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Schachgenie

30. November 2020

Ich war nie besonders gut im Schach… dabei habe ich früher sehr viel gegen meinen Vater gespielt. Aber vielleicht lag es auch genau daran. Er war halt immer zu gut und irgendwann gingen mir die Belehrungen eher auf den Keks, als das mir das Spiel an sich Spaß gemacht hätte. Mein älterer Bruder fand da mehr Interesse dran, allerdings fing er dann auch wirklich an, Bücher zum Spiel zu lesen und somit mehr strategisch an den Kampf gegen meinen Vater heranzugehen. Was ich auf jeden Fall aus dem Spiel mitgenommen habe, ist die Tatsache, wie wunderbar man dabei abschalten kann. Egal, was einem im Kopf schwirrt, wenn man anfängt, über seine Züge nachzudenken, wird alles andere erst einmal komplett verdrängt. Je mehr man sich auf das Spiel einlässt, desto mehr nimmt es einen ein. Und seitdem ich jetzt „The Queen’s Gambit“ auf Netflix geschaut habe, habe ich wieder richtig Lust bekommen, zu spielen. Was nur eine von vielen Errungenschaften ist, die diese Mini-Serie mit sich bringt.

Beth Harmon (Isla Johnston) muss nach dem Tod ihrer Mutter in ein Waisenhaus. Hier fühlt sie sich von Anfang an nicht wohl. Einzig und allein Jolene (Moses Ingram) wird so etwas wie eine Freundin für sie. Doch mit dem Rest der Mädchen kommt Beth nicht klar. Ihre Zeit im Waisenhaus scheint zur Tortur zu werden… zumal man sie auch direkt mit Beruhigsmitteln vollpumpt, von denen das junge Mädchen recht schnell sehr abhängig wird. Als sie jedoch den Hausmeister Mr. Shaibel (Bill Camp) kennenlernt, verändert sich ihr Leben: Er bringt ihr Schachspielen bei und entdeckt, dass Beth ein Schachwunderkind ist. Später wird Beth, mittlerweile ein Teenager (Anya Taylor-Joy) von Alma Wheatley (Marielle Heller) und ihrem Mann adoptiert. Stück für Stück verfolgt Beth dabei weiter ihre Liebe zum Schach… und steigt schon bald zur gefeierten Spielerin auf.

„The Queen’s Gambit“ basiert auf dem gleichnamigen Buch von Walter Tevis, das ich mir mittlerweile auch schon besorgt habe und es dann irgendwann im nächsten Jahr wahrscheinlich zu meinen „21 Bücher für 2021“ packen werde. Scott Frank, der unter anderem das Drehbuch zu „Logan“ geschrieben hat, steckt hinter der Roman-Adaption (er schrieb die Drehbücher und führte Regie). Und entweder der Roman ist so grandios wie die sieben Folgen der Serie oder Frank hat dem noch eine ganz besondere Note gegeben. Auf jeden Fall war „The Queen’s Gambit“ etwas, von dem ich im Leben nicht damit gerechnet hätte, dass ich es so bingen würde.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Vielleicht beim Offensichtlichsten – dem Schachspiel. Es ist bemerkens- und bewunderswert, wie es Frank schafft, dieses Spiel so dermaßen spannend wirken zu lassen. Ich kann das jetzt nur aus Laiensicht beurteilen (und sollte es richtig gute Schachspieler unter euch geben, sagt mir gerne, wie ihr das Ganze fandet), aber „The Queen’s Gambit“ inszeniert die Spiele so unfassbar gut, dass man mitfiebert, auch wenn man gar nicht wirklich weiß, was da gerade abgeht. Dabei liefert die Serie Spielsequenzen, erklärt uns hier und da auch eine Fachbegriffe des Schachspielens, aber der Fokus liegt für uns als Zuschauer weniger auf dem Spiel, sondern eben viel mehr auf Beth Harmon.

Anya Taylor-Joy wird für uns zum Dreh- und Angelpunkt. Und deswegen ist das Schachspiel an sich auch egal (zumindest vom reinen Verständnis her). An ihrer Beth Harmon erleben wir eine fantastisch geschriebene und von Taylor-Joy so wunderbar gespielte Coming-of-Age-Story. Beth ist eine Einsiedlerin, die im Schach ihren Weg aus ihrer Trauer findet, die sich darin aber auch verliert. Scott Frank (oder bzw. Walter Tevis) findet einen Weg, das Leben dieser jungen Frau am Schach aufzuziehen, aber nebenbei noch zig andere Facetten ihres Lebens zu beleuchten. Dabei wird die Serie aber nie zu „preachy“, sondern bleibt erfrischend modern. Beth ist nicht auf den Mund gefallen und gibt in diesem Männer dominierten Sport ordentlich Paroli – sowohl verbal als auch spielerisch. Und durch ihr Können verdient sie sich auch den Neid, aber eben auch die Anerkennung ihrer Mitspieler.

Besonders toll fand ich die Szene, in der sie ein erstes Interview gibt und als sie es später liest, beschwert sie sich, dass man sich darin fast nur daran aufgeilt, dass sie eine Frau ist und nichts über Schach schreibt. Ein schöner, kleiner Seitenhieb auf viele aktuelle Diskussionen, die manchmal doch in die verkehrte Richtung führen.

„The Queen’s Gambit“ funktioniert auf so vielen Ebenen so unglaublich gut. Darstellerisch absolut toll, vom Design ein tolles „period piece“ (und irgendwie fand ich es allein toll, dass die meisten von Beth‘ Kostümen so ein Karo-Schachmuster hatten). Von der Spannung her habe ich mich gefühlt, als würde ich die „Rocky“-Filme gucken. Die Serie ist herrlich süffisanz und manchmal auch wunderbar ironisch, hat dann aber auch wieder so unglaublich emotionale Momente, bei denen man herzhaft lachen oder einfach nur weinen kann.

Für mich definitiv DAS Serienhighlight des Jahres! Und etwas, was in mir wieder ein wenig die Freude zum Schach erweckt hat.

Wertung: 10 von 10 Punkten (gut geschriebener Mix aus Coming-Of-Age und Sport-Drama mit einer perfekten Anya Taylor-Joy in der Hauptrolle)

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