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Filmreise Etappe #55: Der Mann in Schwarz

6. November 2020

2005 kam ich das erste Mal in Berührung mit Johnny Cash. Wer der Mann vorher gewesen war, war mir nicht bewusst. Ich glaube, ich kannte gerade mal „Ring of Fire“ und selbst bei dem Song konnte ich nicht sagen, zu wem der gehört. Warum ich damals zu „Walk the Line“ ins Kino gegangen bin, kann ich auch nicht mal mehr wirklich sagen. Ich weiß nur, dass ich danach schwer begeistert von Mr. Cash gewesen bin. Erst hörte ich den Soundtrack zum Film rauf und runter, bevor ich mich dann an ein paar der Alben wagte. Tatsächlich habe ich dann auch viel „Johnny Cash at Folsom Prison“ gehört – ein Album, dessen Geschichte ja so ein wenig die Rahmenhandlung für James Mangolds Film liefert.

„Walk the Line“ erzählt vom jungen Johnny Cash, der früh seinen Bruder verliert und für dessen Tod ihn der Vater (Robert Patrick) immer wieder verantwortlich macht. „Walk the Line“ erzählt dann die Geschichte des aufstrebenden Johnny Cash (Joaquin Phoenix), der während seiner Militärzeit erste Songs schreibt, der später dann Schneewittchen (Ginnifer Goodwin) heiratet und sein erstes Album produziert. Später geht Cash dann mit Musik-Größen wie Jerry Lee Lewis, Elvis Presley, Roy Orbison und Carl Perkins auf Tour. Fast immer mit dabei ist auch die junge Sängerin June Carter (Reese Witherspoon), in die sich Johnny mehr und mehr verliebt. Doch sein stetig anwachsender Pillenkonsum macht Cash auch zu einem Problem.

Gefühlt jedes Biopic hat immer dieses magische Schlüsselerlebnis der dargestellten Person, in der irgendjemand oder irgendetwas den entscheidenden Auslöser spielt und die Karriere ins Rollen bringt. Auch „Walk the Line“ hat diesen Moment und ich finde ihn großartig. Cash und seine Jungs singen recht lieblos irgendwelche Gospel vor ihrem Produzenten, der ihnen schnell sagt, dass das Mist ist. Cash solle doch etwas spielen, was er wirklich kurz vor seinem Tod spielen wollen würde, damit sich die Leute an ihn erinnern. Mit starrem, wütenden Blick fängt der verunsicherte Johnny dann an, „Folsom Prison Blues“ zu singen…

Ich liebe diese Szene… es ist diese Szene allein, die zeigt, a) wie gut „Walk the Line“ ist, b) wie gut Joaquin Phoenix in dieser Rolle ist und c) wie gut James Mangold einfach. Die Kamera bleibt fast die ganze Zeit auf Phoenix, der wiederum wirft seinen „Wenn Blicke töten könnten“-Blick auf den Produzenten, singt erst zögerlich, dann immer überzeugter seinen Song. Das ist so ein perfekter Gänsehaut-Moment, der uns schon mal zeigt, was wir hier für einen Mann haben… einen, der verbissen alles tut, um seinen Traum zu erfüllen. Dass er das zum größten Teil auch Produzent Sam Phillips (Dallas Roberts) zu verdanken hat, unterschlägt der Film fast – nur eben nicht in dieser einen Szene.

Ansonsten ist auch „Walk the Line“ wie so ziemlich jeder andere Film, der auf der Biographie einer Person basiert. Große Überraschungen gibt es nicht. Wie scheinbar jeder große Musiker, der einem Biopic würdig ist, kämpfte auch ein Johnny Cash mit Zweifeln, mit Drogen, mit Alkohol und damit, seine Frau zu betrügen. Wie jedes andere Biopic auch, muss „Walk the Line“ ziemlich viel Stoff innerhalb kürzester Zeit unterbringen… doch tatsächlich sind die einzelnen Stücke irgendwo wichtig, um das große Ganze zu erzählen. Der Tod des Bruders erklärt das schlechte Verhältnis zum Vater, die Militärzeit die Anfänge des Singer-Songwriters Cash und das Tourleben den Beginn der großen Beziehung zu June Carter.

Zum Glück verrennt sich Mangold aber nie in zu vielen Geschichten. Hat er erstmal die Grundlage geschaffen, schickt er uns mit Cash auf Tour und lässt vor allem die Musik für sich sprechen. Wie es sich für so einen Film gehört, will man eben auch die Musik hören. Und hier muss man dann auch mal sagen, dass Phoenix und Witherspoon wirklich verdammt gute Singstimmen haben, die den Songs eine ganz eigene Note verschaffen.

Sowohl Johnny Cash als auch seine Frau June Carter hatten jeweils Joaquin Phoenix als auch Reese Witherspoon abgesegnet und waren von den beiden begeistert. Leider starben die beiden noch vor den Dreharbeiten. Ich denke mal, dass sie sehr zufrieden gewesen wären, hätten sie den fertigen Film noch gesehen. Die Zwei liefern wirklich tolle Performances ab… und auch das macht „Walk the Line“ so sehenswert. Es sind eben diese Beiden, die auch so eine gute Chemie haben und die wirklich gut zeigen, wie sehr ein Johnny Cash am Ende diese June Carter brauchte. Gleichzeitig sind beide Darsteller immer nur so gut wie ihr Gegenüber und so ergänzen sich Phoenix und Witherspoon wunderbar. In diesem Sinne ist „Walk the Line“ eben nicht nur die Geschichte von Johnny Cash.

„Walk the Line“ ist vor allem wegen seiner Darsteller einfach nur großartig. James Mangold manövriert uns gekonnt durch das Leben des Johnny Cash, so dass man mit dem Mann wirklich mitleidet.

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein toller Joaquin Phoenix, eine großartige Resse Witherspoon und tolle Musik – besser kann man zwei Stunden nicht verbringen)

6 Kommentare leave one →
  1. 6. November 2020 07:48

    Eigentlich hätte Phoenix schon hierfür einen Oscar bekommen müssen.

    • donpozuelo permalink*
      6. November 2020 10:09

      Absolut. Sehe ich auch so. Auch eine Reese Witherspoon war nur so gut durch ihn. Die haben sich beide so toll aufgebaut. Ihr gönne ich den Oscar absolut, aber ja… es ist eine Schande, dass er ihn nicht auch bekommen hat.

      • 6. November 2020 22:29

        Andererseits hat in dem Jahr PS Hoffman den Oscar bekommen und gehen dessen Schauspiel kann man auch nie was sagen, auch wenn ich Capote nie gesehen habe.

        • donpozuelo permalink*
          7. November 2020 21:49

          Stimmt. Capote war auch ziemlich gut…

        • 8. November 2020 12:23

          Und Hoffman war sowieso immer überragend

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