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Von Mäusen und Hexen

16. November 2020

Der Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (der immer noch schändlicherweise auf meiner To-See-Liste steht) gilt ja gemeinhin als einer der besten Horror-Filme (auch wenn ich das nach wie vor noch nicht beurteilen kann). Auf jeden Fall sorgte Regisseur Nicolas Roeg mit diesem Film für Aufsehen… da verwundert es einen schon fast, dass sich so jemand ausgerechnet eine Kinderbuchverfilmung vornimmt. Gleichzeitig schürt das natürlich auch große Erwartungen: Wird das am Ende überhaupt noch ein Kinderfilm sein oder selbst für Erwachsene zu verstörend? Zumindest kenne ich einige Leute, die durch sein „Hexen hexen“ von 1990 als Kinder sehr in Schockstarre versetzt wurden. Nachdem ich das nicht ganz so tolle Remake von Robert Zemeckis vor kurzem gesehen hatte, wollte ich das Original nicht ausfallen lassen.

Luke (Jasen Fisher) ist gerade mit seinen Eltern in Norwegen, um Oma Helga (Mai Zetterling) zu besuchen. Als Lukes Eltern bei einem Autounfall sterben, zieht Oma Helga mit dem Jungen allein nach England zurück. Hier wird Oma Helga dann aber krank und der Arzt empfiehlt einen Urlaub am Meer. Daraufhin fahren Oma und Enkel in ein beschauliches Hotel… in dem aber ein Kongress von Hexen tagt, die alle Kinder der Welt in Mäuse verwandeln wollen. Natürlich kennt sich Oma Helga gut mit Hexen aus, doch trotzdem wird das Ganze zu keiner leichten Aufgabe.

Von der Geschichte bleiben sich dieses Original und das Remake recht getreu. Aber dennoch fängt Roeg schon sehr früh an, mit sehr verstörend unheimlichen Bildern zu spielen. Während bei Zemeckis die beste Freundin der Oma von einer Hexe in ein Huhn verwandelt wurde, erzählt Roeg eine viel spannendere Geschichte. Auch im Original wird die beste Freundin der Oma verhext, landet aber in einem Gemälde ihres Vaters, in dem sie dann auch noch altert und schließlich stirbt. Das war ziemlich kraftvoll und hatte eine größere Wirkung auf mich, als das kleine Mädchen, das im Remake zu einem CGI-Huhn wird. Roeg will in seinem Film nicht zu sehr auf kinderfreundlich machen… und mit Sicherheit muss man bei seinem „Hexen hexen“ eher aufpassen, ob man den wirklich seinen Kindern zeigen sollte.

Auch sonst geht er hier nicht zimperlich mit uns Zuschauern um. Oberhexe Eva Ernst (Anjelica Huston) schubst auch mal in bester „Panzerkreuzer Potemkin“ einen Kinderwagen weg und nimmt den Tod eines Babys in Kauf. Hier werden auch Mäuse, die möglicherweise Kinder sind, einfach mal zertreten und platt gemacht. Das war für Zemeckis dann doch zu viel, aber für Roeg genau richtig. Womit wir dann zu Anjelica Huston kommen…

… zu ihrem Hexen-Make-Up muss ich wohl nicht mehr viel sagen. Das ist einfach nur herrlich gruselig und schön schaurig. Mit viel Liebe fürs Detail hier gearbeitet wurde, ist einfach unglaublich. Die Maske ist der Wahnsinn… und genau diese Art von Schaueffekt fehlte dem Remake. Huston, die auch sonst eine tolle Figur als fiese Hexe abgibt, wird hier nochmal auf eine ganz andere Ebene erhoben. Vor dieser Hexe muss man wirklich Angst haben. Schauspielerisch wirkt Huston auch viel gemeiner als eine Hathaway, die halt sehr gekünstelt (aber dennoch gut) aufspielt. Im direkten Vergleich Huston vs. Hathaway gewinnt die alte Hexen-Lady – nicht nur wegen ihrer tollen Maske.

Auch die Tatsache, dass bei Roeg das CGI fehlt, hat mir gut gefallen. Hier wird mit echten Mäuschen und Puppen aus dem Hause Jim Henson gearbeitet. Das sieht zwar manchmal etwas witzig aus, wenn da eben noch eine richtige Maus lang läuft und wenig später eine kleine, halbverdeckte Puppe spricht. Aber es funktioniert… und macht das Ganze alles greifbarer.

„Hexen hexen“ ist ein fantastischer Film, der diese Geschichte rund um fiese Hexen und kleine, tapfere Mäusekinder mit viel mehr Herz erzählt, als es der neue Film kann. Was aber auch daran liegt, dass Zemeckis in seiner Erzählung auf Nummer Sicher geht und einem nicht zu viel zumutet. Diese Rückhaltung hat ein Roeg nicht und geht – für einen Kinderfilm – schon in die Vollen. Dennoch gewinnt er dadurch langfristig… sein Film ist viel schöner, viel fantastischer und eben auch viel gruseliger.

Wertung: 8 von 10 Punkten (kann sich auch nach 30 Jahren sehen lassen)

5 Kommentare leave one →
  1. 16. November 2020 09:14

    Ein Film voller Kindheitstraumata. Dem fand ich sooooo unheimlich und eklig. Brrrrr.

    • donpozuelo permalink*
      16. November 2020 09:31

      Deswegen bin ich froh, ihn erst jetzt gesehen zu haben. Diesen Film, so gut er auch ist, sollte man Kindern nicht unbedingt zeigen. Vielleicht wenn sie älter sind… das geht ja da doch ganz schön fies zur Sache.

  2. 4. Dezember 2020 20:48

    Ach was habe ich den Film geliebt. Einerseits gegruselt, aber geliebt. Wir hatten das ja schon mal an anderer Stelle, aber ich bin echt froh, dass er von dir das Prädikat „Kann man auch nach 30 Jahren noch sehen“ bekommen hat.
    Die Stelle mit dem Mädchen im Gemälde ist meine absolute Lieblingsstelle …

    • donpozuelo permalink*
      5. Dezember 2020 20:02

      Absolut. Der Film hat nichts von seinem Zauber verloren… und das Mädchen im Gemälde ist eine absolut faszinierende Idee

Trackbacks

  1. Von CGI Mäusen und Hexen | Going To The Movies

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