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Verzweifelte Pferde-Flüsterin

28. September 2020

Ich bin ja jetzt – so könnte man es übertrieben ausdrücken – ein neuer Mensch geworden: Ein Mensch, der dem deutschen Film endlich seine ganzen Schweigers und Schweighöfers verzeihen kann und bereit ist, sich den heimischen Geschichtenerzählern zu öffnen. Ich weiß, ich weiß, klingt alles verdammt arrogant und überheblich, aber deutscher Film und ich waren lange, lange keine Freunde. Durch die Filmreise-Challenge habe ich ein paar alte deutsche Klassiker gesehen, aber das war’s. „Systemsprenger“ ist für mich immer noch so der Punkt, wo sich alles ein wenig geändert hat. „Dark“ auch. Jetzt bin ich offener allem Deutschen gegenüber. So habe ich dann auch letztens „Kokon“ sehr zu schätzen gelernt, und bin nun bereitwillig in „Pelikanblut“ gegangen. Zumal ich sehr häufig Vergleiche mit „Systemsprenger“ im Zusammenhang mit diesem Film gelesen hatte… leider finde ich diesen Vergleich komplett falsch, aber dazu gleich noch mehr.

Wiebke (Nina Hoss) lebt mit ihrer Adoptivtochter Nicolina (Adelia-Constance Giovanni Ocleppo) auf einem Reiterhof. Hier trainiert sie mit der Polizeistaffel Pferde für den Einsatz. Ihr Leben verläuft in ruhigen Bahnen… bis zu dem Tag, als sie die junge Raya (Katerina Lipovska) aus Bulgarien adoptiert. Das kleine Mädchen zeigt schnell ein sehr aggressives Verhalten: sie beißt ihre Schwester, sie schreit ununterbrochen, sie beschmiert sich und das gesamte Bad mit Kot und ist generell einfach nicht fähig, eine Bindung zu irgendeiner Person aufzubauen. Eine neurologische Erkrankung wird diagnostiziert, die damit zusammen hängt, was das Mädchen in ihrer frühesten Kindheit erlebt hat (ich aber nicht verraten will). Schließlich redet es von einem Wesen, das für alles verantwortlich ist… Wiebke muss sich nun entscheiden, was sie machen will.

„Pelikanblut“ ist für mich kein zweites „Systemsprenger“. Beide Filme handeln zwar von einem schwererziehbaren Mädchen, aber während Nora Fingscheidt im Realismus verankert bleibt und uns wirklich mit ihrer jungen Benni mitleiden lässt, geht Katrin Gebbe in „Pelikanblut“ einen anderen Weg. Sie verankert das Ganze sehr schnell im Übernatürlichen… und entzieht der Geschichte so den Realismus. Gerade zu Beginn wird durch unheimliche Geräusche und eine erhöhte Kamera-Position ganz klar deutlich, dass um das Mädchen herum noch eine Präsenz ist, die wir nicht erklären können.

Ab diesem Zeitpunkt wandelte „Pelikanblut“ für mich eher auf den Pfaden von „Der Babadook“. Wiebke und ihre Raya haben mich sehr an die alleinerziehende Amelia und ihren Sohn Samuel erinnert. Dabei muss ich vor allem der jungen Katerina Lipovska ein großes Lob aussprechen. Sie stiehlt hier allen die Show – und ist mit Abstand eines der nervigsten und anstrengendsten Filmkinder überhaupt. Aber dennoch ist sie für mich keine „Benni“ aus „Systemsprenger“. Weil Raya eben offensichtlich irgendwie besessen ist. Halt „Babadook“ oder „Der Exorzist“…

Nur im Gegensatz zu diesen Filmen scheint sich Katrin Gebbe nicht voll und ganz als Horror-Film-Regisseurin abstempeln lassen zu wollen. Deswegen quält sie ihren Zuschauer erstmal durch ein Drama, das sehr häufig zu lang und langsam erzählt wird. Die ganze Allegorie der taffen Pferdeflüsterin, die mit einem schwer erziehbaren Pferd besser klarkommt als mit ihrer Tochter ist ein netter Touch, aber lenkt auch immer wieder zu sehr vom eigentlichen Thema ab. Die sehr erzwungene Beziehung zu dem Polizisten Benedict passt so gar nicht in die Handlung. Und leider fehlte mir bei einer Nina Hoss auch die Verzweiflung, die einst eine Essie Davis in „Der Babadook“ aufzeigte.

Insgesamt hatte ich bei „Pelikanblut“ einfach das Gefühl, dass Katrin Gebbe unbedingt zweigleisig fahren wollte. Den dämonischen Aspekt spricht sie anfangs kurz an, verliert ihn dann aber den Rest des Films über aus den Augen, bevor er dann fürs Finale wieder von Bedeutung wird. Dazwischen möchte „Pelikanblut“ gerne „Systemsprenger“ sein, erreicht aber nie diese Tragweite… und auch nicht den unheimlichen Gruselfaktor eines „Babadook“. So richtig ist der Film nichts Halbes und nichts Ganzes, was schade ist, da die Ansätze durchaus da waren… und mit der kleinen Lipovska durchaus jemand vor Ort, die das gut hinbekommen hätte.

Wertung: 4 von 10 Punkten (sehr zähes Drama, das nicht so wirklich weiß, was es nun sein möchte)

4 Kommentare leave one →
  1. 28. September 2020 12:19

    Bei dem schwanke ich noch, ob ich ihn mir im Kino ansehen möchte.

    • donpozuelo permalink*
      29. September 2020 06:07

      Den kann man sich mal anschauen. Wäre für mich aber auch eher was fürs Heimkino…

  2. 2. November 2020 20:20

    Ich war ja schwer am Schwanken, ob ich mir den im Kino anschaue. Aber nicht mal wegen des Films selber, sondern weil ich so gern mal wieder ins Kino wollte, aber alle Filme auf die ich Bock hatte noch nicht liefern oder >1 Jahr verschoben wurden ( 😦 ) Aber vielleicht ist es dann doch nicht so schlimm, dass ich mir das gespart habe …

    • donpozuelo permalink*
      3. November 2020 17:53

      Ja, ist gerade echt traurig mit Kino und der Kultur im allgemeinen. Aber Pelikanblut reicht auch, wenn der mal irgendwo als Stream angeboten wird.

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