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Die Regenschirme von Pei

24. Januar 2020

Als ich hörte, dass dieses Jahr mal wieder ein Film von Zhang Yimou ins Kino kommen würde, wurde ich hellhörig. Ich mag diesen Regisseur einfach, weil er so perfekt opulenten Bombast verfilmt wie kein anderer. Sein Film „Hero“ ist für mich immer noch eines der besten Beispiele dafür, wie man eine tolle Geschichte in noch tolleren Bildern erzählen kann. Das sind Bilder, in denen man sich verlieren kann, die präzise in Szene gesetzt sind, wo nichts dem Zufall überlassen wird. Vor zwei Jahren hat er dann zwar mit „The Great Wall“ ziemlich ins Klo gegriffen (obwohl der Film auch seine Schauwerte hatte), weswegen ich vorsichtig gespannt war auf „Shadow“.

Vor Jahren verlor das Königreich Pei die wichtige Stadt Jingzhou an das Königreich Yang. Der Befehlshaber der Armeen von Pei, Ziyu (Deng Chao), hat nun das Unglaubliche getan: Er hat den Heerführer und legendären Kämpfer Yang Can (Hu Jun) zu einem Duell herausgefordert, um Jingzhou zurück zu erobern. Was jedoch niemand am Hofe Peis weiß: Ziyu wurde im ersten Kampf gegen Yang schwer verletzt – und seitdem hat er einen Doppelgänger ausgebildet, ein Mann namens Jingzhou (Deng Chao). Ihn trainiert er im Kampf gegen die Lanze von Yang Can mit einem Regenschirm – jupp, klingt verrückt, ist aber so.

Ich höre an dieser Stelle mal auf, ansonsten würde ich mich in dieser Story verlieren. Sagen wir mal, „Shadow“ liefert genau das an Story ab, was ich mir von einem Zhang-Yimou-Film wünsche: alles ist herrlich verworren. Jeder hat vor jedem Geheimnisse, jeder betrügt irgendwie jeden. Intrigen und Ränkespiele sind hier am Hof des Königs gang und gäbe. „Shadow“ macht da keine Ausnahme – und das allein macht schon unheimlich viel Spaß. Zugegebenermaßen bedeutet das aber auch, dass es zu Beginn eher langsam zugeht. Da wird erst einmal viel geredet und noch ein bisschen mehr geredet… und oh ja, noch mehr geredet. Aber je mehr man sich da reinversetzt, je deutlicher man plötzlich die Zusammenhänge erkennt, desto faszinierender wird das Ganze – geht zumindest mir so. Klar, man muss diese Art von Film einfach auch ein wenig mögen, sonst hat man da nicht so den Zugang zu. Wer das aber mag, der kriegt ordentlich was auf die Mütze.

Die Story wird spannender und spannender, am Ende zwar in seinen Twists und Wendungen etwas vorhersehbar, aber dadurch verliert das Ganze nicht an Spannung. Und das Finale bzw. die letzte Einstellung ist dann etwas, worüber man dann wunderbar diskutieren kann – weil Zhang Yimou es hier offenlässt, wie es weitergehen könnte. Klingt jetzt vielleicht schlimm, ist aber tatsächlich das perfekte Ende für diesen Film.

Optisch ist „Shadow“ jetzt definitiv kein neues „Hero“ oder ein „Der Fluch der goldenen Blume“… denn dieser Film versinkt eher in Grautönen, in den nassen, nassen Grautönen, die der anhaltende Regen in den Königreichen mit sich bringt. Der Dauerzustand von Grau lässt keine Farben zu und dennoch schafft Zhang damit auch eine Atmosphäre, die einen sehr bedrückt. „Shadow“ ist vielleicht nicht opulent und farbgewaltig wie einige seiner Vorgänger, bildgewaltig ist er dennoch. Allein die Kampfsequenzen sind schon verdammt beeindruckend. Zhang weiß, wie man gekonnt zwischen Zeitlupen hin und her springt. Und der große Kampf (auch schon die Trainingseinheiten) auf einem großen Ying-Yang-Symbol sind wahnsinnig schön anzusehen. Wenn dann Regenschirm gegen Lanze antritt, zieht das im ersten Augenblick etwas merkwürdig aus, im zweiten dann aber verrückt und großartig zugleich. Da zeigt sich dann wieder der Perfektionist Zhang mit seinen tollen Bildern und Einstellungen.

„Shadow“ ist toll choreografiert – und das nicht nur in seinen sehenswerten Kampfszenen. Die Intrigen am Hofe würden selbst „Game of Thrones“ vor Neid erblassen lassen. Die Charaktere sind spannend geschrieben und lassen einen mitfiebern bei diesem Kampf um die Stadt Jingzhou.

Wertung: 8 von 10 Punkten (der Regenschirm-Tanz-Kampf in diesem Film ist schon sehr bemerkenswert – das sollte Keanu Reeves mal für „John Wick 4“ machen)

3 Kommentare leave one →
  1. 4. Februar 2020 20:18

    Ich mochte den Streifen wirklich seeehr, aber er hat die Gemeinde gespalten, vielleicht wegen der englischen Untertiitel und den vermeintlich soliden Mandarinkenntnissen einiger Poser im Kino, die alles total zerredeten – Fantasy Filmfest eben :))

    • donpozuelo permalink*
      4. Februar 2020 21:20

      Uff… das klingt unheimlich. Hab den zum Glück in ner Spätvorstellung mit knapp 5 Leuten gesehen. Das war angenehm 😅

Trackbacks

  1. 2020 | Going To The Movies

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