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Die Wahrheit hinter Citizen Kane

7. Dezember 2020

Orson Welles war gerade mal 24 Jahre alt, als er „Citizen Kane“ drehte und damit einen der Filme erschuf, den Filmemacher und Filmschaffende weltweit als einen der großen Meilensteine der Kinogeschichte beschreiben. Wenn ich mir so überlege, was ich mit 24 gemacht habe… aber gut, lieber nicht. Auf jeden Fall ist „Citizen Kane“ ein toller Film, der sich wirklich lohnt, gesehen zu werden. Das denkt sich auch David Fincher, der uns mit seinem neuesten Film „Mank“ hinter die Kulissen der Traumfabrik führt.

Herman J. Mankiewicz (Gary Oldman) zieht sich mit seiner Pflegerin Freda (Monika Gossmann) und seiner Schreibkraft Rita (Lily Collins) auf eine kleine Hütte mitten in der Wüste zurück. Hier soll er nicht nur gegen sein Alkohol-Problem ankämpfen, sondern auch das Drehbuch zu „Citizen Kane“ schreiben, dass er gemeinsam mit Orson Welles (Tom Burke) vorbereitet hat. Während des Schreibens erinnert sich Mank, wie er von allen genannt wird, an bessere Zeiten zurück und entführt uns so ins Hollywood der 30er Jahre, als die Studiobosse alles regierten und über ihnen nur der Medien-Mogul William Randolph Hearst (Charles Dance) stand, der in Manks Kopf mehr und mehr zu Citizen Kane wird.

Nach sechs Jahren Pause (in denen er für Netflix die Serie „Mindhunter“ produziert hat) meldet sich David Fincher nun also wieder filmisch zurück. Mit einem Drehbuch, das sein Vater Jack geschrieben hat… und in dem er uns, wie schon erwähnt, hinter die Kulissen der Traumfabrik führt. „Mank“ ist nicht unbedingt ein Film über „Citizen Kane“. Das zwar auch, aber der Film ist sehr viel mehr als das… und das war anfangs ein bisschen mein eigener Trugschluss. Ich ging wirklich davon aus, hier so eine Art Making-Of zu Orson Welles‘ Film zu bekommen.

„Mank“ ist aber vielmehr ein Trip, der uns eine Welt präsentiert, die eiskalt und knallhart ist. Finchers Film ist wie eine historische Quelle, die man genauesten studieren muss, um wirklich alles zu verstehen. Was dann auch mein größter Kritikpunkt am Film selbst wäre: Der Film ist vollgestopft mit Anspielungen, Figuren, Zitaten, Filmen und noch viel mehr. Man greift das alles gar nicht, wenn man sich nicht bestens in der Geschichte Hollywoods auskennt. Ich weiß nicht, wie oft ich auf Pause gedrückt und Menschen, Titel und Filme gegoogelt habe, um greifen zu können, worauf „Mank“ gerade anspielt. Man kann das alles natürlich irgendwie auch ignorieren, aber dann verpasst man diese zweite Lage, die unter „Mank“ liegt und die Fincher nur anspricht, aber selten erklärt. Auf der einen Seite ist das gut so, sonst wäre der Film sechs Stunden lang und mehr Vorlesung als Film selbst. Auf der anderen Seite hat es mich zumindest doch immer wieder etwas aus dem Geschehen gezogen.

Vielleicht ist „Mank“ auch die Art von Film, die man sich öfter anschauen sollte, um wirklich alles zu verstehen. Für mich war das Ganze manchmal auch einfach wie meine Anfänge mit „Die Sopranos“: Ich konnte bei der Serie anfangs nie die zig Charaktere auseinanderhalten… und so ging es mir dann oft auch in „Mank“. Dennoch ist das Meckern auf hohem Niveau. Schließlich ist „Mank“ ein Blick hinter die Kulissen Hollywoods aus der Sicht eines Kenners. Für Mank ist das einfach der normale Alltag. Damit muss man sich halt arrangieren.

Abgesehen davon ist Fincher hier aber ein toller Film gelungen, der vor allem durch seine Darsteller so unfassbar gut wird. Gary Oldman ist grandios in dieser Rolle. Sein Mank ist nonchalant, gewitzt, aggressiv und clever. Wir durchleben all seine Höhen und Tiefen… und das Highlight von Oldmans Performance ist eine Szene, in der er betrunken eine Party sprengt und Don Quijote rezitiert (natürlich auf die Mank’sche Art und Weise). Manks Geschichte ist aber auch eng mit den Frauen um ihn herum verbunden… ob es nun das Starlet Marion Davies (Amanda Seyfried) ist, die nur in Manks Gegenwart zeigt, dass sie mehr als nur ein hübsches Gesicht ist oder seine Hilfe Rita, die selbst auch eine kleine, aber feine Geschichte bekommt oder Manks eigene Frau, die von allen nur „Poor Sara“ (Tuppence Middleton) genannt wird.

Die menschlichen Geschichten, die Fincher in „Mank“ erzählt, sind greifbarer und nicht weniger faszinierend als die ganzen (film)historischen Ereignisse, die aufgegriffen werden – für die man nur halt am besten einen Doktor in Filmwissenschaft braucht. „Mank“ ist ein spannender Blick in die Vergangenheit der Traumfabrik, der in die schönsten Schwarz-Weiß-Bilder getaucht wurde, die ich seit längerem gesehen habe.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Gary Oldman spielt sich die Seele aus dem Leib und Fincher strapaziert gekonnt unsere Hirnzellen)

8 Kommentare leave one →
  1. 7. Dezember 2020 10:59

    Gibt es Sinn, erst einmal Citizen Cane vorab zu sehen?

    • donpozuelo permalink*
      7. Dezember 2020 14:46

      Ja, würde durchaus Sinn machen, dann erkennt man einige der Anspielungen. Generell ist es aber kein zwingendes Muss, da es um den eigentlichen Film nicht so sehr gut, sondern eher um die ganze Politik Hollywoods, etc.

  2. 7. Dezember 2020 12:45

    Stimme dir nahezu in allem zu, fand die erste Hälfte noch deutlich stärker als die Zweite, aber handwerklich ist das fast schon Kunst. Glaube auch, dass das ein Film ist, der mit jeder Sichtung besser wird.

    • donpozuelo permalink*
      7. Dezember 2020 14:47

      Das stimme ich dir wiederum zu. Die zweite Hälfte hatte mich auch zwischendurch etwas verloren. Der ganze politische Machtkampf war so unerklärt einfach da.

      Aber ja, ich glaube auch, dass man „Mank“ echt mind. zweimal gucken sollte

      • 7. Dezember 2020 15:53

        Der Film verliert seine Linie in der zweiten Hälfte, ich wusste zwischendurch nicht mehr was das jetzt für ein Film sein soll und dieser Mischmasch wirkt auch nicht organisch.

        • donpozuelo permalink*
          7. Dezember 2020 16:32

          Absolut richtig… erst ab dem Punkt, wo Mank betrunken diese Party besucht, greift alles wieder.

  3. 22. Dezember 2020 15:18

    Die menschlichen Geschichten waren für mich eben leider nicht greifbar, sondern fühlten sich eher wie Vehikel für den ganzen Rest an. Wie ich schon geschrieben hat, hat mich der Film hier eher Zwiegespalten zurückgelassen. Wäre die fantastische Ästhetik nicht gewesen, wäre der bei mir wohl komplett durchgefallen…

    • donpozuelo permalink*
      23. Dezember 2020 06:59

      Kann ich absolut verstehen. Es waren einfach zu viele Charaktere, die teilweise nur kurz angerissen wurden, wodurch viele wirklich nicht greifen…

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