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Random Sunday #42: Station Eleven

8. November 2020

Ich habe mich mal wieder an einen Roman gewagt, um den ich schon seit Ewigkeiten schleiche. Es ist immer schon fast skurril, wenn ich im Buchladen dann dieses Buch nehme, mir den Text auf dem Buchrücken durchlese und ich dann feststelle: „Oh ja, das hast du schon zig Mal gelesen.“ Meist war da dann aber doch irgendwie was, was mich dann doch vom Kauf und damit vom Lesen abhielt. Zuletzt hatte ich das mit „The Goldfinch“ von Donna Tartt – und da hatte sich mein Gefühl auch bestätigt. Den Roman fand ich ziemlich langweilig und habe ich mich echt sehr gequält, um ihn dann doch zu Ende zu lesen. Mit „Station Eleven“ von Emily St. John Mandel habe ich diesen gleichen, langen Tanz durchgeführt. Als ich mich dann doch dafür entschied, wurde ich aber – im Gegensatz zu Donna Tartt – nicht enttäuscht. „Station Eleven“ ist ein Traum von einem Buch, dessen unglaubliche Erzählvielfalt ich nie hätte vorhersehen können.

Der alte Schauspieler Arthur Leander stirbt eines Abends in Toronto während einer Vorstellung von Shakespeares „King Lear“.  Am gleichen Abend breitet sich ein tödliches Virus in den USA aus… 20 Jahre später lernen wir eine der Überlebenden dieser Apokalypse kennen. Kirsten war damals eine der Kinderschauspielerinnen bei Arthurs Aufführung. Jetzt spielt sie selbst Shakespeare in der „Travelling Symphony“, eine Gruppe von Musiker und Schauspielern, die durch die Einöde der einstigen USA reisen und in den kleinen Siedlungen aufspielen.

Das ist so der Buchrücken zu „Station Eleven“. Klingt interessant, unterschlägt aber, wie unglaublich vielschichtig dieser Roman am Ende ist. Denn es geht nicht nur um Kirstens Geschichte. Die ist relativ Standard: Ihre Gruppe kommt in einen Ort und gerät dort an einen merkwürdigen Prediger, der sie schon bald verfolgt. Das ist halt wirklich Standard-Postapokalypse. Immer noch gut geschrieben, ganz ohne Frage. Aber eben Standard.

Doch wenn das Ganze nur Standard wäre, würde ich gar nicht erst darüber schreiben. Was Mandels Roman auszeichnet, ist die Tatsache, dass sie diesen Standard auf tolle Art und Weise so gut verpackt, dass ich das Ding in einem Zug weggeatmet habe. Denn eigentlich ist „Station Eleven“ nicht nur Kirstens Geschichte, sondern trotz seines frühen Todes auch die Geschichte von Arthur. In Rückblenden erfahren wir über sein persönliches Leben. Der Comic „Station Eleven“, den seine erste Frau geschrieben und gezeichnet hat, begleitet uns durch dieses Buch und ist allein schon so faszinierend, dass ich mir wünschen würde, Mandel würde diese Idee tatsächlich einfach als Comic umsetzen.

Es ist faszinierend, wie geschickt Mandel Arthurs Geschichte mit der von Kirsten verbindet. Wie sich Prä-Apokalypse und Post-Apokalypse beeinflussen und wie viel davon durch scheinbar banale Kleinigkeiten gefördert wird, ist wirklich beeindruckend. Mandel hält alle Stricke fest in der Hand und erzählt uns eine wunderbar faszinierende und vor allem sehr menschliche Geschichte, die Jahre überspannt.

Dabei sträubt sich dieser Roman gekonnt, gegen jede eindeutige Kategorisierung. Ich habe das Buch zum Beispiel in der Science-Fiction-Abteilung gefunden… und Mandel hat für „Station Eleven“ auch den renommierten „Arthur C Clarke Award“ gewonnen, der eben Science-Fiction-Geschichten auszeichnet. Aber „Station Eleven“ ist nicht wirklich Science-Fiction. Es geht endzeittechnisch mehr in die Richtung von „The Road“, menschlich ist es ein Mix aus Biographie und Drama. Dann gibt es noch Züge von „World War Z“ (dem Roman, nicht dem Film… denn im Roman werden Überlebende in Interviews zu ihren Erfahrungen befragt). Nicht zu vergessen ist dann auch noch die Comic-Erzählung vom Comic „Station Eleven“.

Dieser Roman ist wirklich ein kleines Meisterwerk, das so vielschichtig daherkommt, wie man es sich nur wünschen kann. Mandel hat so eine wunderbare Schreibweise, das man auch einfach nicht aufhören kann. Ich habe jetzt gelesen, dass das Ganze auch zur Mini-Serie gemacht wurde, aber davon halte ich erstmal Abstand. Von Emily St. John Mandels „Station Eleven“ sollte man aber definitiv keinen Abstand nehmen. Das ist zu gut…

2 Kommentare leave one →
  1. 8. November 2020 22:57

    Eines meiner Lieblingsbücher 🙂

    • donpozuelo permalink*
      9. November 2020 09:32

      Bei mir jetzt definitiv auch. Hast du von Mandel noch was anderes gelesen, was du empfehlen kannst?

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