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Der einsame Geist

21. Februar 2020

Können Geister eine Existenzkrise haben? Ihre Aufgabe ist doch eigentlich recht eindeutig. In den meisten Fällen haben sie noch irgendwas etwas zu tun, irgendeine Angelegenheit noch nicht abgeschlossen und kehren deswegen zurück. Es gibt sie in knuffiger Cartoon-Form, es gibt sie in ansehnlicher Form (ich denke an dich, Patrick Swayze) und es gibt sie in gruseliger Form – so, wie ich sie eigentlich am liebsten habe. Jeder davon weiß ganz genau, warum er da ist. Doch Regisseur David Lowery wollte sich damit nicht zufriedengeben und erschuf einen ganz neuen Geist. Einen einsamen Geist, der in der Existenzkrise steckte. Sein „A Ghost Story“ ist so überhaupt nicht der Film, den ich erwartet hatte und ist jetzt – nach einigen Stolpersteinen – zu einem Film geworden, mit dem ich jeden nerve werde: „Guckt diesen Film!“ Mit euch, liebe Leser, fange ich einfach mal an.

Der Musiker C (Casey Affleck) lebt mit seiner Frau M (Rooney Mara) in einem kleinen, alten Häuschen, das er liebt. Sie aber würde lieber ausziehen, in die Stadt ziehen. Bevor sie das jedoch klären können, stirbt C bei einem Autounfall… und wacht als Geist wieder auf. Er kehrt in sein altes Haus zurück, sieht dabei zu, wie seine Frau leidet, wie sie wieder neue Liebe findet und wie sie schließlich auszieht. Doch der Geist von C ist irgendwie an das Haus gebunden… und so bleibt er und weiß schon bald nicht mehr, warum.

Als ich anfing, David Lowerys Film „A Ghost Story“ zu gucken, war ich nicht sicher, ob ich diesen Film überhaupt durchhalten würde. Die Geschichte über einen Geist, der sein altes Haus „heimsucht“, klang spannend… fühlt sich in den ersten Minuten extrem artsy an. Lowery verzichtet größtenteils auf Dialoge und Schnitte. So gibt es dann eine Szene, in der ich Rooney Mara gefühlt 10 Minuten (es sind in Wirklichkeit nur 4, aber es fühlt sich sehr viel länger an) dabei zusehen muss, wie sie einen Pie isst. Sie stochert heulend darin rum, stopft sich den Mund voll und kaut, sitzt verzweifelt auf dem Fussboden, während – für sie unsichtbare – der Geist ihres Mannes in der Ecke steht und zu sieht. Bei dieser Szene (und auch einigen anderen) dachte ich echt, ich schalte gleich aus… doch dann kam ein Augenblick, der sich unglaublich eingebrannt hat:

Geist C sieht im Nachbarhaus ebenfalls einen Geist, mit dem er stumm kommunizieren kann. Sie begrüßen sich und der Geist von gegenüber sagt, er warte auf jemanden. Als Geist C fragt, auf wen, kann sich der andere nicht mehr daran erinnern. Es ist genau diese Szene, die den kompletten Film für mich umgedreht hat. Ich fand allein diese Szene so unendlich traurig… und dabei sehen die Geister so absurd aus. Schließlich entschied sich Lowery dafür, einfach riesige Laken mit dunklen Löchern zu verwenden. So albern das im ersten Augenblick auch wirkt, umso mehr hat es mich dann umgehauen. Gerade diese eine Szene war so bewegend, so tief traurig… das war das Schicksal von Geist C und irgendwie hofft man da, er kann dem entgehen.

Lowerys Film ist so unglaublich feinfühlig darin, diese Hoffnungslosigkeit des Geistes einzufangen, der nun an diesen Ort gebunden ist und dessen einzige Aufgabe es ist, die letzte Notiz seiner Frau zu lesen (sie versteckt einen kleinen Zettel im Türrahmen und unser Geist versucht, diesen zu lesen). Dabei erlebt er, wie neue Menschen in sein Heim einkehren und wieder verschwinden. Nur Geist C bleibt und leidet weiterhin darunter, die Erinnerung an seine Frau im Gedächtnis zu behalten. Es ist unglaublich, wie sehr man mit diesem Laken mit Löchern mitfiebert, wie sehr man hofft, dass es am Ende etwas gibt, was diesem Wesen die Möglichkeit gibt, etwas für sich zu finden, womit er zufrieden sein kann. „A Ghost Story“ zeichnet ein so unglaublich berührendes Porträt dieses Gespenstes… ohne dabei viele Worte zu verlieren. Es gibt nur in der Mitte des Films einen längeren Monolog über Vergänglichkeit und den Sinn oder Unsinn im Leben nach etwas zu streben, das auch noch nach einem an jemanden erinnert – und das, während der Geist von C zuhört. Ich muss gestehen, der traurige Geist von C hat mich irgendwie ein bisschen an den traurigen Ohngesicht aus „Chihiros Reise ins Zauberland“ erinnert. Sie tragen beide eine so zerbrechliche Traurigkeit in sich…

„A Ghost Story“ ist kein gewöhnlicher Film, aber ein so unglaublich schöner, wenn man sich darauf einlassen kann. Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr raus – und das obwohl ich anfangs dachte, ich würde diesen Film langweilig finden. So kann es gehen…

Wertung: 9 von 10 Punkten (die traurigste Geister-Geschichte, die ihr je sehen werdet)

15 Kommentare leave one →
  1. 21. Februar 2020 09:35

    Klingt so, als stünde da mein Name drauf. Guck ich mir an.

    • donpozuelo permalink*
      21. Februar 2020 10:44

      Ist ein wirklich toller Film. Ich kann aber auch verstehen, wenn man ihn nicht gut findet. Der ist doch auch sehr eigen. Aber ich fand ihn großartig

  2. 21. Februar 2020 11:16

    Um den Film schleiche ich schon lange herum und das ist nun der endgültige Auslöser ihn wirklich höher zu priorisieren.

    • donpozuelo permalink*
      21. Februar 2020 13:47

      Mach das auf jeden Fall mal. Ist halt echt was anderes, aber einfach nur anders schön.

    • 3. März 2020 16:21

      Dir dürftet der Film sicher gefallen…

  3. 3. März 2020 16:14

    Auch schön, wie es der Geist trotz Handycap keine Mimik zu haben, schafft, uns ständig seine Gefühlswelt mitteilen zu können. Oder zumindest denken wir, dass er dies tut. Die Stelle mit der Torte war auch für mich so ein Moment, wo ich dachte, was das Ganze eigentlich soll. 😉

    • donpozuelo permalink*
      3. März 2020 18:27

      Diesen Tortenszene war auch echt mies… 😅 aber ja, stimmt. Dass mit der Mimik stimmt. War echt super, wie dieser Geist lebendig wurde.

  4. 4. März 2020 10:29

    Dann war es vielleicht nur ich, der bei diesem Film sehr hart gegen den Sekundenschlaf ankämpfen musste…

  5. 13. März 2020 10:44

    Ging mir ganz ähnlich bei dem Film. Anfangs konnte ich damit nicht soviel anfangen, aber ab der Stelle mit der Zettelbotschaft und als sie jemand neues hat, hat mein Kopf auf den geist unendlich viel Trauer und Verlust projiziert. Muss wohl dieser Kuhleschow Effekt sein 😉 Ging mir ab dann aber sehr nah … und als es um diese eine versteckte Zettelbotschaft (oder irgendsowas ähnliches!? meine Erinnerung hinkt) ging, war ich dann schon am Heulen wie ein Schlosshund …

    • donpozuelo permalink*
      13. März 2020 15:32

      Ja, die Zettelbotschaft, das war schon sehr toll. Toller Film, mit dem man sich aber auch wirklich erstmal anfreunden muss

  6. Ma-Go permalink
    16. Mai 2020 08:00

    Der Film ist echt ein Phänomen. An einigen Stellen fand ich es echt hart dran zu bleiben und nicht einzuschlafen.
    Trotzdem hat der Film mich seither nicht losgelassen und ich will ihn auf jeden Fall noch mal anschauen.

    • donpozuelo permalink*
      17. Mai 2020 13:02

      Ja… kann ich absolut nachvollziehen. Gerade zu Beginn war es echt etwas schwer. Diese ganze Kuchen-Szene oder wenn der Geist das erste Mal im Krankenhaus aufwacht…

      … aber im Großen und Ganzen hat mich dieser Film am Ende doch sehr gefesselt. Wie gesagt, dieses Bild dieser beiden Geister, die sich durchs Fenster anschauen und der eine kann sich schon nicht mehr daran erinnern, auf wen er eigentlich wartet, fand ich krass.

      • Ma-Go permalink
        17. Mai 2020 14:11

        Die Kuchenszene, von der alle sprechen, fand ich gar nicht so spektakulär. Schlimm fand ich die Szene, in der Rooney Mara den Müll rausbringt. Da hätte ich am liebsten in den Fernseher gegriffen und ihr geholfen, damit es weitergehen kann 😂

        • donpozuelo permalink*
          17. Mai 2020 20:28

          🤣🤣🤣

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