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Im Meerschweinchen-Café

13. April 2020

Als sich irgendwie alle darüber freuten, dass eine gewissen Phoebe Waller-Bridge in „Solo – A Star Wars Story“ den Droiden L3 sprechen würde, dachte ich nur: „Bitte, wer?“ Ich kannte ihren Namen einfach nicht und nachdem ich dann „Solo“ gesehen hatte, konnte ich nicht gerade sagen, dass ich heiß darauf war, mehr über sie zu erfahren. Der ganze Film war ziemlich öde, ihr Charakter langweilig, Phoebe Waller-Bridge verschwand wieder aus meinem Gedächtnis. Bis ich dann eher durch Zufall wieder auf sie traf… eine Kollegin schwärmte immer wieder von ihr und ihrer Serie „Fleabag“. Als ich dann Andrew Scott in seiner Folge von „Black Mirror“ zu schätzen lernte und erfuhr, dass er auch in dieser Serie auftauchen würde – dazu noch unter dem mysteriösen Titel des „sexy priest“ – dachte ich daran, dieser Mrs. Waller-Bridge vielleicht doch noch einmal eine Chance zu geben. Und tja, ich habe es nicht bereut.

Eine uns nicht näher benannte Britin (Waller-Bridge), von der wir einfach mal ausgehen, dass sie sich selbst als „Fleabag“ bezeichnet, betreibt ein kleines, nicht gerade gut laufendes Café in London. Das hat sie einst mit ihrer besten Freundin Boo (Jenny Rainsford) eröffnet, die mittlerweile aber verstorben ist. Ein Schicksal, dass „Fleabag“ immer noch sehr beschäftigt – warum, das wird uns erst später auf tragische Weise deutlich gemacht. Fleabag hat eine komplizierte Schwester, Claire (Sian Clifford), ein anstrengende Patentante, die schon bald ihre Stiefmutter werden könnte (Olivia Colman) und ist ständig auf der Suche nach dem Sinn in ihrem Leben…

Ich muss gestehen, ich hatte anfangs ein wenig Bedenken, dass es sich bei „Fleabag“ nur darum drehen würde, dass Phoebe Waller-Bridge mit verschiedenen Kerlen ins Bett steigt und sich dadurch irgendwie als starke Frau etablieren möchte. Zum Glück wurde relativ schnell deutlich, dass das hier nicht der Versuch war, eine Art feministisches „Sex and the City“ zu drehen. Vielmehr taucht die Serie – in ihren leider viel zu kurzen zwei Staffeln – erstaunlich tief in die Psyche dieser Frau ein, die sich nur durch ihre eigenen Baustellen zu kämpfen scheint. Dabei geht Waller-Bridge, die die Serie auf ihrer One-Woman-Stand-Show aufgebaut hat, sehr präzise und ohne Scheu vor – und präsentiert uns ein aufregendes Psychogramm einer Frau in allen ihren Lebenslagen. Das ist pointiert, witzig, glaubhaft, emotional und vor allem sehr oft verdammt tragisch.

Die Darsteller sorgen dabei natürlich dafür, dass Waller-Bridges Drehbücher voll und ganz zur Geltung kommen. Der schon erwähnte Andrew Scott ist umwerfend. Gerade zu ekelhaft hassenswert ist die großartige Olivia Colman. Gott, was habe ich sie gehasst!!! Wie oft habe ich mir gewünscht, dass Fleabag ihr mal so richtig die Meinung geigen würde. Aber Dreh- und Angelpunkt ist natürlich die grand dame dieser Show: Phoebe Waller-Bridge! Sie hat eine unglaubliche Bandbreite und ist wirklich eine talentierte Schauspielerin… die in ihrer Serie etwas schafft, was schnell ziemlich öde hätte werden können:

Fleabag durchbricht immer wieder die vierte Wand und kommentiert in den unmöglichsten Situationen das Geschehen für uns. Was wie ein Gimmick aussieht, funktioniert in der Serie gerade deshalb so gut, weil wir hier noch einmal einen tieferen Einblick in Fleabags Gedankenwelt bekommen, in der sie noch ehrlicher und schonungsloser redet als in ihrer Realität. Witzig finde ich, dass sie in der zweiten Staffel versuchen, das aufzubrechen – indem der sexy priest es mitbekommt, wenn sie mit uns redet.

„Fleabag“ hat mich wirklich umgehauen und hat sehr, sehr viel Spaß gemacht. Es ist eine witzige Serie, die es gut versteht, die Dramatik und Tragik in die Komik einfließen zu lassen. Es ist eine Show, die zum Nachdenken anregt… und definitiv zum Mehrfach-Gucken.

Wertung: 9 von 10 Punkten (dieser Flohsack ist mehr als unterhaltsam)

15 Kommentare leave one →
  1. 13. April 2020 11:08

    Ich hab die zweite Staffel noch vor mir, war aber nach der ersten etwas hin und hergerissen, weil ich einfach nicht sagen konnte, ob mir die Serie zusagt… vllt wird es Zeit sich an die zweite heranzuwagen

    • donpozuelo permalink*
      13. April 2020 11:18

      Kann ich ein wenig nachvollziehen. Ich war gerade in der ersten Staffel auch immer ein bisschen unschlüssig, ob ich das nun gut finden soll oder nicht. Aber gerade die zweite Staffel hat mich doch noch mal sehr überzeugt. Der solltest du auf jeden Fall noch mal eine Chance geben.

  2. 13. April 2020 17:34

    Ich habe zwei Versuche hinter mir mit der Serie warm zu werden, es ging aber nicht. Vielleicht immer auf dem falschen Fuß erwischt, wer weiß. Wenn ich viel Zeit habe, versuche ich das noch mal, schon wegen Olivia Colman und Andrew Scott , aber ich befürchte, das ist nicht mein Ding.

    • donpozuelo permalink*
      13. April 2020 17:59

      😅😅😅 Ja, nach zwei Versuchen klingt das wirklich so, als wäre der Flohsack nichts für dich. Colman ist aber wirklich toll… wie immer eben. 😄

  3. adoringaudience permalink
    13. April 2020 20:01

    Schön, dass dich das Fleabag-Fieber auch gepackt hat. Kleiner Tipp noch, falls du Lust auf mehr hast. Das Theaterstück, auf dem die Serie basiert, wurde letztes Jahr für NT Live aufgezeichnet. Unter dem Motto „Fleabag for Charity“ kann man das Stück für wenig Geld noch einmal für 48 Stunden bei Amazon Prime leihen oder über die Soho-Theatre-Webseite streamen (alle Infos hier: https://sohotheatre.com/news/fleabag-for-charity). Die Einnahmen gehen an mehrere wohltätige Organisationen.

    • donpozuelo permalink*
      13. April 2020 21:47

      Oh… danke für den Tipp. Ich wollte das Stück tatsächlich ursprünglich im Kino hier in Berlin schauen. Da wollten die das zeigen. Aber gut, dann mache ich das mal über Amazon.

  4. 14. April 2020 10:52

    Die erste Staffel fand ich ganz gut, irgendwie anders, aber nicht total umwerfend.
    Allerdings – die zweite Staffel habe ich mittlerweile drei Mal geschaut. Die Charaktere berühren mich sehr, und ich kann nicht mal sagen, warum. Da gibt es einfach wahnsinnig viele große Momente.

    • donpozuelo permalink*
      14. April 2020 11:22

      Staffel 2 ist wirklich toll. Aber ich kann das bei dieser Serie nicht so ganz in Staffeln unterscheiden. Für mich gehört das alles einfach zusammen.

  5. 26. April 2020 18:23

    Und weil noch niemand was über den Fuchs gesagt hat: der Fuchs war so toll! 😀 (Nicht ganz ernst zunehmender Kommentar)

    Aber witzig ja, denn ich hab vor ein paar Monaten auch mal Black Mirror weitergeschaut und auch in besagter Folge über Andrew Scott geschaut. Den habe ich vorher zwar auch sehr gemocht, hatte aber immer den Eindruck, dass er ein bisschen zu sehr seinen Moriarty aus „Sherlock“ ausreizt. Aber in Black Mirror und hier war er angenehm „etwas eigenes“.

    • donpozuelo permalink*
      26. April 2020 20:17

      „Sherlock“ gehört noch auf meine To-Do-Liste. Ich habe tatsächlich noch nicht eine Folge gesehen… von daher kann ich das mit Moriarty nicht bestätigen 😀

      • 26. April 2020 20:35

        Wwwaaaaaasssss? 😆 Na da wirds aber Zeit. 😉 Sherlock ist echt cool. Aber die Charaktere und Merkmale der Serie sind inzwischen so oft kopiert, dass es vielleicht nicht dieselbe Wirkung erzeugt befürchte ich. Falls du aber doch mal Lust hast: hör am besten nach Staffel 2 auf. 😅 Die haben die Kuh zu lange gemolken.

        • donpozuelo permalink*
          27. April 2020 07:20

          Hahaha… okay. Das werde ich mir merken. Nur sollte ich je damit anfangen, werde ich wohl nicht aufhören können. Da kommt der Zwang in mir durch, dass alles zu gucken 😅

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  1. Eine Handvoll Serienkritiken | ShalimasFilmweltenKritik

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