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Wahlkampf auf dem Land

10. August 2020

Um Comedian Jon Stewart ist es nach seinem Ausstieg aus der „Daily Show“ relativ ruhig geworden. Aus dem Show-Geschäft hat er sich weitgehend entfernt, für Aufsehen sorgt er nur noch in seinem sehr emotionalen Kampf für die 9/11-Ersthelfer. Ansonsten ist er von der Bildfläche verschwunden. Was schade ist, mochte ich ihn eigentlich immer sehr. Obwohl ich ihn auch nur durch seine Arbeit als Gastgeber der „Daily Show“ kannte. Jetzt ist Stewart aber mal wieder aufgetaucht… und zwar als Regisseur der politischen Komödie „Irresistible“.

Der demokratische Wahlkampf-Manager Gary Zimmer (Steve Carell) hat die Ergebnisse der US-Wahlen von 2016 noch nicht wirklich verkraftet. Da wird ihm ein virales Video gezeigt, in dem Kriegsveteran Jack Hastings (Chris Cooper) sich für die Rechte von undokumentierten Arbeitern einsteht… Gary glaubt, dass er mit Hastings erneut in den Wahlkampf einsteigen kann und will ihn zum Bürgermeister des kleinen Örtchens Deerlaken machen. Die Aufmerksamkeit, die er so generiert, lockt seine republikanische Konkurrentin Faith Brewster (Rose Byrne) an, die dem jetzigen Bürgermeister unter die Arme greift. In einem wilden Kampf treten Gary und Faith stellvertretend mit ihren beiden Kandidaten gegen einander an.

Wenn „Irresistible“ von jemand anderem inszeniert worden wäre, wäre ich nicht mit sonderlich großen Erwartungen an diesen Film herangegangen. Die Tatsache aber, dass ein gewisser Jon Stewart nicht nur Regie führt, sondern auch das Drehbuch geschrieben hatte, klang sehr verlockend. Ich hoffte auf eine herrlich bissige Politsatire, die den Wahlkampf auf kleinem Level als Beispiel dafür nimmt, wie der große Wahlkampf in den USA stattfindet.

Zu einem gewissen Teil enttäuscht Stewart da auch nicht. Es werden Werbespots gedreht, Leute angerufen, Pläne geschmiedet und Reden geschwungen. Es wird bei reichen Leuten um Geld gebeten, um den Wahlkampf zu fördern. Das ist halt genau so, wie man es aus Berichten über den Wahlkampf kennt… da macht „Irresistible“ jetzt keine Abstriche.

Unterhaltsam wird das Ganze dann vor allem durch Steve Carells Gary Zimmer, der als Etepetete-Städter in das kleine, ruhige Deerlaken kommt. Da gibt es dann kein WiFi, Türen werden nicht wirklich abgeschlossen und seinen Super-Sonder-Kaffee bekommt er auch nicht. Nach nur einem Abend kennt ihn am nächsten Tag schon jeder in der Stadt und begrüßt ihn als „DC Gary“. Hier fängt Stewart charmant das gemütliche Leben einer US-Kleinstadt ein… eine Kleinstadt, die durch die Egos von Gary und später seiner Konkurrentin Faith ordentlich aufgewirbelt wird.

Stewart sorgt dank seiner bestens aufgelegten Darsteller für ein paar amüsante Lacher. Steve Carell ist super, Rose Byrne geht in der Rolle als fiese Kontrahentin gut auf und Chris Cooper spielt den leicht überforderten Landbewohner, der eigentlich doch nur sein Ding durchziehen will.

Es ist alles nett in „Irresistible“, aber leider auch nicht mehr. Stewart fehlt hier komplett der Biss. Als politische Satire würde ich das Ganze im Leben nicht bezeichnen. Es hat fast mehr ein RomCom-Feeling, gerade weil Gary und Faith immer wieder mit sehr sexuellen Anspielungen anecken. Gleichzeitig hat Gary auch unterschwellig Gefühle für die 28-jährige Tochter von Jack, Diana (gespielt von „Terminator 6“-Star Mackenzie Davis). Das Politische steht zwar irgendwie im Vordergrund, aber das Gefühlsleben von Gary spielt augenscheinlich eine größere Rolle.

Zum Ende erlaubt sich Stewart einen Twist, der sowohl uns als auch Gary überrascht. Mit diesem Twist kommt dann so ein wenig die tatsächliche Botschaft rüber, die Stewart offensichtlich wichtig ist. Das ist auch eine gute Botschaft, aber dafür anderthalb Stunden nur seichtes Geplänkel reicht nicht wirklich aus, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Ich hätte mir von „Irresistible“ wirklich mehr Biss gewünscht. So bleibt es eine gewöhnliche Komödie.

Wertung: 5 von 10 Punkten (das hätte mehr sein können)

7 Kommentare leave one →
  1. 10. August 2020 09:57

    Ich musste Stewart erstmal googeln :)) Ich hasse diese Late Night- Daily- oder was auch immer spaßigen Talk Shows. Da sind für mich die Moderatoren auch austauschbar.
    Ja, hat nicht so üppige Kritiken bekommen. Ich denke, den werde ich mir im Kino sparen 🙂

    • donpozuelo permalink*
      10. August 2020 15:07

      Ja, mittlerweile mag ich die auch alle nicht mehr so wirklich. Aber Jon Stewart hat halt früher mit seiner Daily Show schöne Politsatire gemacht. Das war eben keine Talkshow, sondern mehr so Nachrichtenverarsche. Hab ich immer gerne geguckt. Nur fehlt diesem Film halt der Biss von früher

  2. 13. August 2020 13:17

    Der Film hat sich so unrund angefühlt. Schauspielerisch gut und dann als es interessant wird, ist der Film auch schon vorbei

  3. 14. August 2020 11:08

    Schade schade, ich hatte mir bei Stewart auch einiges an politischem Biss erhofft. Kommt der denn wenigstens durch den Twist?

    • donpozuelo permalink*
      14. August 2020 14:31

      Der Twist ist zumindest mal ne interessante Ansage. Das ist auf jeden Fall nett bissig. Aber rechtfertigt leider auch nicht den kompletten Film.

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