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One-Shot-War

20. Januar 2020

Kamera-Männer kennt man eher selten. Es stechen zwar immer mal wieder ein paar Namen hervor, aber es kommt nicht zu oft vor, dass die ähnlich große Berühmtheit erlangen wie die Darsteller oder der Regisseur. Zu meiner Schande kenne ich selbst kaum wirklich Kamera-Leute, deren Name allein mein Interesse an einem Film weckt. Aber es gibt eben diesen einen Namen, der sich durch zahlreiche, wirklich visuell beeindruckende Filme herauskristallisiert hat… und natürlich ist dieser Name Roger Deakins. 14 Oscar-Nominierungen hat er bekommen, bevor er dann 2018 endlich mal für „Blade Runner 2049“ ausgezeichnet wurde. Jetzt hat er sich mit seinem „Skyfall“-Partner und Regisseur Sam Mendes zusammengetan und, wie ich finde, seine nächste Nominierung (und möglicherweise seinen zweiten Oscar) schon so gut wie sicher… denn der Kriegsfilm „1917“ sieht aus, als wäre er in einem einzigen Take gedreht worden.

Im April 1917 will die britische Armee einen Vorstoß gegen deutsche Stellungen wagen. Die deutsche Armee hat sich zu einem bestimmten Punkt zurückgezogen und nun glaubt die Leitung der Briten, sie könnten einen entscheidenden Schlag gegen ihren Feind austeilen. Doch das Ganze ist eine Falle… und mehr als 1600 Soldaten droht der sichere Tod. Um das zu verhindern, schickt General Erinmore (Colin Firth) die jungen Soldaten Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) mit einer dringenden Botschaft zu dem Bataillon. In einem Wettlauf gegen die Zeit müssen die beiden Soldaten durch feindliches Gebiet…

„1917“ ist visuell einfach nur beeindruckend. Wenn alles an einem Stück, ohne sichtbaren Schnitt, gedreht wurde, ist das immer schwer beeindruckend. Das war schon in „Birdman“ verdammt cool und auch im deutschen Film „Victoria“… aber bislang habe ich noch nichts in dem Ausmaße wie „1917“ gesehen. Das muss ja eine Tortur und ein Planungsaufwand sondergleichen gewesen sein. Explosionen, Schießereien, Flugzeuge, Massen an Soldaten und und und… Dieser Film ist nicht klein, nur weil er zwei Soldaten folgt. Alles ist riesig und gleichzeitig bedrückend und erschreckend. Man kommt sich als Zuschauer vor, als wäre man der unsichtbare Dritte, der den beiden Soldaten auf Schritt und Tritt folgt. Die Kamera ist immer anwesend, man sucht selbst immer angespannt das Bild ab, um nichts zu verpassen… man wird wirklich Teil des Films.

Dazu lässt sich Kamera-Mann Roger Deakins dann auch wirklich nicht lumpen und liefert Kamera-Fahrten ab, die es wirklich in sich haben. In Verbindung mit dem wirklich grandiosen Set-Design und dem Aufwand, der an Kostümen, Schützengräben, ruinierten Städten und was nicht alles gemacht wurde, wird „1917“ zu einem Achterbahn-Erlebnis der etwas anderen Art.

Wie man schon merkt, gerät die Story dabei ein klein wenig in den Hintergrund. Ich gestehe, ich war mehr von den Einfällen der Kamera fasziniert, die einfach unglaublich sind. Das zieht einen einfach in seinen Bann. Da kann man dann verschmerzen, dass die Story nicht so stark ist. Im Gegenteil, man hat hier und da einfach zu sehr das Gefühl, dass einfach zu viele Dinge zu zufällig passieren. Ihnen ist das Glück der Hollywood-Helden hold, da kann man eben auch mal bei einem laufenden Angriff aus dem Schützengraben klettern und oben langlaufen, ohne getroffen zu werden, obwohl um einen herum alle wie die Fliegen fallen.

Genau so gut könnte man sagen, dass Dean-Charles Chapmann (übrigens King Tommen aus „Game of Thrones“, den ich nicht wirklich wiedererkannt habe) und George McKay kaum schauspielern müssen. Ähnlich wie einst Leonardo DiCaprio in „The Revenant“ durchleiden die Beiden hier wirklich Höllenqualen… aber das macht die Erfahrung von „1917“ nur  noch realistischer (auch wenn ein wenig Hollywood-Pathos mitschwingt). Dennoch ist der Film ein packendes Anti-Kriegsdrama, in dem die Menschlichkeit Vorrang vor großer Action und Gemetzel hat.

„1917“ ist eine Erfahrung. Visuell extrem beeindruckend, der Soundtrack und das Sound-Design hauen einen einfach vom Stuhl… man hat das Gefühl, wirklich mit dabei zu sein. Ich war tatsächlich seit Nolans „Dunkirk“ nicht mehr so angespannt und schreckhaft und nervös bei einem Film. Sam Mendes hat sich nach „Spectre“ echt wieder rehabilitiert und liefert einen Film ab, der wirklich definitiv im Kino geguckt werden muss.

Wertung: 8 von 10 Punkten (ein visuelles Meisterwerk, starker Anti-Kriegsfilm)

11 Kommentare leave one →
  1. 25. Januar 2020 17:43

    Jetzt, wo du es schreibst – stimmt, das ist ja der kleine Tommen aus GoT. Hab ich auch nicht erkannt.

  2. 26. Februar 2020 21:11

    King Tommen … habe ich auch nicht erkannt! Hach, sie werden so schnell erwachsen! XD
    1917 hat mir auch sehr gut gefallen. Deakins hat den Oscar höchst verdient gewonnen. Was die Handlung betrifft, hatte ich aber ein ähnliches Problem mit dem Film. Die Szene wo er aus dem Schützengraben während des Sturms ausbricht fand ich ein bisschen lächerlich muss ich leider sagen … aber alles andere war sehr mitreißend. Und ich bin auch keine begeisterte Zuschauerin von (Anti)Kriegsfilmen …

    • donpozuelo permalink*
      27. Februar 2020 15:40

      Ja, in der Stoey steckte manchmal einfach zu viel Hollywood-Kirsch mit drin. Aber vom Technischen allein ein grandioser Film.

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