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Random Sunday #33: The Woman in the Window

28. Juni 2020

Meine Mama ist die Thriller-Expertin in unserer Familie. Sie erfüllt so ziemlich dieses Klischee der Krimis lesenden Mama, die vom Schweden-Thriller über Katzenbach-Romane bis hin zu allem möglichen anderen Kram, dessen Namen ich mir nie merken kann (sie mir aber immer wieder davon vorschwärmt) so ziemlich alles liest, in dem gemeuchelt, gemordet und ermittelt wird. Das macht es für mich auf der einen Seite sehr leicht, ihr mal ein neues Buch zu schenken, macht es auf der anderen Seite aber auch schwerer, weil sie so viel liest, dass ich jedes Mal Angst habe, sie könnte das Buch schon gelesen haben. Zumal ich damit auch sehr häufig eine meiner Buch-Verschenke-Regel breche: „Schenke nie ein Buch, das du nicht selbst gelesen hast.“

Mittlerweile habe ich die Regel ein wenig erweitert – auf Bücher, die ich selbst noch nicht gelesen habe, aber gerne mal lesen würde. So kam es dann dazu, dass ich meiner Mama zum Muttertag A.J. Finns „The Woman in the Window“ schenkte. Wollte ich tatsächlich immer mal lesen, gerade weil der hochkarätig besetzte Film von Joe Wright ja vor der Tür steht (oder stand: immerhin sollte er schon im Mai rauskommen, bis sich Corona dann dazu entschied, unser Leben mal ein bisschen komplizierter zu machen).

Die Kinderpsychologin Anna leidet unter Agoraphobie und lebt daher zurückgezogen in einem alten New Yorker Stadthaus. Da sie von ihrer Familie getrennt lebt und sie das Haus nicht verlässt, ist sie viel online unterwegs, guckt ständig alte Schwarz-Weiß-Thriller und ihr bester Freund ist der Alkohol, der – gemixt mit all den Medikamenten, die sie wegen ihrer Phobie und ihrer Depressionen nimmt – ihr nicht wirklich gut tut. Um sich zusätzlich die Zeit zu vertreiben, beobachtet sie in bester Jimmy-Stewart-Manier gerne ihre Nachbarn. Vor allem die Russells, die gegenüber eingezogen sind, haben es ihr angetan… und dann beobachtet sie, wie Jane Russell, die Mutter, ermordet wird. Das Problem ist nur, niemand will ihr glauben.

„The Woman in the Window“ ist stark von „Das Fenster zum Hof“ inspiriert. Zum Glück macht Autor Finn daraus auch keinen Hehl, sondern umarmt Hitchcock förmlich in seinem Erstlingswerk. Anna ist ein wandelndes Film-Lexikon, wenn es um alte Filme geht… und wenn man „The Woman in the Window“ durchhat, hat man zudem noch eine stattliche Liste an Film noirs, Thrillern von Hitchcock und Co. und anderen Filmen. Man merkt, dass hier ein Film-Fan einen Roman geschrieben hat und es hilft tatsächlich, wenn man einige der Filme kennt („Vertigo“ wird zum Beispiel auch stark thematisiert und allein damit spielt Finn auch ziemlich gut). Es ist aber auch so, dass der Roman es nicht zu sehr mit den Filmen übertreibt, aber es ist eine interessante zweite Ebene, durch die Anna sich uns zusätzlich offenbart.

Anna selbst ist die Ich-Erzählerin des Buches. Sie wird in diesem Buch zu unserem Jimmy Stewart… nur dass sie nicht einfach nur ein gebrochenes Bein hat, sondern gleich eine komplett gebrochene Seele. Was ihr passiert ist, warum sie ihr Haus nicht mehr verlassen kann, gibt sie nur zögerlich preis. Das macht sie aber gerade als Figur umso interessanter. „The Woman in the Window“ ist zum Glück sehr viel mehr als Hitchcocks Klassiker. Finn taucht tief in die Psyche dieser Frau ein, die sich als Psychologin auch ständig selbst unter die Lupe nimmt und so ein stark ausgebauter Charakter wird. Was extrem wichtig ist, haben wir ja nur sie als Bezugspunkt.

Das merkt man auch daran, dass sich Finn 100 Seiten Zeit lässt, bevor Anna den vermeintlichen Mord bei ihren Nachbarn beobachtet. Bis dahin lernen wir erst einmal Anna und ihr Leben kennen. Die restlichen 400 Seiten geht es dann um die Frage, ob Anna sich das nun wirklich alles eingebildet hat oder nicht. Ist der Alkohol Schuld? Sind die Medikamente Schuld? Ist beides Schuld? Ist es ihre Paranoia, ihre Depression, ihr Allein-Sein? Finn beschreibt ihre Zwickmühle spannend und schickt uns als Leser mehr als einmal in eine Richtung, in der wir selbst an unserer Erzählerin zweifeln… auch wenn wir es nicht wollen.

„The Woman in the Window“ ist ein gut zu lesender Thriller, den man vor allem wirklich schnell durchhat (hat bei mir nicht einmal ganz drei Tage gedauert). Das Buch lieferte eine starke Protagonistin, einen spannenden Plot, der Hitchcocks „Fenster zum Hof“ um die psychologische Ebene erweitert und uns dann noch ein paar tolle Plottwists liefert, die die Spannung noch einmal hochschrauben.

Da bin ich wirklich gespannt auf den Film. Das Buch ist quasi wie gemacht für einen Film… und mit Amy Adams in der Hauptrolle ist ja auch eine großartige Schauspielerin gefunden. Jetzt heißt es nur abwarten, dass der Film dann auch endlich mal ins Kino kommt.

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