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Random Sunday #40: Jewgeni Onegin

18. Oktober 2020

Darf ich auf mich selbst stolz sein? Da mir das vorher niemand beantworten kann, bevor ich diese Frage nicht veröffentlicht habe, beantworte ich mir das mal selbst: Ja, ausnahmsweise darf ich mal auf mich selbst stolz sein? Warum??? Nun ja, in all der Zeit des Bloggens habe ich eine Challenge nie geschafft – und zwar die Bücher-Challenge. Jedes Jahr stellen wir unsere Bücherlisten für das neue Jahr auf und jedes Mal bin ich immer fleißig mit dabei… und am Ende habe ich vielleicht ein Drittel von dieser Liste gelesen. 2020 sollte da aber anders sein… und jetzt kann ich stolz verkünden: Es ist anders geworden! Es ist geschafft. Ich habe vor kurzem tatsächlich all meine Titel von der „20 Bücher für 2020“-Liste abgearbeitet. Ohne mich selbst zu loben (was ich an dieser Stelle dennoch mache), bin ich sehr glücklich darüber… sonst kommt immer irgendwas (meist zig andere Bücher) dazwischen. Dieses Jahr nicht!!! Haha… ich habe es geschafft. Den krönenden Abschluss dieser kleinen Aufgabe machte dann ein gewisser Alexander Puschkin und sein „Jewgeni Onegin“.

Jewgeni ist ein junger Adliger, der das Leben eines Dandys führt. Doch so richtig kann er die ganzen Bälle und Feiern nicht mehr genießen. Also zieht es ihn aufs Land, wo er den Poeten Wladimir Lensky kennenlernt. Der wiederum führt ihn bei der Familie Larin ein, aus der Lenskys Verlobte Olga Larina stammt. Deren Schwester Tatjana verliebt sich unsterblich in den jungen Jewgeni… doch der lässt sie übel (aber in seinen Augen nett) abblitzen…

… doch damit ist die Geschichte natürlich noch lange nicht vorbei, es würde aber an dieser Stelle einfach zu weit führen. Es geht noch sehr viel weiter, es gibt Verrat, Lügen, Leid und Verzweiflung. Alles, was man nur gebrauchen kann, für eine aufregende Geschichte.

Puschkins „Jewgeni Onegin“ ist genau das: eine aufregende und vor allem faszinierende Geschichte – und der erste Versroman, den ich in meinem Leben gelesen habe. Ich war, das muss ich gestehen, anfangs zögerlich – so wie ich es bei jedem alten russischen Klassiker bin. Meist sind die ja nicht immer einfach zu lesen, gerade ein Tolstoi oder Dostojewski füllt ja gerne mal tausende von Seiten, in denen das russische Leben bis auf das kleinste Molekül heruntergebrochen wird. Puschkin macht das auch – aber wesentlich erfrischender, wesentlich kürzer, wesentlich kompakter.

Durch Jewgeni lernen wir die Petersburger Oberschicht und ihre Dekadenz um 1820 sehr gut kennen. Durch Jewgenis Flucht aufs Land bekommen wir auch ein sehr gutes Bild davon, wie es da so abläuft. Und ganz nebenbei erzählt Puschkin eben auch noch eine tragische Geschichte von Liebe und Eitelkeit und allen anderen „Menschlichkeiten“, die einem manchmal so im Weg stehen können.

Faszinierend wird das Ganze dann aber tatsächlich doch durch die Tatsache, dass das Ganze ein Versroman ist (und ja, ich hatte kurz überlegt, diesen Artikel in Versen zu schreiben, bin dann aber doch vor dieser Mammutaufgabe in die Knie gegangen). Ich hatte Angst, dass eine deutsche Übersetzung dem Original nicht gerecht werden könnte (gerade wegen der Reime). Aber da ich leider das Original nicht selbst lesen kann, bedarf es eben der Übersetzung. Meine ist von Rolf-Dietrich Keil und ist umwerfend.

Er gibt dem Versroman einen wunderbaren Singsang – so sehr, dass ich manchmal kurz davor war, das Ganze laut zu lesen. Hier nur mal ein Beispiel: „Versierte nutzen kalt die Triebe, / Tatjana liebt im Ernst, und blind/ Ergibt sie ganz sich dieser Liebe/ Und vorbehaltlos wie ein Kind“ (Drittes Kapitel, Vers 25). Keil hält Puschkins Lyrik an erster Stelle, die Reime sitzen dafür dann auch wirklich gut. Der ganze Roman bekommt so eine ungewöhnliche Leichtigkeit, bei der man sich einfach von den Versen treiben lassen kann.

Es fällt mir tatsächlich schwer, das in Worte zu fassen (da das auch mein erster Versroman gewesen ist), aber das Erlebnis „Jewgeni Onegin“ zu lesen, war etwas Neues für mich. Jeder, der sich für russische Klassiker interessiert, sollte definitiv die Erfahrung „Jewgeni Onegin“ machen. Die steht für mich mit nichts im Vergleich, was ich sonst mit den alten Russen erlebt habe. Ein toller Roman, eine faszinierende Geschichte, ein tolles Lese-Erlebnis.

2 Kommentare leave one →
  1. 9. November 2020 19:47

    Herzlichen Glückwunsch zur geschafften 20-für-2020-Challenge 😀 Da hast du mir was voraus, ich muss/weil noch drei Bücher.
    Und was für ein Zufall – das Buch habe ich mir gerade auf die To-Read-Liste gesetzt. Puschkin wurde mir schon oft empfohlen, aber ich hab auch immer vor dem Versformat zurückgeschreckt. Vielleicht nehme ich mir den jetzt mal vor – durch deinen Artikel bin ich optimistischer 🙂

    • donpozuelo permalink*
      9. November 2020 20:26

      Ja. Das Versformat hat mich auch erst abgeschreckt, aber es ist wirklich toll übersetzt und dieses Singsang-Lesen war einfach nur eine tolle Erfahrung 😁

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