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Manorgate

18. Mai 2020

Wir haben mal wieder einen heiß diskutierten Film. Einen Hype-Film, der sogar genau so angeteasert wird – als der am meisten besprochene Film, den bislang noch niemand gesehen hat. Jetzt hat das Warten ein Ende und wir können uns „The Hunt“ also endlich anschauen. Der Film, in dem Reiche Leute jagen, wurde ziemlich schnell zu einem politischen Thema. Die Gejagten werden im Film als „deplorables“ bezeichnet, ein Ausdruck, den Hillary Clinton 2016 verwendete, um Trump-Wähler zu beschreiben. Damit war der Twitter-Krieg eröffnet: Die im Film dargestellte Menschenjagd wurde heiß und immer heißer diskutiert… aber schon da spielt dem Film gut in die Hände, ist es doch genau das, was er kritisieren möchte: Fehl-information durchs Internet; die Art und Weise, wie aus einer kleinen Sache etwas viel größeres werden kann… und das man alles, was man irgendwo liest, auf die Goldwaage legen sollte und nicht allem einfach Glauben schenken darf. So darf man dann auch hinter der ganzen Debatte um „The Hunt“ nicht vergessen, den Film an sich zu betrachten… und der hält dem Hype um ihn in meinen Augen nicht Stand.

Eine Gruppe von Menschen wacht mitten in einem Wald auf. In einer riesigen Holzkiste finden sie – a la „Hunger Games“ – mehrere Waffen. Kaum haben sie sich bewaffnet, beginnt eine andere Gruppe Jagd auf sie zu machen. Unter den Gejagten befinden sich ganz normale Menschen (die aber natürlich im Laufe des Films als Geheimnisträger offenbart werden, die in den Augen ihrer Jäger allen Grund dafür haben, bei dieser Jagd dabei zu sein), während die Jäger zu den Reichen gehören, unter ihnen auch Athena Stone (Hillary Swank). Womit die Jäger nicht gerechnet haben, ist Crystal (Betty Gilpin), die von der Gejagten in Nullkommanichts zu Jägerin wird.

Wo fange ich bei diesem Film nur an? Vielleicht mit der so heiß diskutierten politischen Ebene des Films… und ganz ehrlich, so großartig ist die jetzt nicht. Drehbuchautor Damon Lindelof, der ja zuletzt mit der „Watchmen“-Serie eigentlich sehr clever mit politischen Themen umgegangen ist, findet einfach nicht den richtigen Ton für diese vermeintlich politische Satire. Für mich war „The Hunt“ einfach nur eine Abfolge von Stichwörtern, die mal so in den Raum geworfen werden. Das Einzige, was man dem Film dabei positiv anrechnen muss, ist die Tatsache, dass beide Lager der politischen Agenda ihr „Fett“ wegbekommen. Aber wirklich zynisch, satirisch oder einfach nur witzig ist das jetzt nicht gerade. Es wird ein bisschen gegen Gender-Themen gedroschen, gegen Social Justice Warrior, gegen Rassisten und Fremdenfeindlichkeit… aber wie gesagt, alles nur in Phrasen-Drescherei. Das hätte man vielleicht auch ein wenig cleverer verarbeiten können.

Dazu kommt, dass mir der Film rein als Film auch nicht sonderlich zugesagt hat. Anfangs dachte ich noch, das wird eine Komödie mit bösen Splatter-Einlagen. Doch sehr schnell verändert sich der Ton des Films, der sich dann auf einmal doch sehr ernst nimmt, das Gesplattere auf ein Minimum zurückfährt und dann eigentlich nur noch so vor sich hinplätschert. Zwischendurch wird mal wieder ein bisschen krasse Gewalt zelebriert, aber wirklich „Aufsehen-Erregend“ ist das jetzt nichts dabei.

Gleichzeitig muss ich auch gestehen, dass ich mit Betty Gilpins Crystal so meine Schwierigkeiten hatte… und mich dann wieder gefragt habe, ob das vom Film so gewollt ist. Crystal ist John Rambo und John Matrix (Arnie in „Phantom Kommando„) zugleich. Wenn diese Frau eine Waffe in der Hand hat, weiß sie sofort, damit umzugehen. Wenn diese Frau ein Messer in der Hand hat, weiß sie, wo sie wie zu zustechen hat. Wenn diese Frau in einem Auto den Fahrer ausschalten will, weiß sie, wie das geht, ohne dabei den Wagen in einen Unfall zu verwickeln. Crystal weiß alles, kann alles und ist unbesiegbar… ist das so gewollt? Soll das möglicherweise ein Kommentar zur „Mary Sue“-Debatte sein, in der sich Leute aufregen, wenn zum Beispiel Charaktere wie Rey aus „Star Wars“ von Anfang an „over-powered“ sind und einfach alles können? Crystal ist einfach King… und zerfetzt in diesem Film alles und jeden… an und für sich eine coole Angelegenheit, nur gibt mir das nicht viel als Zuschauer. Ich will mitfiebern… aber bei Crystal war eh von Anfang an klar, dass sie unbesiegbar sein wird. Was dem Ganzen ein wenig die Spannung entzieht.

„The Hunt“ ist ein Film, der okay ist. Kann man einmal gucken und dann war’s das auch wieder. Dieser Film wird durch die Debatte um ihn herum größer gemacht, als er es am Ende ist. Da war für mich der spannendere „Menschenjagd“-Film der letzten Zeit dann doch „Ready or Not“. Der hat wenigstens Spaß gemacht.

Wertung: 4 von 10 Punkten (ein Film, der viel Potenzial hat, aber aus dem einfach nichts gemacht wird)

2 Kommentare leave one →
  1. 26. Mai 2020 17:23

    Vielleicht ist ja Crystal sowas wie 95% der männlichen Hauptdarsteller in Actionfilmen, nur eben hier ausnahmsweise mal weiblich? 😉 Die können doch sonst auch immer alles.

    Aber ich habe den Film nicht gesehen und kann nicht bewerten, ob der wirklich viel unglaubwürdiger ist als andere Actionschinken. Tatsächlich habe ich nur am Rande was von dem Film mitbekommen und keinen Hype. Aber es klingt so ähnlich wie mit Ready or Not – da hatte ich auch so ein ansatzweises Klassenunterschiede-Reißerthema erwartet, was dann nicht so war und sich nebenbei noch ganz schön gezogen hat …

    • donpozuelo permalink*
      26. Mai 2020 19:30

      „Ready or not“ ist für mich definitiv der bessere Film.

      Was Crystal angeht, gebe ich dir da durchaus Recht. Sie ist schon auch als weibliches Pendant zu allen überstarken männlichen Actionhelden geschrieben. Das Problem ist nur, der Charakter ist halt einfach nicht gut geschrieben. Egal, welches Geschlecht dieser Charakter hätte haben können, es wäre kein guter Charakter gewesen. Sie ist genauso platt geschrieben wie der Rest des Films. Was, wie schon erwähnt, absolut verschwendetes Potenzial ist. hier hätte man wirklich mal was machen können, hat es aber einfach verzapft.

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