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Der Mann aus seinen Träumen

4. November 2020

Nachdem der Corona-Lockdown für den November angekündigt wurde, galt es, schnell noch einmal ins Kino zu rennen. Doch irgendwie hatte ich schon alles halbwegs Interessante gesehen. Es blieb mir nur noch eine Wahl, die ich – trotz meiner Läuterung, was den deutschen Film angeht – etwas skeptisch beäugte. Moritz Bleibtreu hatte vor kurzem seinen ersten eigenen Film, für den er das Drehbuch geschrieben und die Regie geführt hat, in die Kinos gebracht. Überall las man daraufhin, wie komplex sein „Cortex“ doch wäre. Dass das Ganze schon Nolan’sche Allüren hätte. Oha… gleich mit seinem Erstling in eine Schublade mit Nolan geschoben zu werden, kann was Gutes sein. Muss es aber nicht… „Cortex“ hängt für mich irgendwo dazwischen.

Hagen (Bleibtreu) leidet an Schlafstörungen… er driftet immer wieder in den Schlaf und kann schon bald nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden. Zumal er in seinen Träumen ständig einen Mann sieht: den Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner), der wiederum eine Affäre mit Hagens Frau Karoline (Nadja Uhl) hat. Hagens Träume von Niko werden immer realistischer und schon bald sind die Leben beider Männer eng miteinander verknüpft.

Wenn ein Traumforscher im Film selbst anfängt, den berühmten Kreisel aus Nolans „Inception“ zu erwähnen und auch fast den gleichen Einleitungstext darüber gibt, dass man in einem Traum nie weiß, wann er angefangen hat oder wie man dorthin gekommen ist, wo man gerade ist, kann man Bleibtreu im Kino nur wohlwollend zunicken. Immerhin leugnet er nicht, was ihn (in Teilen sicherlich) zu diesem Film inspiriert hat. Und so wie das mit den Träumen ist, so ist das auch mit „Cortex“. Wir werden als Zuschauer mitten in die Handlung geschmissen. Wir erfahren immer nur Fetzen von dem, was gerade passiert und am Ende „wachen“ wir auf und können trotzdem nicht sagen, was wir gerade gesehen haben – also gut, das vielleicht schon, aber es fällt schwer, eine Auflösung zu nennen.

Im Gegensatz zu Nolan und dessen „Inception“ bleibt Bleibtreu dem Träumen treu (wow, was für ein Satz!!! 😀 ). Nur sehr sporadisch gibt uns der Regie-Neuling wirkliche Klarheit… und selbst die muss man dann am Ende doch immer wieder hinterfragen. „Cortex“ ist komplex, verwirrend und bewusst so erzählt, dass man nur schwer fassen kann, was davon nun wirklich geträumt wurde und was wirklich passiert ist. Und irgendwann fragt man sich dann noch, wer denn nun von wem träumt. Hagen von Niko oder Niko von Hagen. Wer ist hier am Ende wirklich wer?

Diese Verwirrung kostet Bleibtreu ziemlich gut aus… leider, wie ich finde, auch ein bisschen auf Kosten der Unterhaltung. Teilweise hatte mich der Film auch einfach komplett verloren. Teilweise war mir das schwülstige Gerede übers Träumen auch einfach zu viel. Da habe ich mir dann schon ein bisschen DiCaprios Cobb gewünscht, der das etwas klarer formulieren konnte.

Was „Cortex“ an Klarheit manchmal dann doch vermissen lässt, macht der Film an starken Bildern wieder wett. Bleibtreu findet sehr düstere, film noir artige Bilder. Ständig regnet es, ständig ist es dunkel… dieser Traum ist ganz klar kein guter.

Als deutsches Genre-Kino ist „Cortex“ auf jeden Fall ein interessanter Film, der sich trotz seiner angenehmen Länge von 90 Minuten teils sehr, sehr lang anfühlt. Manchmal verliert sich Bleibtreu einfach in seiner sehr komplexen Geschichte – kann sich dann aber gekonnt dahinter verstecken, dass Träume halt eben so sind.

Wertung: 6 von 10 Punkten (kein schlechtes Debüt, das aber zu verkopft ist, um wirklich im Kopf zu bleiben)

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