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Filmreise Etappe #43: Ballett oder Liebe?

14. August 2020

Der letzte Film, der Filmreise, in dem es um Oscar-prämierte Musik geht. Ausgewählt habe ich mir dafür einen der Film, der mir immer mal wieder (zumindest namentlich) über den Weg gelaufen ist. Nicht etwa, weil ich darüber gelesen habe, sondern weil so große Namen wie Steven Spielberg, Martin Scorsese, Brian De Palma oder Francis Ford Coppola diesen Film immer wieder als großes Meisterwerk gelobt haben. Dabei dachte ich dann immer: „Okay, was kann an einem Ballettfilm, der auf einem Märchen von Hans Christian Andersen basiert, so besonders sein?“ Nun, zum einen hat „The Red Shoes“ von 1948 den Oscar für die beste Filmmusik bekommen – und zum anderen ist „The Red Shoes“ so viel mehr als nur ein reiner Ballettfilm. Nachdem ich den Film jetzt gesehen habe, kann ich die hohen Herrschaften in ihrer Lobpreisung des Films durchaus nachvollziehen.

Boris Lermontov (Anton Walbrook) ist Leiter des Balletts Lermontov. Der angehende Komponist Julian Craster (Marius Goring) wird bei Lermontov angestellt, um für ihn die Musik für sein kommendes Ballett neuzuschreiben. Lermontov will das Märchen „Die roten Schuhe“ aufführen. Als seine Primaballerina wählt er dafür die junge Victoria Page (Moira Shearer) aus… Lermontov findet Gefallen an seiner Primaballerina, die er fortan streng unter seine Fittiche nimmt. Das Problem ist nur, dass Vicky sich eher zum Komponisten Julian hingezogen fühlt – da Lermontov aber keine Romanzen duldet, stellt er Vicky vor die Wahl: Ballett oder Liebe?

Das ist jetzt mal grob zusammengefasst, worum es sich handelt. Der Film ist tatsächlich etwas ausgefeilter als das. Die erste Stunde zeigt, wie sich sowohl Vicky als auch Julian die Anerkennung von Lermontov hart erarbeiten müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist „The Red Shoes“ von dem Team Michael Powell und Emeric Pressburger wirklich ein Blick hinter die Kulissen eines Balletts. Wir sehen Proben, Absprachen und den langsamen Aufstieg von sowohl Vicky als auch Julian. Es ist die klassische Aufstiegsstory zweier Underdogs, die durch harte Arbeit ihren Weg nach oben finden.

Dieses Oben ist dann die Uraufführung von „The Red Shoes“. Fünfzehn Minuten liefern uns Powell und Pressburger ein faszinierendes Theater, das fantastisch inszeniert ist. Moira Shearer, die hier ihre erste Rolle hat, darf zeigen, was sie bislang als Ballerina alles gelernt hat und tanzt sich die Seele aus dem Leib. Im Märchen kann das Mädchen mit den roten Schuhen ja nicht aufhören zu tanzen… und so wird aus dem Ballett von einem schönen Traum des Tanzens ein Alptraum. Mit sehr expressionistischer Lichtgebung, mit opulenten Bühnenbildern, tollen Kostümen und ein bisschen Schnittmagie verwandeln Pressburger und Powell diese 15 Minuten in ein absolutes Highlight des Films. Dazu kommt die wunderbare Musik von Brian Easdale, die diese ganze Wucht, die ganze Dramatik und den Horror dieses Balletts perfekt einfängt. An diesem Punkt möchte man fast gar nicht, dass das Stück aufhört…

Nach dieser Sequenz wandelt sich „The Red Shoes“: Vicky wird zum absoluten Star und weltweit gefeiert. Julian und sie gehen ihre Beziehung ein – und am Ende will er sich von Lermontov lösen und als Komponist auf eigenen Beinen stehen. Vicky will ihn dabei begleiten und gibt ihre Karriere auf… hier wird „The Red Shoes“ dann vollends zum Drama, das vor allem Vicky von innen förmlich zerreißt. Denn trotz ihrer großen Liebe zieht es sie immer wieder zum Ballett zurück.

Anton Walbrook fungiert hier so ein bisschen wie eine Art Teufelchen, dass der armen Vicky noch mehr einredet, dass sie so viel mehr sein könnte. Moira Shearer kann an dieser Stelle beweisen, dass sie mehr ist als nur eine Primaballerina und es ist tut schon echt weh, sie so leiden zu sehen.

„The Red Shoes“ wird zu einer tragischen Liebesgeschichte, die – soviel kann ich schon mal verraten – kein Happy Ende hat und sich eher an dem eigentlichen Märchen orientiert. Denn eine wirkliche Wahl ist für Vicky offensichtlich nicht möglich.

„The Red Shoes“ wirkt episch, obwohl der Film eine vergleichsweise „kleine“ Geschichte erzählt. Aber hier hängt so viel von so vielem ab, die ganze Dramatik und Tragik ist förmlich zu spüren. Ein toller Film, der mit seinen wundervollen Tanzeinlagen, seiner opulenten Musik und seinen guten Darstellern punktet.

Wertung: 9 von 10 Punkten (ein Ballett-Trip durch verschiedene Genres)

7 Kommentare leave one →
  1. 15. August 2020 11:40

    Leider weder auf Prime oder Netflix, noch auf DVD verfügbar 😦

  2. 4. September 2020 20:36

    Ah danke für den Hinweis mit Youtube. Ich vergesse immer da nachzuschauen – da sind ja doch recht viele Filme gelandet. Aber so oft gibt es nur nervige Pseudovideos, die einen davon überzeugen wollen Links anzuklicken …
    Jedenfalls wollte ich den auch schon ewig mal gucken und bin immer an einer fehlenden Quelle gescheitert. 🙂

    • donpozuelo permalink*
      4. September 2020 22:18

      Gerne, gerne. Gerade die wirklich alten Filme finden sich dann doch ab und zu auf YouTube. Das hat mir schon mehrfach während dieser Filmreise geholfen 😅

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