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Filmreise Etappe #54: Lachend in den Tod

30. Oktober 2020

Peter Jackson ist eigentlich bekannt für seine opulenten „Der Herr der Ringe“-Filme, für die eher etwas unnötig in eine Trilogie gequetschten „Der Hobbit“-Filme. Davor kannte man ihn vor allem wegen seiner fiesen Zombie-Komödie „Braindead“ (die ich demnächst wirklich unbedingt mal gucken will), für „King Kong“ und was nicht noch alles… also eher als Regisseur, der halt wirklich einfach nur unterhält. Doch sein letztes großes Projekt (und nein, ich rede nicht von dem katastrophalen „Mortal Engines“, da war er nur Produzent) ist etwas ganz, ganz anderes… da wagte sich Jackson nämlich ins Feld der Dokumentationen und lieferte mit „They Shall Not Grow Old“ eine beeindruckende, fesselnde und erschreckende Reportage über den Ersten Weltkrieg.

Für seine erste Dokumentation überhaupt wählt Jackson die Geschichte britischer Soldaten, die im Ersten Weltkrieg kämpften. Jackson widmet diesen Film seinem Großvater, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. „They Shall Not Grow Old“ beginnt damit, wie junge Engländer (viele von ihnen noch nicht einmal alt genug, um sich registrieren zu lassen) begeistert in den Kampf ziehen, wie sie ausgebildet werden, wie sie in den Schützengräben leben und sterben, wie sie ihren Alltag bewältigen.

Das Besondere an Jacksons Erzählweise für diese Dokumentation ist, dass er keine akkurate Geschichtserzählung abliefert. Stattdessen kommen aus dem Off mehrere Veteranen des Kriegs zu Worte und erzählen von ihrem Leben. Dadurch entwickelt der Film eine erstaunliche Emotionalität… und zeigt gleichzeitig auf, wie sehr der Krieg diese Männer kaputt gemacht hat. Anfangs sind sie noch so euphorisch und können es gar nicht abwarten, in den Krieg zu ziehen (etwas, was man ja immer wieder über die Soldaten im Ersten Weltkrieg hört – und zwar auf alle Seiten). Doch mit der Zeit werden diese euphorischen Stimmen leiser…

Die ersten Bilder in „They Shall Not Grow Old“ sind noch in 4:3 und schwarz-weiß… wenn die Soldaten aber ihre Grundausbildung abgeschlossen haben und aufs Festland kommen, vollführt Jackson den gleichen Trick wie einst „Der Zauberer von Oz“: Die jungen Soldaten kommen aus dem Schwarz-Weiß in eine brillant aufgearbeitete Welt der Farbe… und das ist wirklich beeindruckend und erschreckend zugleich. Jackson und sein Team colorieren die alten Film-Bilder in Perfektion und so hat man das Gefühl, man würde gerade aktuelles Bildmaterial sehen.

Allein das erzeugt ein mulmiges Gefühl. Am schlimmsten und am unheimlichsten fand ich jedoch immer wieder die Blicke der Soldaten direkt in die Kamera. Anfangs wird da noch gegrinst, gelacht… später zwingt einen die Kamera gerade dazu, diesen desillusionierten Männern, die durch die Hölle gegangen sind, in die Augen zu schauen. Das war für mich echt am schwersten… die Soldaten starren einen als Zuschauer fast schon vorwurfsvoll an. Da braucht es dann nicht viele Worte, um deutlich zu machen, wie kaputt dieses Chaos diese Männer gemacht hat.

Dieser Mix aus den perfekt und in HD aufgearbeiteten Bildern und dem zunehmenden Stimmengewitter aus dem Hintergrund schafft ein Seherlebnis, dass ich so bei einer Dokumentation auch noch nie hatte. Wenn die Veteranen von einer Schlacht erzählen, wird der Wechsel von Stimmen schneller und schneller – fast schon, als würden sie durcheinander schreien, berichten die Männer von herumfliegenden Kugeln, von den Toten, den Sterbenden, dem Dreck und der Angst.

Allein nur die Audiospur dieser Dokumentation ist schon ein erschreckend authentisches historisches Zeitzeugnis. Wenn dann noch die Bilder dazu kommen, sitzt man auf seinem Sofa und wird immer kleiner und kleiner. Dieser Film fängt durch die Erinnerungen der Soldaten und die Bilder das Grauen, den Dreck, den Gestank – all das – einfach erschreckend gut ein. Wenn man diese Bilder sieht, kommt einem Sam Mendes‘ „1917“ fast schon zu schön vor.

Wertung: 8 von 10 Punkten (packende und vor allem aufwendige Doku, die wirklich unter die Haut geht)

2 Kommentare leave one →
  1. 11. November 2020 14:19

    Der Vergleich zu 1917 ist eigentlich ganz gut. Da habe ich diese emotionale Tiefe irgendwie komplett vermisst. Auch wenn die Bilder dort ebenfalls sehr authentisch nachgebildet wurden, blieben die Figuren doch auf der Strecke.
    Hier wiederum haben wir tatsächlich eine Aneinanderreihung von Bildern namenloser Männer, die einen aber emotional sehr viel mehr mitnehmen. Wirklich gelungen!

    • donpozuelo permalink*
      12. November 2020 16:28

      Ja, es ist erschreckend, wie gut es Jackson schafft, Emotionen mit diesen alten Bildern zu erzeugen. Das kommt auch sehr durch die Augenzeugenberichte aus dem Off…

      1917 war halt einfach nur visuell beeindruckend.

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