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Die Raupensammlerin

19. August 2020

Endlich, endlich, endlich scheint sich so langsam eine neue Riege von deutschen Regisseurinnen und Regisseuren in den Vordergrund zu rücken und entstaubt mal so ein bisschen mein Bild vom deutschen Film. Das fing letztes Jahr für mich mit „Systemsprenger“ an, dem ersten deutschen Film seit Ewigkeiten, den ich im Kino sah. Jetzt habe ich mich mal wieder an einen deutschen Film gewagt – und mein aufkeimendes Vertrauen in den deutschen Film noch ein wenig mehr bestärkt (und ja, ich weiß, ich bin bislang immer sehr ignorant mit Filmen aus Deutschland umgegangen, aber wie heißt es so schön in „Vanilla Sky“: Every passing minute is another chance to turn it all around“) Meine Minuten sind nur einfach ein bisschen länger.

In „Kokon“ lässt Regisseurin Leonie Krippendorff die junge Nora (Lena Urzendowsky) zu Wort kommen. Das Mädchen erlebt den heißen Sommer von 2018 mitten in Berlin. Sie lebt in der Nähe vom Kotti und zieht mit ihrer Schwester Jule (Lena Klenke) und deren bester Freundin Aylin (Elina Vildanova) durch die Gegend. Während die beiden älteren Mädchen ihr Glück in Social Media, Mode und Style und Jungs suchen, weiß Nora gar nicht so wirklich, wo ihr Platz ist. Sie hat irgendwie niemanden, der ihr wirklich beiseite steht. Ihre Mutter ist kaum für sie und die Schwester da, ihre Schwester kümmert sich mehr um sich selbst… und so bleiben Nora nur ihre Raupen. Bis sie eines Tages die ältere Schülerin Romy (Jella Haase) kennenlernt.

„Kokon“ erzählt eine klassische Coming-of-Age-Geschichte. Da ist eigentlich nichts groß Besonderes dran. Aber das ist es ja eher selten. Wir haben mittlerweile alle genug solcher Stories gesehen, gelesen und gehört, dass wir wissen, was da alles dazu gehört. Ich meine, wir haben solche Dinge selbst durchlebt. Deswegen kommt es für mich bei solchen Filmen immer nicht so wirklich auf die Story an. Krippendorff, die auch das Drehbuch geschrieben hat, durchläuft alle wichtigen Punkte:

Sie stellt uns Noras Umfeld vor, etabliert sie dabei als kleine Außenseiterin, die eigentlich keine eigenen Freunde hat und nur Mitläuferin bei ihrer Schwester ist. Wir lernen Nora als unsicheres Mädchen kennen, das einfach keinen Halt hat. Nora funktioniert als Charakter aber deswegen so gut, weil Lena Urzendowsky einfach so unglaublich gut ist. Ich habe beim Zuschauen förmlich mit ihr mitgelitten, wenn ihre Schwester mal wieder Scheiße zu ihr war. Urzendowsky bringt so eine unglaubliche Fragilität in diese Rolle, dass man sich fragt, ob sie das überhaupt noch spielt oder das tatsächlich alles fühlt. Sprich: Urzendowsky ist unglaublich authentisch in ihrer Rolle.

Was aber natürlich auch nur funktioniert, weil der Rest der Besetzung so gut funktioniert. Lena Klenke ist so der Inbegriff von einem Möchtegern-It-Girl, die in ihrer Oberflächlichkeit schnell zu erkennen gibt, wie zerrissen sie in Wirklichkeit ist. Klenke ist so gut und manchmal so gut hassenswert. Selbst Jella Haase, die ich etwas zu alt fand, als das ich sie noch als Schülerin so richtig akzeptieren konnte, spielt sehr stark (und ich kenne sie ja wirklich nur als Chantal in „Fack Ju Göthe“).

Krippendorf findet für all ihre Charaktere die richtigen Momente, um sie stark auszubauen. Sie lässt Nora gekonnt alle Höhen und Tiefen ihrer Liebe und ihres Coming-of-Age durchleben. Das ist sehr liebevoll, sehr charmant-witzig und manchmal auch einfach nur traurig. Dabei umgeht „Kokon“ aber erstaunlich gut so alberne Liebeskummer-Klischees und wirkt nie zu kitschig, sondern immer sehr natürlich.

Den einzigen Minuspunkt, den ich dem Film geben muss: Wer wirklich einmal am Kotti gewesen ist, weiß, dass Krippendorf hier nicht ganz die Wahrheit zeigt. Obwohl… eigentlich muss man ihr schon dazu gratulieren, dass sie es schafft, einen der hässlichsten Plätze von Berlin so schön zu zeigen. Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass das möglich ist 😀

Wertung: 8 von 10 Punkten (ehrliche und schöne Coming-of-Age-Geschichte im Herzen von Berlin)

7 Kommentare leave one →
  1. 20. August 2020 17:58

    Der deutsche Film wird von uns unterschätzt, da sind Jahr für Jahr mehrere gute bis sehr gute Filme dabei. Den hier hab ich mir schon vor Wochen vorgemerkt, nur lief er nur in einer Vorstellung bei mir in der Nähe und da konnte ich nicht.

    • donpozuelo permalink*
      21. August 2020 09:57

      Also ich habe den deutschen Film wirklich sehr lange abgewertet und unterschätzt. Alte Klassiker habe ich hier und da gesehen, aber gerade das neue deutsche Kino habe ich häufig nicht beachtet. Was sich jetzt zum Glück langsam ändert.

      • 21. August 2020 22:35

        Ich finde es fast schon lustig, wie alte Klassiker glorifiziert werden und dann das deutsche Kino auf Schweigerhöfer und Konsorten reduziert wird. Früher gab es genauso anspruchsvolles Kino, was aber selten kommerziell erfolgreich war und die dummen Komödien.
        Was ich gerade traurig finde, dass zumindest mein Stammarthousekino die deutschen Produktionen gerade kaum zeigt.

        • donpozuelo permalink*
          22. August 2020 07:23

          Ja, genau so einer war ich… wie ich zu meiner Schande zugeben muss. Aber es war leider auch immer nur das Schweiger-Schweighöfer-Kino, das die wirkliche Aufmerksamkeit bekam.

          Zum Glück ändert sich das auch allgemein etwas

        • 24. August 2020 11:28

          Es ist fast schon faszinierend zu sehen, dass man sich früher mit den kaum gesehenen Klassikern von Schlöndorff, Fassbender und Wenders rühmte und heute das Komödienkino als Maßstab nimmt.

        • donpozuelo permalink*
          24. August 2020 13:26

          Das stimmt. Aber das ist halt das Gemeine am Marketing. Die großen Erfolge werden gefeiert und die tollen kleinen Filme gehen unter

Trackbacks

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