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Gold- und Sinnsuche in Vietnam

15. Juni 2020

Es ist schon beeindruckend, wie viele große Filmemacher mittlerweile eher für Streamingdienste produzieren als fürs Kino. Als ich das erste Mal davon hörte, dass Martin Scorsese seinen „The Irishman“ nicht ins Kino bringen, sondern direkt auf Netflix veröffentlichten würde, war ich schon ein wenig schockiert. Und klar, die Debatte darüber, wie Streamingdienste sich auf unsere Film- und Kino-Kultur auswirken werden, ist eine sehr hitzige. Ich muss gestehen, ich bin auch nicht so ein großer Fan davon… und ich hoffe wirklich, dass sich durch Corona der Schwerpunkt nicht noch mehr auf Online-Portale verlagern wird. Ich will schon wieder lieber ins Kino gehen. Ich will die große Leinwand, ich will den Surround Sound, das Erlebnis. Es ist einfach was anderes, ob ich ins Kino oder in Jogginghose zuhause auf der Couch rumlümmele. Trotzdem… es hält große Filmemacher nicht davon ab, urplötzlich mit neuen Filmen auf Netflix und Co. aufzutauchen. So hat es dann jetzt auch Spike Lee gemacht… und präsentiert nun online seinen neuen Film „Da 5 Bloods“ – ein Film, den ich definitiv viel lieber im Kino gesehen hätte…

Die Freunde Otis (Clarke Peters), Paul (Delroy Lindo), Melvin (Isiah Whitlock Jr.) und Eddie (Norm Lewis) kämpften im Vietnamkrieg zusammen für die USA. Unter ihrem Anführer Stormin‘ Norman (Chadwick Boseman) stießen sie dabei auf eine Kiste voller Gold, die sie versteckten und später wieder suchen wollten. Mittlerweile sind Jahrzehnte vergangen… und Otis und Co. kehren nach Vietnam zurück. Sie wollen nicht nur das Gold finden, sondern auch die Überreste ihres damals verstorbenen Anführers. Doch die Reise durch den Dschungel und die Suche nach dem Gold stellt die Freunde vor einige Aufgaben.

Spike Lees „Da 5 Bloods“ ist ein stark gespielter Kriegsfilm, der in seinen zweieinhalb Stunden nur leider sehr starken Schwankungen unterliegt. Das Ganze fängt mit einer starken Message darüber an, wie sehr schwarze Amerikaner für die Kriege der USA eingesetzt wurden. Gerade im Vietnamkrieg waren viele von ihnen nicht mehr als Kanonenfutter, das vom Militär bereitwillig eingesetzt wurde. Nach dieser eindrucksvollen und starken Einführung schiebt Lee dieses Thema aber erst einmal in den Hintergrund und schickt vier alte Männer auf einen Trip in die Vergangenheit.

Hier geht es Lee dann auch darum, wie diese einstigen Veteranen damit umgehen, wieder am Ort des Geschehens zu sein. Das ist leider einer der Punkte, der stärker hätte ausgebaut werden können. „Da 5 Bloods“ beschränkt sich auf kurze Episoden, in denen die einstigen GIs mit Vietnamesen konfrontiert werden, die immer noch Groll gegen die Amerikaner hegen. Diesen Konflikt, gemeinsam mit dem der schwarzen Soldaten in der Armee, lässt Lee dann recht schnell für seine „Apocalypse Now“-Hommage fallen…

… da fahren die Freunde dann unter den Klängen von „Ritt der Walküren“ in den Dschungel Vietnams und suchen ihr Gold und ihren toten Freund. Ab hier funktioniert „Da 5 Bloods“ dann ein bisschen besser, weil Lee auch immer wieder gekonnt Rückblenden einbettet, in denen wir mehr über die Denkweise der schwarzen GIs in diesem wahnsinnigen Krieg erfahren. Spannend an den Rückblenden ist die Tatsache, dass die alten Schauspieler sich auch als ihre jüngeren Ichs spielen – nur eben ohne CGI-Verjüngung. Sie sind auch in der Vergangenheit die „Alten“. Erst hat mich das irritiert, dann fand ich es als Stilmittel eigentlich ziemlich passend. Es sind schließlich die Erinnerungen der Männer… das hat gut gepasst. Das ist der Punkt, wo „Da 5 Bloods“ gekonnt zwischen Kriegsfilm (den Lee ziemlich brutal inszeniert) und Drama (alte Freundschaften werden hinterfragt) hin und her wechselt. Das funktioniert vor allem wegen der Darsteller, die eine tolle Chemie miteinander haben… besonders aber Delroy Lindo sticht für mich aus dieser Gruppe hervor, der mehr als alle anderen mit den Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen hat.

Zum Ende wird es ein bisschen zu Tarantino für meinen Geschmack. Die Landminen, vor denen wir im Film schon früh gewarnt werden, werden plötzlich zur Gefahr… aber immer nur dann, wenn das Drehbuch sie mal gerade für den Überraschungseffekt braucht. Auch das Shoot-Out um den Goldschatz (in das dann auch noch ein alter Jean Reno verwickelt ist) wirkt irgendwie fehl am Platze… „Da 5 Bloods“ springt thematisch und genre-technisch viel hin und her, was in meinen Augen nicht immer so gut funktioniert. Gerade das Finale wirkt sonderbar im Vergleich zum Rest des Films.

Nichtsdestotrotz beeindruckt „Da 5 Bloods“ durch ein wirklich starkes Ensemble und tolle Bilder und eine Story, die politisch aufgeladen ist, aber das manchmal selbst ein wenig vergisst.

Wertung: 7 von 10 Punkten (Lees Vietnam-Hölle ist nicht so heftig wie das viel zitierte Gegenstück von Coppola)

2 Kommentare leave one →
  1. 4. Juli 2020 19:48

    Hui, der ist ja mal total an mir vorbei gegangen. D.h. nicht ganz – ich habe den vermehrt auf Letterboxd gesehen (die Plattform zahlt sich scheinbar doch mehr aus als ich anfangs dachte, wenn man Trends mitkriegen will) und jetzt eben hier bei dir. Man hätte annehmen können, wenn Spike Lee was für Netflix macht, dass das noch vermehrt die Spatzen von den Dächern pfeifen würden .. aber gut. Da wird demnächst mal reingeschaut

    • donpozuelo permalink*
      5. Juli 2020 12:52

      Nicht alle Spatzen haben offensichtlich ein Netflix-Abo 😅 Ist halt nicht unbedingt die Art von Netflix-Film, der in deren Charts auftaucht

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