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Scheiden tut weh!!!

9. Dezember 2019

Netflix-Filme im Kino gucken, das ist ja immer so die schwierige Frage. Immer öfter schaffen es ja die größeren Titel mit mehr Star-Power vor und hinter der Kamera auch mal ins Kino. Oft nicht gerade in die großen Kinos, aber ein paar der kleineren nehmen sie schon gerne mal (ist zumindest hier in Berlin so). Oft frage ich mich dann: „Hmmm… soll ich das jetzt im Kino gucken und noch einmal extra Geld dafür ausgeben oder gönne ich es mir einfach bequem zuhause?“ Wenn es so etwas Bildgewaltiges wie beispielsweise „Annihilation“ wäre, würde ich sogar den Kinobesuch bevorzugen, doch meistens lasse ich es dann beim Netflix-Gucken. „The Irishman“ wollte ich auch im Kino sehen, doch jetzt bin ich gleich doppelt froh es nicht gemacht zu haben: 3 ½ Stunden auf einem unbequemen Stuhl vs. meine gemütliche Couch – das war schon mal einfach. Und nach dem Film war ich dann gleich noch froher über meine Entscheidung. Aber lange Rede, kurzer Sinn: Auch der neue Film von Noah Baumbach „Marriage Story“ mit Adam Driver und Scarlett Johansson lief hier auch im Kino… aber auch den habe ich mir lieber zuhause angeschaut. Im Gegensatz zu „The Irishman“ habe ich das weniger bereut 😀

Charlie (Adam Driver) ist ein erfolgreicher New Yorker Theater-Regisseur, Nicole (Scarlett Johansson) ist seine Frau und Hauptdarstellerin in seinem erfolgreichsten Stück. Doch die lange Ehe der Beiden geht nun in die Brüche. Nicole nimmt die Rolle für eine Pilotfolge an und zieht mit dem gemeinsamen Sohn Henry (Azhy Robertson) zurück nach L.A., wo auch ihre gesamte Familie lebt. Charlie ist nun gezwungen, zwischen New York und L.A. hin und her zu pendeln… und eigentlich haben sich die Zwei geschworen, die Trennung ganz ohne Anwälte durchzuziehen. Was Nicoles Anwältin Nora (Laura Dern) lächelnd benickt und dann zum Schlag gegen Charlie ansetzt… der natürlich mit seinem Anwalt zurückfeuert.

„Criminal lawyers see bad people at their best, divorce lawyers see good people at their worst“… dieser Satz fällt relativ früh im Film und bereitet uns mehr oder weniger darauf vor, was uns in diesem Film erwartet: Gute Menschen, die sich einst geliebt haben, die sich nun an die Gurgel gehen. Und wow, „Marriage Story“ zeigt es genau so… es beginnt mit den großen Liebesbekundungen, was der jeweils andere an seinem Partner einst liebte und dann zerbricht vor unseren Augen nach und nach alles. Es ist irgendwie gruselig, dass so zu sehen… aber gerade weil man es aus jeder Beziehung kennt, kann man so viel damit verbinden. Erst ist immer alles Friede, Freude und rosa Brille, aber wenn die fort ist und man sich trennt, sieht man alles auf einmal ganz anders. Noah Baumbach fängt dieses Gefühl, unglaublich gut ein. Seine Dialoge sind messerscharf und sprechen echt jedem, der mal in einer Beziehung war, aus der Seele. Ich glaube, das ist gerade das, was „Marriage Story“ so ausmacht:

Er beschönigt nichts und bleibt dabei sehr in der Realität verwurzelt. Es gibt genau zwei Szenen, in denen ein anderer Regisseur mit Fokus auf mehr Romance als Drama in die Richtung Kitsch gegangen wäre und uns doch wieder Hoffnung auf die große Liebe gemacht hätte. Aber nicht Noah Baumbach… er zeigt uns nur, dass wir hier zwei gute Menschen begleitet haben, die sich geliebt haben und immer noch etwas für einander übrig haben, aber sich dennoch wirklich getrennt haben. Es ist ein heftiger Streit zwischen Nicole und Charlie, der eine der heftigsten Szenen des gesamten Films ist, in der perfekt all das zusammenspielt, was „Marriage Story“ so großartig macht. Baumbach legt ein Feingefühl für die Gefühlswelt seiner Charaktere an den Tag, das so sensibel und so genau beobachtet ist, dass es nie gespielt wirkt. Das ist wirklich „good people at their worst“… und es haut einem einfach so den Boden unter den Füßen weg. In der Szene habe ich die meisten Tränen vergossen (und dann noch mal zum Schluss :D)

Dazu kommt, dass gerade Adam Driver sich in diesem Film einfach nur die Seele aus dem Leib spielt und so nuanciert jede noch so kleine Verzweiflung wiedergibt, dass man wirklich mit ihm mitleidet. Scarlet Johansson ist auch super, gerade weil sie ein wenig als das Biest dargestellt wird – zumindest, wenn man sie aus Sicht von Charlie betrachtet. Doch steckt da natürlich viel mehr dahinter… und so vermeidet es Baumbach gekonnt, zu sehr Partei zu ergreifen. Denn die das Böse in den guten Menschen (in sowohl Charlie als auch Nicole) kommt eher von den Anwälten (Laura Dern in einer wunderbar hassenswerten Hammer-Performance).

„Marriage Story“ ist ein packendes Drama, ergreifend, berührend, traurig, witzig und ehrlich. Hier sucht man vergeblich den üblichen Hollywood-Kitsch – und gerade das macht diesen Film wirklich sehr erfrischend.

Wertung: 9 von 10 Punkten (dieser Film sollte vor jeder Eheschließung gezeigt werden)

8 Kommentare leave one →
  1. 10. Dezember 2019 09:53

    Au weia, ich leg schon mal Taschentücher bereit. Für meine Frau natürlich 😉

    • donpozuelo permalink*
      10. Dezember 2019 12:24

      🤣🤣🤣 ja genau… besser ist das. Aber es ist wirklich ein toller, toller Film.

      • 10. Dezember 2019 15:22

        Ja, ich bin gespannt. Einer der Filme über die man wirklich nur sehr Gutes hört und liest

        • donpozuelo permalink*
          10. Dezember 2019 15:47

          Er ist auch einfach gut… unbedingt gucken. 😁👍

  2. 14. Dezember 2019 18:29

    Der einzige Film von Noah Baumbach, den ich bisher gesehen habe, war der ekelhaft prätentiöse „Frances Ha“ – aber auf den hier habe ich mich tatsächlich schon länger gefreut. Ich bin großer Fan der beiden Hauptdarsteller und die Lobeshymnen werden ja nicht leiser. Mal schauen, wann ich dazu komme, ihn zu sehen.

    • donpozuelo permalink*
      14. Dezember 2019 23:34

      „Frances Ha“ habe ich nicht gesehen. Ich habe von ihm nur „Greenberg“ geguckt. Aber an den kann ich mich schon kaum erinnern. „Marriage Story“ ist aber tatsächlich ziemlich gut. Kann ich nur empfehlen…

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