sich Disney offensichtlich noch nicht ganz so weltoffen, wie sie es gerne wären.

      Der Film ist schon okay, hat aber echt viele verspielte Chancen…

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