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Fürchte den Alligator!

15. Juli 2020

Es gibt immer wieder Regisseure, die ihre Top-Filme des Jahres veröffentlichen und damit ein wenig dazu beitragen, ihre eigenen Favoriten zu promoten. Quentin Tarantino gehört dazu. Der Mann vergibt immer wieder fleißig seine Bestnoten an Filme, die er besonders schätzt und mag. Als jemand, der das auch ständig in seinen Filmen gekonnt verarbeitet, hat er in meinen Augen eine gewisse Aussagekraft, wenn er seine persönlichen Lieblingsfilme des Jahres präsentiert. Deswegen lese ich gerade auch seine Listen sehr gerne – zumal er auch recht unterschiedliche Genres vorstellt. Vor einiger Zeit las ich nun, dass Tarantino den Tierhorror-Film „Crawl“ von Alejandre Aja als einen seiner Lieblingsfilme 2019 bezeichnete. Ich muss gestehen, ich hatte den Film kurz mal auf dem Schirm, als die Trailer dazu das erste Mal rauskamen. Aber irgendwie war das für mich einfach nur ein weiterer Hai-Film, in dem man eben die Haie ausgetauscht hat. Jetzt habe ich mich, Tarantino sei Dank, doch mal ran gewagt und muss wirklich sagen, dass „Crawl“ ein sehr unterhaltsamer, sehr spannender und echt guter Film ist.

Haley (Kaya Scodelario) macht sich inmitten eines aufkommenden Hurrikans auf die Suche nach ihrem Vater. Der Sturm peitscht schon über die kleine Stadt in Florida, als sie ihn endlich im Keller ihres ehemaligen Hauses findet. Papa Dave (Barry Pepper) wurde von einem hungrigen Alligator angegriffen, der nun im Keller rumlungert… und das Problem: Je höher das Wasser steigt, desto größer ist die Gefahr, dass noch mehr Alligatoren aufkreuzen… was natürlich passiert. Haley und ihr Vater müssen es also irgendwie schaffen, vor den Tieren zu entkommen.

Alexandre Aja hat ja so einige durchaus interessante Titel in seiner Filmografie… vom hochgelobten „High Tension“ bis hin zum Remake von „The Hills Have Eyes“ hat er sich ja schon einen Namen gemacht. Aber von allen Sachen, die ich bisher von ihm gesehen habe, muss ich doch sagen, dass „Crawl“ am effektivsten und besten ist. Wenn man sich das Making-Of zum Film mal anschaut, wird auch klar, warum das so ist.

Er hat das Set, den Keller, in Originalgröße bauen lassen, er hat das ganze Ding unter Wasser gesetzt und seine beiden Hauptdarsteller dann ins Wasser geworfen. Dieser Film erreicht dadurch ein verdammt gutes Level von Authentizität, die dieser dunkle, enge Keller wirklich braucht. Aja spielt damit schon mal gut mit der allgemeinen „Furcht“ vor Kellerräumen und erhöht das Ganze noch mit seinen Alligatoren. Auch die setzt er gerade am Anfang ziemlich gekonnt ein… sie attackieren nicht permanent, sondern schwimmen irgendwo in dem flachen Wasser im Keller und lauern. Wir als Zuschauer wissen genau so wenig wie unsere Protagonistin, wann und wo die Viecher das nächste Mal zuschlagen. Da hat sich Aja mal ganz gut Spielbergs „Der weiße Hai“ angeschaut und gelernt: „Weniger ist manchmal mehr!“ Ein Motto, dass er gut verfolgt… okay, zum Ende hin übertreibt er es vielleicht ein bisschen, wenn mehrere Alligatoren da rumschwimmen. Aber selbst dann sind die Tier-Attacken immer noch effektiv, immer noch spannend.

Ich hatte extrem viel „Spaß“ mit diesem Film, gerade weil er so spannend war… da habe ich es dann auch verziehen, dass „Crawl“ manchmal einfach „Crawl“-Logik der Realität Vorzug gibt. Natürlich ist Haley Schwimmerin an ihrer Uni und natürlich kann sie schneller schwimmen als ein Alligator (was so ziemlich bedeuten würde, sie wäre schneller als Michael Phelps – und selbst der könnten einen echten Alligator nicht davon schwimmen). Natürlich reicht die Tür einer Duschkabine aus, um einen ausgewachsenen Alligator einzusperren. Und natürlich kann sie auch noch weiterschwimmen, nachdem sie mehrere Alligatoren angekaut haben (weil die beißen ja nicht so doll zu). Der Film hat manchmal seine sehr „albernen“ Momente, aber man kann sie so gut verschmerzen, weil der Rest des Films einfach so gut ist.

„Crawl“ nimmt sich schon ernst, aber das auf eine gute Art und Weise. Der Film liefert uns eine interessante Vater-Tochter-Story. Kaya Scodelario, die ich bislang nur durch ihre Rolle in „Fluch der Karibik 5“ kannte, ist unglaublich gut als taffe Gator-Queen und weltbeste Schwimmerin. Ich habe so mit ihr mitgelitten und mitgefiebert. Die ruhigen Momente zwischen Vater und Tochter waren rührend… schauspielerisch holt Aja aus seinem Duo echt alles raus und Scodelario trägt diesen Film wunderbar.

Alles in allem ist „Crawl“ für mich wirklich eine positive Überraschung gewesen. Ich hätte nicht damit gerechnet mit einem vermeintlichen dummen Tierhorror so viel Spaß zu haben. Der Film ist packend von der ersten bis zur letzten Minute, Aja zieht von Anfang an direkt los und gibt uns echt nonstop Adrenalin. Cooler Film, danke für den Tipp, Mr. Tarantino.

Wertung: 8 von 10 Punkten (unterhaltsamer und spannender Kampf gegen Alligatoren)

7 Kommentare leave one →
  1. 15. Juli 2020 08:56

    Wir hatten es ja schon bei mir: Ich sehe das ganz ähnlich. Bei den angesprochenen Logiklöchern habe ich zwar manchmal innerlich mit den Augen gerollt, doch das war schnell wieder vergessen, weil der Film innerhalb seiner Welt einfach konsistent war. Er war packend genug, um mich darüber hinwegsehen zu lassen.

    • donpozuelo permalink*
      15. Juli 2020 11:44

      Absolut. Und schau dir mal Behind the scenes Material zu dem Film an… da steckt viel Arbeit hinter, was man dem Film anmerkt. Der ist handwerklich wunderbar, die Darsteller sind toll. Man kann ihm wirklich gut seine kleinen Logiklöcher verzeihen

      • 15. Juli 2020 13:01

        Da rächt sich nun, den Film nur im Stream geschaut zu haben…

        • donpozuelo permalink*
          15. Juli 2020 13:11

          Da hab ich ihn auch nur geguckt. Aber YouTube ist da eine gute Stütze und hat vieles Bonusmaterial zu liefern. 😁

        • 15. Juli 2020 13:27

          Ah, ok, dann muss ich mal schauen… 🙂

  2. 15. Juli 2020 17:42

    Ja ja ja super Tierhorror! Bin ich auch froh, dass ich ihn mir im Kino angesehen habe.
    Logik ist bei solchen Sachen für mich nur zweitrangig, wenn er so spannend ist wie dieser hier. Mit den Darstellern tauschen hätte ich auch nicht mögen, in diesem Drecktümpel zu spielen ist schon ne Leistung!

    • donpozuelo permalink*
      16. Juli 2020 09:59

      Den hätte ich auch gerne im Kino gesehen. Damals war ich mir aber zu unsicher, ob der was taugt.

      Die Dreharbeiten müssen echt krass gewesen sein. Da würde ich auch nicht tauschen wollen 😅

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