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Zombie-Nachwuchs

19. Oktober 2020

Es gibt hin und wieder mal diese Filme, die auf angeblich wahren Begebenheiten basieren, die einfach zu unglaublich sind. So basieren Teile des Films „Zombi Child“ auf der Geschichte von Clairvius Narcisse. Das ist ein Mann aus Haiti, der behauptet hat, er sei in den 60er Jahren durch haitianisches Vodou zu einem Zombie gemacht worden. Als Zombie musste er dann als Sklavenarbeiter schuften. 16 Jahre lang hat er angeblich sein Leben als Zombie verbracht. Dabei wurde ihm immer wieder eine Dosis von Kugelfisch-Gift gegeben. Diese Geschichte nimmt sich nun der Filmemacher Betrand Bonello an und verknüpft das Ganze mit dem Schicksal zweier junger Mädchen an einem Pariser Internat.

Mélissa (Wislanda Louimat) verliert ihre Eltern während des Erdbebens in Haiti von 2010. Daraufhin zieht sie zu ihrer Tante nach Paris und besucht dort das von Napoleon Bonaparte gegründete Mädcheninternat Maison d’éducation de la légion d’honneur. Dort lernt sie die junge Fanny (Louise Labeque) kennen, die Mélissa in ihrer kleinen Clique von Freundinnen einführt. Je mehr Fanny über Mélissa erfährt, desto faszinierter ist sie von ihr… und vor allem von ihrer Tante, die eine Vodou-Priesterin ist.

„Zombi Child“ ist, das muss man einfach bei dem Titel wirklich direkt zu Anfang sagen, kein Horror-Film. Selbst der Zombie-Aspekt ist auf ein absolutes Minimum reduziert. Neben der Geschichte von Fanny und Mélissa gibt es stummfilmartige Rückblenden ins Jahr 1962, in denen wir sehen, wie ein Mann zum Zombie gemacht und zum Arbeiten gezwungen wird. Erst im Verlauf des Films erfahren wir dann, dass das Clairvius Narcisse sein soll. Und da liegt vielleicht das größte Problem an „Zombi Child“… diese Rückblenden hätte sich der Film eigentlich auch sparen können. Als Zuschauer kann man sie erst sehr viel später in einen Kontext packen und bis dahin wirkt diese merkwürdige Wanderung des Zombies deplatziert.

Stattdessen ist „Zombi Child“ nämlich viel mehr ein Teenager-Drama, in dem es vor allem um Fanny geht. Sie ist die Außenseiterin in ihrer kleinen Gruppe, eher in sich gekehrt und schwer verliebt. Fanny verfasst romantische Briefe an ihre große Liebe und alles dreht sich bei ihr darum. Erst wenn diese Liebe einen schweren Schlag erleidet, interessiert sich Fanny für ihre neue Mitschülerin. Bertrand Bonello lässt „Zombi Child“ zu einem kleinen, intimen Coming-of-Drama werden, Das funktioniert vor allem dank der tollen Darstellerinnen, die allesamt ihre Rollen wirklich fantastisch ausbauen. Fannys Geschichte ist dabei die, die später durch Mélissas beeinflusst wird… und dadurch kommt dann im Finale auch ein bisschen „Horror“ mit Vodou ins Spiel. Aber all das ist eher dezent – deswegen darf man wirklich keinen Horror-Film erwarten.

Neben den nicht unbedingt helfenden Rückblenden hat Bonello zu Beginn des Films auch echt das Problem, dass er den recht kurzen Film zu sehr in die Länge zieht. Da müssen wir uns dann den Frontalunterricht antun, während die Kamera in scheinbar Zeitlupe über die Gesichter der gelangweilten Mädchen fährt. Hier wäre auch weniger mehr gewesen, aber so versucht Bonello dann auch noch ein bisschen Kolonialismus-Kritik mit ins Spiel zu bringen, ein bisschen Philosophie – damit man dann auch wirklich was bei diesem Film lernt

„Zombi Child“ hat mir von der Grundidee und seiner Geschichte wirklich gut gefallen. Leider ist Bonellos Erzählweise gerade am Anfang etwas kontraproduktiv, da man noch gar nichts einordnen kann. Wenn der Film sich aber ab der Hälfte etwas fängt, ist „Zombi Child“ eine packende Geschichte über Teenager, Liebe und Vodou.

Wertung: 6 von 10 Punkten (langsam erzähltes Teenie-Drama mit Vodou-Einflüssen, die etwas zu kurz kommen)

2 Kommentare leave one →
  1. 19. Oktober 2020 20:07

    Ich würde den gerne sehen, aber nun ja bei mir in der Nähe läuft der nicht.

    • donpozuelo permalink*
      20. Oktober 2020 09:43

      Sowas ist immer Mist. Ich kann mir aber denken, dass der recht bald fürs Heimkino verfügbar sein wird.

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