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Filmreise Etappe #59: Willkommen in Koma-Land!

4. Dezember 2020

In der Schule hatte ich ganze vier Jahre Russisch. Viel ist davon nicht mehr übriggeblieben. Ich verstehe noch ein paar Fetzen, kann noch so dreieinhalb Vokabeln und immerhin das kyrillische Alphabet lesen. Ist doch auch was, oder nicht? Mit russischen Filmen habe ich mich bislang nur sehr selten auseinandergesetzt. Ich habe damals die „Wächter der Nacht“ und „Wächter des Tages“ von Timur Bekmanbetow gesehen, doch den dritten Teil ist er uns immer noch schuldig und macht stattdessen lieber so Käse wie „Wanted“, „Abraham Lincoln Vampirjäger“ oder das Remake von „Ben Hur“. In der Filmreise habe ich bislang nur einmal einen Abstecher nach Russland gemacht – und das mit Tarkowskis „Solaris“. In der Kategorie „Filme in einer dir fremden Sprache“ habe ich mir jetzt noch mal Russisch vorgeknöpft… und bin auf einen verdammt coole Streifen gestoßen, der definitiv Lust auf mehr gemacht hat: „Coma“ von Nikita Argunov.

Ein junger Architekt (Rinal Mukhametov) wacht in seinem Zimmer auf, doch die Welt scheint verändert. Menschen, Tiere, ganze Häuser und Straßen sind nur bruchstückhaft vorhanden. Wie in einer Art M.C. Escher Gemälde verlaufen Straßenzüge in den verrücktesten Winkeln. Als er von einer unheimlichen schwarzen Kreatur angegriffen wird, wird der Architekt von drei Leuten gerettet: dabei sind die junge Fly (Lyubov Aksyonova) und der herrische Phantom (Anton Pampushnyy) – den dritten erwähne ich jetzt nicht, weil er der sich recht bald opfert, um die anderen vor diesen schwarzen Monstern zu retten. Fly und Phantom bringen den Architekten zu Yan (Konstantin N. Lawronenko), dem Anführer der Truppe. Hier erfährt der Architekt, dass er eigentlich im Koma liegt – wie alle in dieser Welt, die aus den bruchstückhaften Erinnerungen der im Koma Liegenden aufgebaut ist. Yan will mit Hilfe des Architekten eine Insel erschaffen, in der die Menschen vor den schwarzen Kreaturen sicher ist. Doch das ist gar nicht so einfach… zumal der Architekt langsam die Wahrheit über dieses Koma-Land herausfindet.

Wenn man das erste Mal in dieser Welt von „Coma“ aufwacht, ist es einfach nur absolut faszinierend. Es ist so als hätte „Inception“ eine M.C. Escher-Erweiterung erlebt. Allein visuell ist dieser Film ein Fest für jeden Sci-Fi-Fan. Was Nikita Argunov hier auf die Beine gestellt hat, sieht fantastisch aus und lässt sich nur echt schwer beschreiben. Die ganze Welt sieht aus wie ein Gebilde aus Nervenzellen. An den Knotenpunkten stehen dann halt Gebäude aller Art (an die sich die komatösen Bewohner erinnern können), die Synapsen sind Straßen und Wege und was nicht noch alles. Das wirklich Faszinierende ist, dass jeder Strang seiner eigenen Gravitation folgt: Sprich – es entstehen sehr geile Action-Szenen, in denen die Leute um den Architekten von einer Ebene in die andere springen, Feinde von Oben schießen und was nicht noch alles.

Ich hatte die ganze Zeit das Bedürfnis, selbst in diese Welt springen zu wollen, in der die Physik immer nur auf einem Strang richtig funktioniert. Die Welt von „Coma“ würde sich soooo unglaublich gut als Spiel eignen, in dem man sich durch, unter und über die verschiedenen Erinnerungsstränge kämpfen muss. „Coma“ liefert dabei Straßenzüge, Felder und Wiesen, Gebirge, Eislandschaften… halt alles, was einem so in der Erinnerung herumschwirrt.

Allein optisch ist „Coma“ ein wahres Fest… und dabei auch so wunderbar kreativ. Wenn man bedenkt, dass das alles mit einem Budget von knapp 350 Millionen Rubel gedreht wurde, was nach dem Google Umrechner mal gerade 4,6 Millionen Dollar sind, ist das schon bemerkenswert. Natürlich merkt man hier und da, dass das alles am Computer entstanden ist, aber es ist nie so viel, dass es einen aus dieser Immersion rausholt.

Abgesehen vom fantastischen Aussehen des Films ist auch die Story an sich ziemlich spannend erzählt. Zwar verliert das Ganze am Ende ein bisschen an Fahrt und gerade im Finale ist dann zu viel nach dem Motto: Der Schurke erklärt uns erstmal seinen Plan, damit unser Held weiß, was er zu tun hat. Aber das kann ich „Coma“ verzeihen. Die Schauspieler fangen das ziemlich gut ab und so ist „Coma“ wirklich ein Erlebnis, dass ich jedem nur ans Herz legen kann.

… und ich werde definitiv ein paar mehr der russischen Sci-Fi-Filme gucken, die sich tatsächlich auch auf amazon prime tummeln. Wenn die alle halbwegs so gut und einfallsreich sind wie „Coma“, bin ich zufrieden.

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein optisches Sci-Fi-Feuerwerk, das ich nur zu gerne als Game zocken würde – und das ich nur zu gerne im Kino auf der großen Leinwand gesehen hätte)

5 Kommentare leave one →
  1. 4. Januar 2021 19:20

    Ich schließe daraus, den gibt es bei Prime? Klingt jedenfalls nach genau meiner Wellenlänge…

    • donpozuelo permalink*
      4. Januar 2021 19:26

      Jupp. Der ist gerade bei prime. Kann ich wirklich nur empfehlen.

  2. 1. März 2021 13:41

    Echt? Die Trailer sahen so trashig aus, darum hatte ich dann auch keinen Bock drauf. Na mal sehen. Ich bin skeptisch :))

    • donpozuelo permalink*
      2. März 2021 07:28

      Doch. Ich fand den wirklich gut. Den kann man sich schon anschauen. Ist mal ein bisschen was anderes 😁

Trackbacks

  1. 2020 | Going To The Movies

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