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Das Problem mit dem Schluss-Machen

7. September 2020

Wir müssen mal wieder über das leidige Thema der Buchverfilmungen sprechen. Ich gehöre ja zu den Menschen, die immer zwingend, zwingend, zwingend vor jeder (für mich relevanten) Buchverfilmung das Buch lesen müssen. Nur mittlerweile frage ich mich, ob das so eine gute Idee ist. Vielleicht sollte ich doch versuchen, die Bücher danach zu lesen… obwohl ich dann zu sehr die Charaktere aus dem Film beim Lesen vor Augen habe, was mich dann auch irgendwie immer stört, weil ich das Gefühl habe, ich lese mit einer aufgezwungenen Fantasie, die vielleicht nicht so ganz meiner entspricht. Naja, es ist halt nicht so einfach, wie man diese Buchverfilmungsfrage angehen soll. Irgendwie wird da immer irgendwas stören… so erging es mir jetzt leider auch mit der neuesten Literatur-Verfilmung. Natürlich habe ich Ian Reids „I’m thinking of ending things“ vorher gelesen, war aber auch immer noch heiß darauf, den Film zu sehen – immerhin ein Charlie Kaufman Film. Da kann doch nicht so viel schief gehen, oder? Oder???

Wie auch im Buch fängt die uns namentlich unbekannte Erzählerin (Jessie Buckley) ihre Geschichte mit diesem Satz an: „I’m thinking of ending things. Sie befindet sich gerade auf dem Weg zu den Eltern ihres Freundes Jake (Jesse Plemons). Lange sind die Beiden noch nicht zusammen, aber es gab so eine „Connection“, die sie sehr schnell aneinandergebunden hat. Als die Zwei dann nach einer langen Fahrt im Haus von Jakes Eltern (Toni Collette und David Thewlis) ankommen, kommen der Erzählerin nur noch mehr Zweifel… und ein Gefühl des Unwohlseins breitet sich in ihr aus – ohne dass sie genau sagen könnte, was es ist.

Ian Reids Roman ist ein Thriller mit starken Horror-Ambitionen. Der Anfang ist etwas langsam, da Reid die Autofahrt seiner beiden Figuren sehr in den Fokus setzt. Aber spätestens mit der Ankunft bei Jakes Eltern verwandelt sich der Roman mehr und mehr in einen unangenehmen Mystery-Thriller, bei dem man irgendwann nicht mehr so wirklich weiß, woran man ist.

Charlie Kaufman geht einen anderen Weg. Er behält sich ein paar der Mystery-Elemente ein, geht aber vollkommen weg von dem Horror-Thriller-Aspekt. Was vollkommen legitim ist. Ian Reids Roman ist da sehr ambivalent und bietet jemandem, der den Stoff adaptiert verschiedene Herangehensweisen. Man hätte den Film auch werkgetreu und sehr viel gruseliger machen können. Das ist aber nicht Charlie Kaufmans Art. In seinen Drehbüchern geht es ihm immer mehr darum, die menschliche Psyche zu analysieren: Ob nun „Eternal Sunshine“, „Being John Malkovich“ oder auch „Adaptation“ – es geht Kaufman um die Menschen und wie sie ticken.

Da bietet „I’m thinking of ending things“ ja an und für sich einen guten Ansatz. Mein Problem mit dem Film war nur, dass Kaufman das Ganze zu sehr streckt. Im Grunde besteht der Film nur daraus, dass ein Pärchen sich sehr philosophisch während einer Autofahrt unterhält. Dabei waren die Performances von Jessie Buckley und Jesse Plemons wirklich unglaublich gut – obwohl die Beiden auf engstem Raum agieren müssen, schaffen sie unglaubliche Nuancen für ihre Charaktere. Weswegen ihnen zugucken schon sehr interessant war. Auch Toni Collette und David Thewlis spielen in der vielleicht verrücktesten Sequenz des Films einfach nur großartig. Gerade Collette beweist hier einmal mehr, wie unglaublich talentiert sie eigentlich ist.

Schauspielerisch ist „I’m thinking of ending things“ wirklich sehr gut, erzählerisch ist der Film wie altes Kaugummi: zäh ohne Ende und es zieht sich unendlich in die Länge. Leider habe ich auch diese aufkommende ungute Stimmung aus dem Buch sehr vermisst. Die Szenen mit Jakes Eltern gehen zwar ein bisschen in die Richtung, aber dadurch, dass die Eltern innerhalb dieser Szenen auch mal jünger und mal älter werden, gibt Kaufman auch schon sehr viele Hinweise auf die tatsächliche Auflösung des Films.

Ich bin mit dem Film einfach nicht warm geworden. Das Durchleuchten der Charaktere verliert sich in diesem Film einmal zu oft in sehr langen Monolog- oder Dialog-Szenen, denen einfach auch das gewisse Etwas fällt, um zu fesseln. Aber vielleicht war ich auch zu sehr beeinflusst durch den Roman… filmisch war das ein interessanter Ansatz, hat mich aber nie so wirklich gepackt.

Wertung: 4 von 10 Punkten (ich bleibe da lieber beim Buch)

14 Kommentare leave one →
  1. 7. September 2020 12:48

    Da bin ich froh, dass es nicht nur mir so ging. Der Beitrag steht noch aus, aber ich war aus ähnlichen Gründen komplett enttäuscht von dem.

    • donpozuelo permalink*
      7. September 2020 19:50

      Oha… sehr gut. Noch jemand, der das sieht wie ich. Ich habe das Gefühl, dass alle Kritiker sonst diesen Film extrem abfeiern. Handwerklich war der auch gut gemacht, aber erzählerisch hinkt der einfach ganz schön durch.

      • 8. September 2020 11:28

        Ich war auch schockiert als ich den Letterboxdschnitt sah und hab gedacht, was finden die den alle an dem Film gut?

        • donpozuelo permalink*
          8. September 2020 14:35

          Eine Kollegin, die sogar auch das Buch gelesen hat, fand den Film gut. Ich kann es auch nicht so wirklich nachvollziehen. Vielleicht liegt es an Charlie Kaufman selbst… vielleicht wollen den viele nicht in den Dreck ziehen.

        • 8. September 2020 17:56

          Kaufman hat auch ein Stück weit Narrenfreiheit, so wie der von manchen in den Himmel gelobt wird. Allerdings hab ich mir den nochmal angeguckt und da fand ich ihn deutlich besser.

        • donpozuelo permalink*
          8. September 2020 18:51

          Oh echt? Ist man vorbereiteter? 😅

        • 8. September 2020 18:52

          Beim zweiten Mal hab ich verstanden worauf der Film hinausläuft, das hat ihn verbessert. Erzählerisch hat der dann aber immer noch Probleme

        • donpozuelo permalink*
          9. September 2020 14:51

          Gut. Ich hatte den Vorteil, das Buch gelesen zu haben 😅

  2. 16. September 2020 10:04

    Bin zu einem gewissen Teil bei dir: Der Film ist zäh und man wird nicht so recht warm mit der Story. Mir haben die gedanklichen Ansätze und die daraus resultierende Stimmung allerdings etwas mehr gefallen, sodass ich dem Film insgesamt doch etwas positiver gegenüberstehe.
    Kannst du das Buch empfehlen? Habe gehört, man solle es nach dem Film lesen

    • donpozuelo permalink*
      17. September 2020 17:30

      Die gedanklichen Ansätze fand ich auch gut. Das Buch kann ich sehr empfehlen (Kritik habe ich hier auch schon veröffentlicht). Hat mir ziemlich gut gefallen.

  3. 13. Februar 2021 19:30

    So, jetzt fühle ich mich auch in der Lage zu kommentieren ^^‘ wo ich gestern den Film geschaut habe. So ein paar grundsätzlich geniale eigene Ideen hat Kaufman ja mit reingebracht. Ich fand es unglaublich interessant und kunstvoll wie er manches verwoben hat. Beispielsweise die Unterhaltung mit den Eltern am Dinnertisch, wo es um Gemälde geht und ob ein Gemälde traurig sein, wenn gar keine Person darin ist. Dabei ist der letzte Shot im Film eben genau sowas. (Das eingeschneite Auto). Das war richtig tragisch und unheimlich klug inszeniert … aber nach hinten raus hat mir echt vieles aus dem Buch gefehlt. Viele der philosophischen Diskussionen zwischen den beiden im Auto fehlt beispielsweise. Und mir war der Stilmix doch etwas zu wild oder durcheinander in dem Film. Schade. Aber ich glaube auch nicht, dass mich der Film glücklicher gemacht hätte, wenn ich das Buch nicht kennen würde.
    Bin immer noch ein Fan davon das Buch vorher zu lesen …

    • donpozuelo permalink*
      14. Februar 2021 09:03

      Ich lese auch immer lieber vorher das Buch. Da bin ich ganz deiner Meinung. Und ja, der Film hatte schon ein paar schöne Ideen. Ich mochte ja auch diese Tanzeinlage, obwohl ich sie nicht so richtig einordnen konnte. Aber im großen Ganzen war es nicht so meins… und es wäre, wie du richtig sagst, selbst ohne die Buchkenntnis nicht meins gewesen

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