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Filmreise Etappe #21: Alte Liebe

28. Februar 2020

Die Filmreise-Challenge bringt mir mehr deutsche Klassiker ein, als ich es für möglich gehalten hätte. Mit „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ waren nun auch sehr offensichtliche Kandidaten mit dabei. Da wurde es jetzt schon ein wenig schwieriger, was ich mir für Nummer 21 aussuchen sollte. Nachdem vor kurzen die französische Nouvelle Vague dran war und mich nicht so ganz überzeugen konnte, wollte ich doch mal schauen, ob mir der neue deutsche Film der 70er Jahre eher zusagt. So komme ich nicht nur in den Genuss eines deutschen Films, sondern auch in den Genuss meines ersten Films von Rainer Werner Fassbinder – ausgesucht habe ich mir „Angst essen Seele auf“.

Emmi (Brigitte Mira) ist Witwe, Putzfrau und schon jenseits der 60. Ein Zufall bringt sie in die Kneipe von Wirtin Barbara (Barbara Valentin), die hauptsächlich Gastarbeiter bewirtet. So lernt Emmi den sehr viel jüngeren Marokkaner Ali (El Hedi ben Salem) kennen. Er bringt sie nach Hause, bleibt sogar über Nacht… und je öfter die beiden sich treffen, desto mehr Gefühle entstehen zwischen ihnen. Bis sie heiraten – für die Damen in Emmis Haus, ihre Kolleginnen bei der Arbeit und ihre Familie eine Katastrophe. Nicht nur wegen dem Altersunterschied, sondern eben auch deswegen, weil Ali ein Ausländer ist.

Da möchte man sagen, dass dieser Film nur damals aktuell war, aber wenn man sich heutzutage umschaut, was so passiert, dann ist „Angst essen Seele auf“ nicht nur vom Titel her nach wie vor sehr relevant, sondern auch vom Thema an sich. Emmis Kampf gegen Ausgrenzung ist von Anfang an ein bedrückend anzuschauendes Schauspiel. Man sitzt als „normaler“ Mensch davor und denkt sich: „Wie kann das nur sein? Wie können Menschen so eklig und dreckig sein? Wieso können diese Menschen das Glück dieser beiden nicht akzeptieren?“ Es tut echt weh, Emmi und Ali so leiden zu sehen. Gerade Brigitte Mira ist so unfassbar gut in dieser Rolle… und stellt sich gegen jede Art von Vorurteil.

Das Absurde an „Angst essen Seele auf“ ist am Ende, dass sich niemand darüber aufregt, dass Emmi einen zwanzig Jahre jüngeren Mann heiratet, sondern eben dass er ein Ausländer ist. Wie der Film systematisch Emmis Ausgrenzung aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zeigt, ist schmerzlich ehrlich. Selbst die eigene Familie stellt sich gegen sie.

Thematisch ist „Angst essen Seele“ auf ein Liebesdrama, das echt ganz schön böse, aber eben ehrlich-böse daherkommt. Schauspielerisch ist der Film manchmal etwas… naja… hölzern, möchte ich sagen. Mira ist, wie erwähnt, wirklich toll. Aber in vielen anderen Szenen wirken die Darsteller sehr steif. Es gibt eine Szene mit Emmis Tochter (Irm Hermann) und Schwiegersohn Eugen (Fassbinder selbst), die schön zeigt, wie unangenehm eine „normale“ Ehe sein kann und im starken Kontrast zu den schönen Gefühlen steht, die sich Emmi und Ali schenken. Gleichzeitig ist diese Szene mit Eugen auch einfach Sinnbild für steife Darsteller. Die Sätze kommen wie auswendig gelernt, die Bewegungen sehr einstudiert, das alles wirkt sehr unbeholfen… und der Film hat einige Szenen, in denen dieses Gefühl aufkommt.

Aber dennoch ist „Angst essen Seele auf“ ein toller Film, aber eben auch ein tieftrauriger Film, der einmal mehr zeigt, was für Arschlöcher und Ekel Menschen sein können.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Liebesfilm, Drama und Appell in einem)

2 Kommentare leave one →
  1. 8. März 2020 13:14

    Da hast du dir einen der besten (und relevantesten) Fassbinder-Filme ausgesucht… 🙂

    • donpozuelo permalink*
      8. März 2020 13:18

      Relevant ist der Film ohne Ende. Damals wie heute. Das stimmt absolut. Dass es auch einer der besten ist, muss ich dir jetzt mal so glauben 😅 hab ja bisher noch keinen anderen von ihm gesehen.

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