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Horror-Hüttengaudi

12. Februar 2020

Als ich letztes Jahr im Reha-Zentrum war, musste ich mich auch einmal für eine Stunde mit einem Psychologen unterhalten. Da wir aber schnell feststellten, dass ich jetzt keine Psychosen oder sonst was in der Art hatte, verbrachten wir den Rest der Stunde damit, uns über Horror-Filme zu unterhalten (vielleicht war das auch nur ein psychologischer Trick und wer weiß, was ich damit von mir offenbart habe – aber ich wurde nicht wieder eingeladen, also gehe ich davon aus, es war alles okay 😀 ). Dabei erwähnte der gute Mann auch, dass er sich auf das baldige Fantasy Filmfest und besonders auf den Film „The Lodge“ freuen würde. Ich hatte den Titel wieder verdrängt, bis er mir jetzt auf einmal im Kino-Programm wieder ins Gedächtnis gerufen wurde. Und es gibt ja auch nichts schöneres, mal einen Film zu sehen, von dem man nichts weiß, wo man keinen einzigen Trailer gesehen hat. Zusätzlich fand ich den ersten Film des Regie-Duos Veronika Franz und Severin Fiala, „Ich seh Ich seh“, ziemlich gut. Es sprach also nichts gegen „The Lodge“.

Papa Richard (Richard Armitage) hat seine Frau (Alicia Silverstone) für eine andere verlassen und als er von einer neuen Hochzeit spricht, treibt das seine Ex in den Selbstmord. Nach ein paar Monaten will Richard versuchen, das Verhältnis zwischen seiner Verlobten Grace (Riley Keough) und seinen beiden Kindern, Aidan (Jaeden Martell) und Mia (Lia McHugh) zu kitten. Ein gemeinsamer Urlaub in einer abgeschiedenen Hütte um die Weihnachtstage soll helfen. Doch dann muss Richard wegen seiner Arbeit abreisen und lässt Grace mit Aidan und Mia allein. Keine gute Kombination… die Gefühle sind frostiger als die Schneelandschaft vor der Hütte und schon sehr bald wird es sehr merkwürdig.

„The Lodge“ ist ein sehr facettenreicher Film, der viel aus seinen Charakteren herausholt. So hat zum Beispiel Grace noch eine sehr tragische Hintergrundgeschichte, ist sie die einzige Überlebende einer Sekte, die von ihrem Vater angeführt und in den Massensuizid getrieben wurde. Grace selbst ist also eigentlich schon ein seelisches Wrack, das mit dieser neuen Situation selbst ihre argen Schwierigkeiten hat. Aber sie setzt alles daran, mit den Kindern klarzukommen. Riley Keough ist einfach nur wahnsinnig gut in dieser Rolle, sie wirkt mal so unglaublich zerbrechlich und dann wieder so unglaublich unheimlich. Gerade weil wir von ihrer Vergangenheit wissen und doch so wenig über ihren Gemütszustand urteilen können, macht sie das zu einer Präsenz, die einen im Unklaren lässt. Die Dinge, die in der Hütte passieren, passieren die wegen ihr? Hat sie damit etwas zu tun? Keough trägt diese Atmosphäre in jeder Szene, sie spielt diese Rolle so unglaublich gut.

Gleichzeitig haben wir da noch ihre „Gegenspieler“, Lia McHugh und den Horror erprobten Jaeden Martell, der ja schon gegen Pennywise antreten musste. So langsam habe ich echt das Gefühl, dass Veronika Franz und Severin Fiala keine guten Erfahrungen mit Kindern hatten. In „Ich seh Ich seh“ waren die beiden Brüder schon verdammt unheimlich, jetzt in „The Lodge“ sind Martell und McHugh auch anstrengende Bälger. Aber auch hier schaffen es Franz und Fiala, dass wir das nachvollziehen können. Immerhin haben diese Kinder ihre Mutter verloren und geben auch der neuen Frau an der Seite ihres Vaters die Schuld. Was der Film aber aus diesen beiden Kindern macht, ist eine Stufe krasser als ich es erwartet hatte. Ich will an dieser jeden Spoiler vermeiden, aber wenn es Arschlochkinder in Horror-Filmen gibt, die unheimlich und gruselig sind, dann setzen McHugh und Martell dem einen ganz neuen Maßstab. Ich war erst nicht so ganz überzeugt von dem, was sich da entfaltet, aber je mehr ich drüber nachdenke, ist es so perfide und fies, dass mir das noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Was „The Lodge“ neben den Charakteren gut hinbekommt, ist das Aufbauen einer unangenehmen Atmosphäre. Man kann es nicht greifen, weiß nicht, mit wem man mitfiebern soll, wer hier wen in den Wahnsinn treibt oder was hier eigentlich gerade passiert. Aber es macht einen fertig. Ohne jump scares oder billige Tricks entwickeln Franz und Fiala eine Stimmung, die perfekt zu diesem Film passt. Nur zur Mitte des Films zieht sich das Ganze etwas in die Länge und bleibt zu lange auf einer offensichtlichen Schnapps-Idee hängen, was sich dann zum Glück durchs Finale wieder relativiert. „The Lodge“ ist ein Psychoterror-Horror-Film, der wirklich für Gänsehaut sorgt.

Wertung: 8 von 10 Punkten (Kinder bleiben unheimlich bei diesem Regie-Duo… dieses Mal noch mehr als in ihrem Debüt)

8 Kommentare leave one →
  1. Ma-Go permalink
    12. Februar 2020 07:55

    “aber ich wurde nicht wieder eingeladen, also gehe ich davon aus, es war alles okay“

    Oder hoffnungslos 😉

    • donpozuelo permalink*
      12. Februar 2020 16:17

      🤣🤣🤣🤣🤣

      Ich versuche mein Glas immer als halbvoll zu sehen. An die Möglichkeit, dass es hoffnungslos ist, hatte ich gar nicht gedacht 🙈🙈🙈

  2. 12. Februar 2020 21:39

    Ich mag den Film unheimlich gerne und habe ihn sogar schon ein zweites Mal im Kino gesehen. Ich steh total auf die Keough.
    Die beiden Regisseure waren ja beim Fantasy Filmfest dabei. Sind echt sympathisch und lustig.
    Tja die Kinder… ich glaube, ich bin die Einzige, die irgendwie Verständnis für die beiden hatte. Es sind eben nur Kinder und die meiner Meinung nach, konnten sie die Tragweite ihrer Tat nicht absehen, weil sie die Problematik der Freundin nicht verstanden. Irgendwie waren alle „arme Schweine“.

    • donpozuelo permalink*
      13. Februar 2020 09:12

      Es sind auch wirklich alles arme Schweine. Dass die Kinder die Schwere ihrer Tat nicht wirklich einschätzen konnten, will ich auch gar nicht in Frage stellen. Creepy und unheimlich finde ich sie trotzdem 😅

      Aber ja, die Keough finde ich auch super. Und der Film ist auch echt toll.

  3. 14. Februar 2020 22:19

    Wenn ich „Ich seh, ich seh“ nicht mochte – ist dieser Film dann trotzdem etwas für mich? Deine Review klingt ja ganz vielversprechend…

    • donpozuelo permalink*
      15. Februar 2020 10:30

      Die unterscheiden sich schon. Ich muss auch sagen, ich mag den hier mehr als „Ich seh Ich seh“ (den hatte ich nach 10 Minuten durchschaut).

      Ich würde mal sagen, du kannst „The Lodge“ auf jeden Fall eine Chance geben. Finde den atmosphärischer als den Film davor.

      • 15. Februar 2020 11:07

        Wie oft ich lese, dass die Leute „Ich seh, ich seh“ so schnell durchschaut haben! Der Twist war das einzige, was ich diesem Film noch wirklich abgewinnen konnte, weil er mich kalt erwischt hat ^^

        • donpozuelo permalink*
          15. Februar 2020 14:07

          😀 Ich weiß auch nicht. Mir war das so schnell so klar… Aber „The Lodge“ ist da sehr viel gemeiner – und auch für mich Angeber 🙂 nicht vorhersehbar gewesen.

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