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Putzen – Der Film

29. Juli 2020

Wenn dein Chef plötzlich an deinem Schreibtisch steht und dir seinen „Lieblingsfilm“ hinhält und dich fragt, ob du Lust hast, die den mal anzuschauen, was sagst du dann? Zumal ich kenne den etwas sonderbar wirkenden Film-Geschmack (ich habe immer noch den 14 Stunden langen Film „La Flor“ von ihm bei mir liegen und warte auf die Gelegenheit, den mal irgendwie zu gucken) und hatte deswegen Angst, ich würde jetzt zu einem Mammut-Projekt von Film „Ja“ sagen. Denn natürlich habe ich „Ja“ gesagt. Ich bin ein „people pleaser“ und kann nur schlecht „Nein“ sagen. Außerdem hat es mich schon ein wenig interessiert, was bei ihm so als „Lieblingsfilm“ durchgeht. So ging ich dann also mit der DVD nach Hause und als ich sah, dass der Film nur 90 Minuten lang ist, war ich richtig erleichtert und habe mich hingesetzt und mir „Shandurai und der Klavierspieler“ von Bernardo Bertolucci angeguckt.

Shandurai (Thandie Newton) ist Krankenschwester in einem kleinen afrikanischen Dorf, das von einem unerbittlichen Regime unterdrückt wird. Shandurais Ehemann, der Dorflehrer wird verhaftet und daraufhin flüchtet sie. Sie flüchtet nach Rom, wo sie für den Klavierspieler Jason Kinsky (David Thewlis) als Putzfrau arbeitet, während sie nebenbei ihr Studium der Medizin fortführt. Der schüchterne und einsiedlerisch lebende Kinsky ist von Shandurai fasziniert, ist verliebt in sie und will sie heiraten. Doch die junge Frau weicht seinen Avancen vorerst aus.

Ja… „Shandurai und der Klavierspieler“… ein Film, der sehr schöne Musik hat. Ich liebe das Klavier als Instrument. Bertolucci liefert den Klavierspieler in seinem Titel auch ordnungsgemäß ab. Es wird viel Klavier gespielt. Was schön ist. Es wird aber gleichzeitig auch wahnsinnig viel geputzt. Ich weiß nicht, ob Bertolucci eine Art Fetisch für putzende Frauen hat, aber meine Güte… dieser komplette Film besteht gefühlt aus 50 Minuten Material davon, wie Thandie Newton Staub saugt, Staub wischt, Böden wischt, Fenster putzt, Treppen fegt, Bilderrahmen reinigt und Statuen abstaubt. Putzen, putzen, putzen. „Shandurai und der Klavierspieler“ sollte wirklich einfach in „Putzen – Der Film“ umbenannt werden.

Abgesehen davon ist die Geschichte auch einfach öde und ziemlich platt. In den ersten zehn Minuten gesteht Kinsky seine große Liebe und als Zuschauer war mir nicht so ganz klar, wo das auf einmal herkam. Danach versucht Bertolucci dann dieses Zweiergespann zu etablieren: er ist der creepy Stalker, der ihr Geschenke zukommen lässt, sie beobachtet und irgendwie hofft, dass sie sich doch noch in ihn verliebt. Sie geht ein wenig aus, versucht ihr Leben zu leben, ist geplagt von ihren Erinnerungen und ja, wundert sich irgendwann, warum alles Zeug, was sie vorher putzen musste, plötzlich aus dem Haus verschwindet.

In diesem ganzen Film entsteht nichts… emotional ist dieser Film so kalt wie das Wischwasser von Shandurai. Diese vermeintliche Liebesgeschichte ist von Gefühlen vollkommen befreit. Die Charaktere bleiben eindimensional, entwickeln sich nicht weiter und bieten mir als Zuschauer auch keinerlei Möglichkeit, irgendwas für sie zu empfinden. Selbst die vermeintlich nette Geste, die der Klavierspieler im Laufe des Films macht, wirkt einfach nur wie eine billige Plattitüde, um Shandurai endlich ins Bett zu kriegen. Die Figuren bleiben blass und langweilig… und so hat mich, der ich sonst ein großer Fan von Liebesgeschichten bin, dieser Film einfach von Anfang bis Ende nur kalt gelassen.

David Thewlis hatte eher eine unheimliche Präsenz und man könnte „Shandurai“ wahrscheinlich schnell zu einem Horror-Thriller umschneiden. Gerade bei Thewlis hat mir die Liebe für Shandurai einfach gefehlt. Das wirkte alles einfach so, als ob er erwarten würde, sie würde ihn lieben, weil sie immerhin für ihn putzen und bei ihm im Keller leben darf. Sehr merkwürdig. Thandie Newton hat wenigstens ein bisschen mehr zu tun, ist ihre Shandurai doch nicht ganz so menschenscheu wie ihr Klavierspieler. Aber auch ihre Rolle bleibt seltsam leer.

„Shandurai und der Klavierspieler“ hätte ein schöner Film sein können, wenn Bertolucci seine Charaktere einfach sehr viel besser ausgearbeitet hätte und seine Geschichte weniger künstlerisch frei erzählt hätte. Aber am Ende sind es mir zu viele „Hättes“… lieber Chef, sei mir nicht böse, aber das war einfach nicht mein Film.

Wertung: 3 von 10 Punkten (schöne Musik, öde Story)

4 Kommentare leave one →
  1. 29. Juli 2020 12:42

    Was sagt das über Deinen Chef? :))

    • donpozuelo permalink*
      29. Juli 2020 17:46

      Das will ich gar nicht so genau wissen 😅🙈

  2. 30. Juli 2020 10:39

    Ich finde es grundsätzlich überhaupt erstmal cool, dass dein Chef deine Filmleidenschaft kennt und dir daher Filme in die Hand drückt. Bei den beiden Darstellern war ich auch erstmal begeistert, ehe ich die restliche Kritik las…

    • donpozuelo permalink*
      30. Juli 2020 20:57

      Gut… vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich als Videomensch in einer Filmredaktion arbeite 🙈 da ist das natürlich mehr gegeben.

      Aber ja, der Film ist einfach nicht gut

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