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Filmreise Etappe #22: Das XYY-Chromosom

13. März 2020

Die letzte Etappe der Zeitreise ist angebrochen. Damit habe ich dann schon zwei große Abschnitte der Filmreise-Challenge hinter mir. Tatsächlich ist Stadion Nummer 22 spannend für mich gewesen, weil ich mich doch erst einmal in das geforderte Genre einlesen musste. Da ist ein italienischer Giallo aus den 70er Jahren gefragt. Klar, ich habe von dem Genre an sich schon gehört und wusste auch schon vorher, dass das ein Subgenre des Thrillers ist. Aber so die richtigen Merkmale waren mir nie bewusst… deswegen habe ich ganz professionell auf Wikipedia nachgeguckt, was einen Giallo denn ausmacht: Da stehen dann so Sachen wie, ein Serienmörder steht im Mittelpunkt, der unter „ritualisierten oder fetischisierten Vorzeichen (z.B. schwarze Handschuhe, phallische Tatwaffe“ seine Morde durchführt, die im „Kontext einer psychosexuellen Pathologie“ stehen. Uff… klingt ja schon mal gut.

Dazu sind die Morde spektakulär inszeniert, während der Rest – sprich: die investigativen Aspekte der Krimihandlung eher zweitrangig sind. Zudem sind Giallo-Filme oft visuell sehr „reizvoll und effizient inszeniert“ (wer schreibt denn so?). Klang nicht schlecht, also ran ans Werk… von niemand Geringerem als „Suspiria“-Regisseur Dario Argento: „Die neunschwänzige Katze“.

Der Film hat schon fast ein bisschen was Sci-Fi-„Clockwork Orange“-artiges an sich: Wissenschaftler haben das XYY-Chromosom entdeckt, das angeblich für gewalttätige Veranlagungen verantwortlich ist. Doch schon bald kommt es unter den Wissenschaftlern zu brutalen Morden. Der Journalist Carlo Giordani (James Franciscus) klemmt sich hinter die Story… und bekommt dabei Hilfe von dem erblindeten Ex-Ermittler Franco Arno (Karl Malden) und dessen kleiner Nichte Lori (Cinzia De Carolis).

Serienmörder – check! Schwerpunkt auf die Morde – oh, Doppelcheck. Meine Güte, in einigen dieser Einstellungen dreht Argento so richtig gewaltig an der Gewaltschraube. Schon zu Beginn wird jemand von einem Zug überrollt – was wir uns in so gefühlt aller Detail-Verliebtheit anschauen dürfen. Reizvoll sind aber sogar schon die Morde an sich inszeniert (damit dann Triple-Check), die oftmals in diesem Film aus einer hektischen Ego-Perspektive des Mörders gefilmt werden, wobei wir dann seine schwarzen Handschuhe (check) und seine Messer (phallisch genug – also check) oder Klavierseiten zum Erwürgen (nicht ganz so phallisch) in Aktion erleben. Dabei spritzt dann das dicke, rote Kunstblut. Viel psychosexuelle Pathologie habe ich da jetzt zwar nicht herausgelesen, aber gut…

Während die Morde wirklich sehr detailliert und aufregend in Szene gesetzt sind, ist der Rest leider wirklich zweitrangig (check)… und daher auch etwas langweilig. Die Investigation ist absolut 08/15 und lädt leider nie so richtig ein, da mitzurätseln. Stattdessen wird man mit einer fast schon unüberschaubaren Anzahl an Charakteren überhäuft, die irgendwie alle mit allem was zu tun haben. Ich konnte nur nach 15 Minuten schon nicht mehr sagen, wer jetzt warum wichtig war und wieso wer gerade vom Mörder getötet wurde. Die Story verliert einen zwar nicht, aber ist eher unübersichtlich und nicht gerade kreativ inszeniert.

Der Aspekt mit Oscar-Preisträger Karl Malden, der hier den Blinden spielt, war noch ganz interessant, aber leider nutzt Argento das nicht so richtig aus. Aus der Prämisse eines blinden Ermittlers, der auf seine kleine Nichte angewiesen ist, hätte man mit Sicherheit mehr machen können.

Was ich zumindest von Argento nach „Suspiria“ schon gewohnt war, war die musikalische Untermalung. Niemand Geringeres als Ennio Morricone selbst hat hier für den Soundtrack gesorgt… der einen ganz schön stark beansprucht. Es gibt kaum eine ruhige Minute und gerade in den Mord-Sequenzen ist die Musik schrill, hektisch, laut und quälend. Das ist Reizüberflutung pur… und nicht zu vergleichen mit den opernartigen Soundtracks, die Morricone später komponierte.

Mit dem Giallo werde ich jetzt nicht wirklich warm werden. Aber danke, Schöpfer der Filmreise-Challenge, dass du das Genre mit auf die Liste gepackt hast.

Wertung: 6 von 10 Punkten (schrill, grell, hektisch und irgendwie doch auch ein bisschen langatmig in der Geschichte – sollte man einmal gesehen haben, danach reicht es dann auch)

P.S.: Dank auch an denjenigen, der diesen reizenden und stilvollen Wikipedia-Artikel geschrieben hat 😛

2 Kommentare leave one →
  1. 15. April 2020 19:34

    Au weia … mit Giallo kann ich ja irgendwie so gar nichts anfangen. Kenne nur Suspiria und noch einen, dessen Titel sich mir nicht eingeprägt hat (nicht der hier). Aber mir war das dort immer von allem zuviel, außer von der Glaubwürdigkeit – davon zu wenig. XD

    • donpozuelo permalink*
      15. April 2020 20:34

      Kann ich absolut nachvollziehen. Mein Genre ist das auch nicht wirklich.

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