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Filmreise Etappe #15: Finde dein Fahrrad!

13. Dezember 2019

In der Kategorie „Zeitreise“ der Filmreise Challenge orientiere ich mich weniger an den genauen Vorgaben, sondern eher an die Zeiten. Irgendwie hatte ich zum Beispiel nicht wirklich Lust, meinen Sonntagabend (an dem ich zurzeit immer den nächsten Kandidaten der langen Reise in Angriff nehme) damit zu verbringen, mir einen Propaganda-Film der 30er Jahre anzuschauen. Also habe ich lieber „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ geguckt. Jetzt in den 40er Jahren will ich mich aber tatsächlich mal an die Vorgaben halten… denn vom italienischen Neorealismus hatte ich weder gehört noch eine Vorstellung, was mich erwarten würde. Zum Glück fand ich dank Google einen Klassiker dieser Phase, den YouTube dann freundlicherweise auch noch in guter Qualität und mit Untertiteln zur Verfügung stellen konnte. So war dann mein Sonntagabend mit „Fahrraddiebe“ gesichert.

Antonio Ricci (Lamberto Maggiorani) verdingt sich im Rom der Nachkriegszeit als Tagelöhner, um Geld für sich und seine Familie zu verdienen. Eines Tages bekommt er einen begehrten Job als Plakat-Kleber. Voraussetzung für die Stelle ist, dass Antonio sein eigenes Fahrrad hat. Weil Ehefrau Maria (Lianella Carell) die gute Bettwäsche zum Pfandleiher bringt, kriegt ihr Mann sein Fahrrad und macht sich am nächsten Tag auf zur Arbeit. Leider währt das Glück nicht lange: Gemeine Fahrraddiebe klauen ihm seinen Drahtesel und ruinieren ihm alles. Doch Antonio gibt nicht auf: Gemeinsam mit seinem kleinen Sohn Bruno (Enzo Staiola) sucht er in Rom nach seinem Fahrrad…

Was es mit dem italienischen Neorealismus auf sich hat, wird ziemlich schnell deutlich: Es ist alles mehr als nur realistisch. Die Dreharbeiten finden mitten in den Trümmern von Rom statt, mitten auf den Straßen oder den engen Gassen der italienischen Hauptstadt. Die Geschichte dreht sich um etwas Nachvollziehbares für diese Zeit. Unser Held ist kein strahlender Kerl, der für Recht und Ordnung sorgt. Er ist ein armer Schlucker, der versucht, irgendwie sein Leben zu leben. Er wird in Versuchung geführt, in die Enge getrieben, er wird wütend, er wird verletzt… am Ende will der Neorealismus eine ungeschminkte Wahrheit zeigen.

Und das gelingt Regisseur Vittorio de Sica verdammt gut. Mit Antonio durchleiden wir die Armut des Volkes, das nach dem Krieg mit allen Mitteln ums Überleben kämpft. Von der Schönheit Roms sieht man nicht wirklich was. In „Fahrraddiebe“ wird auch nichts durch Studio-Aufnahmen beschönigt. Das Ganze hat vielmehr einen schon fast dokumentarischen Stil, bei dem wir Vater und Sohn bei ihren Irrwegen durch die Straßen Roms begleiten, wie sie auf Trödelmärkten nach einer Spur suchen. Dabei sehen wir dann auch, wie der Rest der Stadt sich durchschlägt.

Die Darsteller spiegeln diese Schnörkellose ebenfalls gut wieder – da sie alles Laien sind. Lamberto Maggiorani arbeitete vorher in einer Fabrik und hatte keinerlei Schauspielerfahrung. Genauso wenig sein Sohnemann-Darsteller Enzo Staiola. Was man beiden aber nicht anmerkt – das wiederum liegt wahrscheinlich einfach auch daran, dass sie nicht wirklich spielen, sondern nur das wiedergeben, was sie sowieso tagtäglich erfahren.

„Fahrraddiebe“ ist eine interessante Erfahrung… es fühlt sich eher wie ein Stück Zeitgeschichte an als wie ein fiktives Werk. Hier gibt es kein Happy-End (sorry!), hier gibt es nicht plötzlich das Fahrrad mit roter Schleife zurück. Das hier soll das wahre Leben sein und nicht schöne Fiktion. Das ist dann halt auch mehr als einmal ziemlich deprimierend und an ein oder zwei Stellen hatte ich schon auf etwas Glück gehofft. Aber das ist dann nicht neorealistisch. Hier wird Kino halt nicht als eine Form des Eskapismus verstanden, hier wird man mit der harten Realität konfrontiert. Gemütliche Unterhaltung sieht definitiv anders aus, aber im Rahmen der Filmreise Challenge war das ein sehr interessanter und sehenswerter Ausflug.

Wertung: 8 von 10 Punkten (deprimierend, hart, ungeschönt – Neorealismus at its best)

10 Kommentare leave one →
  1. 14. Dezember 2019 18:38

    Mensch, da hast du ja DEN Klassiker schlechthin nachgeholt ^^
    Ich muss gestehen, dass ich ihn noch nie gesehen habe, obwohl er Bestandteil eines Seminars aus meiner Studienzeit war…

    • donpozuelo permalink*
      14. Dezember 2019 23:32

      Nicht gesehen, obwohl Teil des Seminars… 😀 Das geht ja gar nicht. Musst du dringend nachholen!!!

      • 16. Dezember 2019 09:03

        Immerhin war ich damals einer der wenigen, die immer die vorgegebenen Texte gelesen hatten 😄

        • donpozuelo permalink*
          16. Dezember 2019 11:24

          Wenigstens das 😅😅😅

    • 19. Dezember 2019 15:16

      Was war denn das für ein Seminar, in dem es um italienischen Neorealismus geht?

      • 21. Dezember 2019 10:01

        Ich glaube, es sind um Genre und Filmgeschichte. War alles dabei, von den verschiedenen Phasen des Dokumentarfilms über Propaganda, Neorealismus, New Hollywood bis modern. Hat sich ja über ein halbes Jahr erstreckt.
        Was ich aber nie verstanden habe: Warum der Seminarleiter nicht mal regelmäßig Kino-Touren mit uns gemacht hat. War ziemlich durch-routiniert, das alles…

        • donpozuelo permalink*
          21. Dezember 2019 15:52

          Typisch Uni halt… bloß nicht mal mitdenken und den Leuten gute Sachen im Kino zeigen 🙈

        • 22. Dezember 2019 17:40

          Na ja, der Dozent war auch während der Seminare immer nur halb anwesend. Der erste Teil jeder „Sitzung“ bestand aus einem Referat der Studierenden, und da hat er im Prinzip nur in seinen Laptop gestarrt ^^‘
          Ist aber echt schade. Wenn ich so etwas leiten würde, dass würde ich ein mal pro Woche mit den Studenten ins Kino gehen und die ersten 15 Minuten des Seminars auf eine Diskussion/Analyse verwenden.

        • donpozuelo permalink*
          22. Dezember 2019 20:28

          Absolut. So sollte so ein Genre / Filmseminar ja auch sein. Alles andere ist einfach nur dumm. Da kann man sich dann auch einfach ein Buch nehmen und das lesen

Trackbacks

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